MUSIKFILM„Nowhere Boy“ : Und dann nach Hamburg

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Foto: Senator
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Das Drama seiner Kindheit hat John Lennon in seinem allertraurigsten Hit zusammengefasst: „Mother you had me / But I never had you.“ Ein Song wie ein Aufschrei. Er läuft im Abspann des Films „Nowhere Boy“, der Lennon so zeigt, wie wir ihn noch nicht kannten: als sarkastischen Schüler und pubertierenden Rock’n’Roll-Rebellen, unsicher seinen Weg suchenden Möchtegern-Künstler. Seinen Vater lernte er kaum kennen, und als Lennon fünf war, gab ihn die überforderte Mutter zu ihrer Schwester Mimi. Die Mutter starb bei einem Unfall, da war er 17. Sie hatten gerade begonnen, sich einander wieder anzunähern. „Es war das Schlimmste, was mir je widerfahren ist“, sollte Lennon später sagen.

Liverpool ist in den späten fünfziger Jahren eine triste, abgetakelte Stadt, in der die Erwachsenen ein strenges Regiment aufrechtzuhalten versuchen und dabei zunehmend lächerlich wirken. „Dein Weg wird im Nirgendwo enden“, prophezeit der Rektor dem Schüler John, als er mit Pornoheften erwischt wird. John reagiert schlagfertig: „Leben im Nirgendwo viele Genies?“ Es herrscht fast noch viktorianische Verklemmtheit, Trauer ist nicht vorgesehen. Als der lebenslustige Onkel mit einem Herzinfarkt zusammenbricht, floskelt die strenge Tante Mimi: „Jetzt gibt es nur noch uns, wir müssen einfach weitermachen.“ Bei der Beerdigung taucht eine rothaarige Frau hinter den Gräbern auf, es ist Johns Mutter Julia, die schockierenderweise jahrelang nur ein paar Blocks entfernt gelebt hat.

Es gibt einen Weg, der herausführt aus der Reihenhaushölle: umgekrempelte Röhrenjeans, Pomadenfrisur, laute Gitarren. Ein paar geklaute Jazzplatten tauscht Lennon bei einem Matrosen gegen eine aus New York mitgebrachte Single ein, eine unglaubliche Nummer: „I Put A Spell On You“ von Screamin’ Jay Hawkins. Und bei einem Ausflug nach Blackpool tanzt er mit seiner Mutter vor einer Jukebox zu „Rocket 88“ von Ike Turner, einem der ersten Rock’n’Roll-Knaller. „Weißt du, was das bedeutet, Rock ’n’ Roll?“, fragt er. Die Mutter weiß es: „Sex“.

Die Mutter bringt Lennon das Banjospielen bei, die Tante schenkt ihm eine Gitarre. Er gründet eine Band, sie spielt bei einem Kirchweihfest, Paul und George stoßen dazu. Aber der Name Beatles fällt in diesem märchenhaften Drama kein einziges Mal. „Wir fahren nach Hamburg“, verabschiedet sich John von Mimi. „Mit deiner neuen Band, die heißt ...“, antwortet Mimi. Der Rest ist Popgeschichte. Wunderbares Biopic. Christian Schröder

GB 2010, 98 Min., R: Sam Taylor-Wood, D: Aaron Johnson, Anne-Marie Duff, Kristin Scott Thomas

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