Zeitung Heute : Musik, Musik, Musik

Andreas Austilat

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Ich muss an dieser Stelle noch einmal auf Weihnachten zurückkommen. Die Schulfeier unserer Tochter, die lässt mich einfach nicht los. Ist doch beeindruckend, wie viele Achtjährige schon ein Instrument spielen. Da gab es junge Pianisten, Flötisten, Violinisten – das lernen die Kleinen offenbar ganz zwanglos, so zwischen Kinderenglisch, Ballett und Reiten. Und bei uns? Der Große ist jetzt 13, spielt Luftgitarre und ist ein Virtuose am Ghettoblaster. Das rächt sich.

Wenn ich heute nach Hause komme, kann ich das Ergebnis nämlich oft genug hören, in voller Lautstärke. Eminem zum Beispiel, wie er singt „I’m sorry mama“. Weiß eigentlich irgendjemand, was das bedeutet, eine ganze Platte Eminem? Hintereinander, nicht bloß mal ein, zwei Lieder. Na, immerhin ist der Junge gut in Englisch.

Nun also mein Mädchen. Klavier wollte sie lernen, schon seit einem halben Jahr. Richtig gedrängelt hat sie. Ach, der kleine Schatz, so bildungshungrig. Und, was tun wir? Nichts.

Ja, ich habe mich sogar ein bisschen geschämt an Weihnachten. Und in meinen Träumen sah ich, wie die Kleine in irgendeiner Aula auf der Bühne steht, hinter sich Ochs’ und Esel, und sie singt dazu böse rappend, „I’m sorry christkind… I’m cleaning out my closet“ – frei nach Eminem.

Aber wozu gibt es ein neues Jahr? Richtig, man fasst gute Vorsätze. Schon hat mein Mädchen nämlich Klavierunterricht. Und ein Klavier hat sie auch, leihweise wenigstens. Und darauf spielt sie, jeden Tag, unermüdlich. Wie schön.

Womit sich die Lage mittlerweile wie folgt darstellt: Von oben dröhnt Eminem durchs Haus, von unten singt die Kleine mit zartem Stimmchen, „oben auf dem hohen Berg, da tanzt ein kleiner Wurzelzwerg“. Und dazu spielt sie. Beidhändig! Ganz erstaunlich, wie laut so ein Klavier sein kann.

Vom Fernsehen bin ich übrigens inzwischen völlig abgekommen. Hatte keinen Sinn mehr, man versteht ja eh nix.

Kommunale Musikschulen im Internet: www.landesmusikrat-berlin.de/vdm.htm. Daneben gibt es eine Reihe privater Musikschulen. Klavierstunden kosten ab 40 Euro im Monat bei 30 Minuten pro Woche, ein Leihklavier im Musikhandel um die 50 Euro monatlich, wobei die Miete oft auf den Kaufpreis angerechnet wird.

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