Zeitung Heute : Musik in Berlin: Gliederpuppen

Uwe Friedrich

Vom "Rheingold"-Vorspiel direkt zum Einzug in Walhall, vom Walkürenritt sofort zum Feuerzauber und mit Brünnhildes Schlussgesang endet der Spuk. Für seine Orchesterfassung von Wagners "Ring" hat Henk de Vlieger schlicht die Singstimmen aus der Partitur gestrichen und die aus dem Gesamtkörper herausgeschnittenen Gliedmaßen notdürftig wieder zusammengeflickt. Eine Modulation hier, eine Rückung dort, fertig ist das "orchestrale Abenteuer", wie die Version im Untertitel heißt. Zwischen Nibelheim und Gibichungenhalle drängt sich da schnell der Eindruck auf, man schaue anderer Leute Urlaubsfotos an. Und Kent Nagano weitgehend atmosphärefreies Dirigat fügt hinzu: "Eigentlich sind die Alpen viel imposanter und die Farben der Provence viel bunter als auf diesem Abziehbild." Denn Nagano "singt" nicht mit dem Deutschen Symphonie-Orchester, er lässt jede Note buchstabieren. Durch solch übergroße Klarheit wird deutlich, was jeder Blick in die Partitur besorgt: Wie virtuos Wagner instrumentiert. Zudem sorgt das DSO mit Intonationsproblemen und wackligen Einsätzen in der Philharmonie für wenig Freude.

Zuvor hatte sich Gidon Kremer dem Schumannschen Cellokonzert in der Violinfassung genähert. Kraftlos und ohne nennenswerte Projektion, vermittelte er den Eindruck, hier habe Schumann aus wenig musikalischer Substanz noch weniger gemacht. Naganos wiederum sezierender Blick gab der Orchesterbegleitung den Rest. Das Konzert zerbröselte in kaum zusammenhängende Geigenfigurationen, zu denen sich allerdings die exzellenten Holzbläser profilieren konnten.

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