Museum : Sammlungen in Bewegung

Viele Unternehmen haben im Laufe der Jahre mit großer Kompetenz Kunstwerke erworben, die auch für das Museum interessant sind.

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Relief
Raumteiler. Die Daimler Kunstsammlung konzentriert sich auf minimalistische Werke wie das gelbe Relief von Charlotte Posenenske...Foto: Daimler Kunstsammlung/TOCAG

Man kann es ein Geschenk nennen. Oder aber den geglückten Versuch, sich elegant der Pflicht zu entziehen. In jedem Fall ist das Frankfurter Städel Museum seit Oktober 2008 um 600 Arbeiten reicher – und die Deutsche Bank um dieselbe Zahl an Kunstwerken leichter.

Abzugeben waren Gemälde und Skulpturen von Hans Arp, Joseph Beuys, Georg Baselitz, Gerhard Richter oder Sigmar Polke; dazu 160 Originale auf Papier und jede Menge Druckgrafisches. Kein Wunder, dass Städel-Direktor Max Hollein von einer „großen Errungenschaft“ für sein Haus spricht. Die neuen Dauerleihgaben schließen Lücken in der Geschichte der deutschen Kunst nach 1945. Und auch die Deutsche Bank scheint zufrieden: Man habe den Bestand des Museums optimieren und parallel die eigene Sammlung möglichst vielen zugänglich machen wollen, hieß es. Nun hängt die Kunst, die einst Impulse im Alltag des Unternehmens setzen sollte, doch wieder feierlich an Museumswänden. Hat man also kapituliert, weil das kulturelle Kapital der Firma von den Mitarbeitern nicht angenommen wurde? Oder handelt es sich um einen klugen Schachzug, der den empfindlichen Arbeiten auf Papier beste konservatorische Bedingungen garantiert – ein Kostenfaktor, um den sich die Bank nun nicht mehr kümmern muss.

Ein halbes Jahr zuvor hatte bereits die DZ Bank an die Türen des Städel geklopft. Ihr Angebot: 200 Werke zeitgenössischer Fotografie können aus der Sammlung des Unternehmens in die Museumsräume ziehen. Auch hier waren es keine Ladenhüter, sondern Arbeiten von Olafur Eliasson, Richard Avedon, Nan Goldin, Andreas Gursky, Robert Mapplethorpe oder Andy Warhol, die nun den neuen Sammlungsschwerpunkt „Fotografie“ des Städel bilden. Die DZ Bank annoncierte die Gabe ebenfalls als Geschenk – eines, das man sich zum eigenen 125. Geburtstag leistete.

Die Sammlungen der Unternehmen sind offensichtlich in Bewegung, die Gründe dafür vielschichtig. Den größten Einschnitt verursachte zweifellos die Finanzkrise von 2008. Ihr prominentes Opfer war – neben der Sammlung der bankrotten US-Investmentbank Lehman Brothers – die große Statue „L’homme qui marche I“ von Alberto Giacometti. Seit den 80er Jahren stand der fragile Bronzemann in der Vorstandsetage der Dresdner Bank. Bis die Commerzbank im Januar dieses Jahres mit dem angeschlagenen Geldinstitut auch dessen Sammlung übernahm und entschied, die Skulptur an das Auktionhaus Sotheby’s zu geben: Wenige Wochen später erzielte Giacomettis Figur in London mit 74 Millionen Euro den höchsten Preis, der je auf einer Versteigerung für Kunst bezahlt worden ist.

Eine ähnlich unfreiwillige Fusion steht dem Bankhaus Sal. Oppenheim bevor. Der Untergang des Versandhauses Quelle brachte die rheinische Institution vergangenes Jahr ins Trudeln. Ihr neuer Besitzer ist die Deutsche Bank, die damit auch eine kleinere, dafür vorzügliche Sammlung übernimmt. Noch ist unklar, was mit den Werken von Picasso, Eduardo Chilida oder David Hockney geschieht. Bislang gaben sie jeder Niederlassung von Sal. Oppenheim ein persönliches Profil. Nun könnten sie von der Sammlung der Deutschen Bank aufgesogen werden, die mit ihren 53 000 Arbeiten im Lauf der Zeit nicht nur eine der weltweit größten Bilderkollektionen, sondern auch etwas unübersichtlich geworden ist. Die Deutsche Bank kauft schließlich schon seit 1979 an. Damals kam die Idee auf, mit „Kunst am Arbeitsplatz“ neue Wege der Vermittlung zu gehen. Das Geldhaus setzte diesen Gedanken von Beginn an konsequent um: Die Blätter hingen in allen Büros, über Schreibtischen, in Fluren und Konferenzräumen. Anfangs lag der Schwerpunkt auf Werken aus dem deutschsprachigen Raum. In den 90er Jahren orientierte man sich dann mehr am globalen Kunstbetrieb – parallel zur Finanzstrategie des Hauses.

