Zeitung Heute : Mund, Nase, Komma, Strich...

RONALD BERG

...fertig ist das Fotogesicht: Kunst von Krystyna Piotrowska und Yvonne TrappRONALD BERGKrystyna Piotrowska hat auf großen Aluminiumblechen Fotovorlagen montiert.In einer ganzen Serie sind Porträtfragmente, jeweils nur der Hals und der bis zur Nase reichende Teil des Gesichts grobkörnig wiedergegeben.Teils von lebendigen Personen, teils von steinernen Statuen sind die Züge von Mund und Nase entliehen.Mal sind es schöne, mal ältliche Frauenmünder, die sich mit den idealen Lippen und die wallenden Locken von offenbar göttlicher Schönheit messen.Ideal und Wirklichkeit? Oder doch eher der Triumph des Individuellen über die Konstruktion des ebenmäßig Schönen? In gleicher Technik entstanden die "Duplikate", Porträts aus alten Fotografien, die verdoppelt wie siamesische Zwillinge nebeneinander stehen.Auch hier erzeugt die technische Machart der Bilder einen dunklen Schleier um die Gesichter, entrückt sie in eine Vergangenheit, ohne daß sie an Präsenz verlieren würden.Im Gegenteil: Erst die Entrückung verklärt die Personen, macht aus ihnen ideale Erscheinungen. Ebenso wie der heute in Schweden lebenden Polin geht es auch Yvonne Trapp (Jahrgang 1964) um das Verhältnis von Ideal und Idol.In einer Vielzahl von Dokumenten und Fotos hat Trapp die "Legende des ewigen Mannes" ausgebreitet, beginnend mit der "Ersten plastischen Erscheinung" dieses Wesens, das Trapp 1985 in einer Tonfigur materialisierte, dem "Prototyp 0".Diese sichtbar männliche Figur, äußerlich eine Art Engel mit Motorradhelm in der Haltung des Gekreuzigten, wurde zum Ausgangspunkt eines ganzen künstlich-künstlerischen Kultes, bei dem der "Ewige Mann" in der Form von allerlei Devotionalien in eine pseudoreligiöse Sphäre versetzt wurde.Glücksbringer, am Halse zu tragende Abzeichen, Sigel aus gebranntem Ton, Münzen, Motivbildchen, eine Broschüre über "Das Relief aus Dijon", in dem sich die Figur abdrückt, ein verhangener Schrein, ein Kalender mit den Jahrestagen seiner Erscheinung, die mit Festen in eigens angefertigter Tracht begangen werden sollten, präsentieren einen Kult ohne eigentlichen Inhalt.Logisch, daß man auch in der Guardini-Stiftung derlei Kultartikel erwerben kann.Ein zusätzlicher Opferstock für Spenden dient der Errichtung eines Museums des "Ewigen Mannes".Einer artikulierten Botschaft des "Ewigen Mannes" bedarf es scheinbar bei alledem nicht mehr: der Kult ist die Botschaft. Guardini-Stiftung, Tempelhofer Ufer 22; bis 24.10.; Mo bis Do 10-17, Fr 10-15 Uhr. 

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