Mit ihrer Suche nach dem passenden Profil, das sich über die Jahre durchaus ändern kann, steht die Deutsche Bank nicht allein. Konzepte werden überdacht, geändert und Sammlungsteile veräußert – auch wenn niemand gern darüber spricht. Nur wenige Unternehmen haben sich so klar und streng auf ein Thema fokussiert, dass eine Neuausrichtung quasi unmöglich ist. Zu ihnen gehört BMW: Der bayerische Autobauer beauftragt seit 1975 renommierte Künstler mit der Gestaltung eines Automobils aus der eigenen Werkstatt. 16 „Art Cars“ hat man auf diese Weise gesammelt, sie stammen von Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein, Jenny Holzer oder Olafur Eliasson, dessen eingefrorener Rennwagen BMW H2R im Frühjar 2008 in der Pinakothek der Moderne zu sehen war.

Ein anderes Beispiel ist die Sammlung von Marli Hoppe-Ritter, die seit 1985 junge Künstler finanziell unterstützt und seit 1994 gemeinsam mit ihrem Mann Hilmar Hoppe Kunst der Moderne erwirbt. Obwohl die Werke als Privateigentum firmieren, sind sie eng mit dem mittelständischen Unternehmen der Familie verknüpft: Getreu dem quadratischen Format von „Ritter Sport“, mit der sich das Paar ein Schokoladenimperium aufgebaut hat, sind sämtliche Arbeiten der Sammlung – quadratisch.

Die Konzentration auf ein festes Format zählt allerdings zu den untypischen Kriterien. Wo immer in jüngerer Vergangenheit Unternehmenssammlungen entstanden, geht es um inhaltliche Konzepte: um Kunst, an der sich Entwicklungen und Zeitströmungen ablesen lassen. Das gelingt auch der Daimler Kunst Sammlung , die ihren Sitz am Potsdamer Platz hat. Angefangen hat man 1977, mittlerweile gehören rund 1800 Arbeiten zum Bestand. Inhaltlich konzentrierten sich die Kuratoren anfangs auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts im Raum Stuttgart und in Süddeutschland – dort insbesondere auf Bilder der abstrakt-konstruktiven, konzeptuellen oder minimalistischen Richtung. Die Vorliebe blieb, wurde aber schnell um internationale Kunst erweitert und bis heute um exemplarische Werke aus dem Bereich neuer Medien ergänzt.

Eine Sammlung ist also nicht unverrückbar, sondern dynamischen Prozessen unterworfen. Die Deutsche Bank hat ihre Förderung jüngst noch einmal überdacht und einen neuen Schwerpunkt für sich entdeckt. Unter dem Motto „Kreativität entwickeln“ setzt man nun auf direkte Unterstützung junger internationaler Künstler oder bringt „Collecting Tours“ den Besucher per Bus direkt bis vor die Museen. Deren Direktoren bieten solche Verschiebungen spannende Aussichten. „Ich glaube“, erklärt Max Hollein, „dass der Typus der Unternehmenssammlung die interessanteste Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellt. Viele der Sammlungen wurden mit großem Fachwissen aufgebaut.“ Anders als manche private Kollektion reflektierten sie nicht den individuellen Blick eines Sammlers. Das macht die Exponate aus den Vorstandsetagen und Fluren der Angestellten begehrenswert. Hollein zufolge werde die Qualität vieler Unternehmenssammlungen „immer noch stark unterschätzt. Natürlich sind auch Privatsammler außerordentlich wichtig, aber man muss sehen, dass eine ganze Reihe von Unternehmen eine unglaubliche Sammlungsleistung erbracht hat. Dies gilt es zu reflektieren und zu würdigen.“

Gesagt, getan: Hollein, der den firmeneigenen Beständen den nötigen Respekt entgegenbringt, scheinen die Arbeiten zuzufliegen. Aber auch andere Häuser können von der Großzügigkeit der Unternehmen profitieren. Selbst wenn hinter den Schenkungen und Dauerleihgaben auch ganz profane Absichten stehen. So wie die neue Ausrichtung, schrumpfenden Platz oder die unzulänglichen konservatorischen Voraussetzungen in den Banken. Auch das spielt seine Rolle. Wenn Josef Ackermann als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank zur Übergabe der Arbeiten in Frankfurt sagt: „Wir wissen, dass die Werke hier im Städel in besten Händen sind“, dann lässt sich das durchaus doppeldeutig verstehen. Tatsächlich ist manches, was die Vorstände oder die Kuratoren vor 30 Jahren eher beiläufig angekauft haben, heute so wertvoll, dass man es nur im Museum adäquat pflegen und bewahren kann.

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