Musikinstrumente : Die Zähne der Löwin
20.09.2008 00:00 UhrOb es ein Geheimnis gibt? „Wenn ja, wir werden es lüften“, sagt Helga Haritz.
Auf dem ehemaligen Grundig-Gelände am Stadtrand von Fürth geht Helga Haritz, eine kleine Frau von 56 Jahren mit roter Pagenfrisur, dunkler Brille und roten Fingernägeln, ihrem Beruf nach. „Gruppenleiterin Applikationen Entwicklungszentrum Röntgentechnik Fraunhofer“ steht auf ihrer Visitenkarte. Geheimnisse, sagt sie, „das sind nur Empfindungen und Illusionen, etwas Vages, das man sich nicht erklären kann“, noch nicht erklären kann. „Der Kenner aber weiß Bescheid!“, irgendwann. Mit ihrer bestimmten Art, das zu sagen, macht Haritz klar, dass sie eindeutig auf der Seite der Kenner steht.
In diesen Tagen geht es ihr darum, ein legendäres Musikinstrument zu verstehen, jedenfalls einen Teil davon. Den, der nicht flüchtig ist.
„La Leona“, eine 152 Jahre alte Gitarre, „Die Löwin“, deren Klang damals so neu, so fremd, so wild war, dass der Name für sie schnell gefunden war, angefertigt in Sevilla vom Gitarrenbauer Antonio de Torres, in Auftrag gegeben von Julián Arcas, einem der damals größten Gitarristen, gefeierte Konzerte in Spanien und England, erhebliche Nachwirkungen bis heute. Torres ist der Stradivari des Gitarrenbaus, er gab dem Instrument jene Form, die es bis heute hat, und spricht man vom Klang seiner Schöpfungen, dann fällt immer wieder dieses eine Wort: Geheimnis.
„Kommen Sie mit, dann zeige ich es Ihnen“, sagt Helga Haritz, öffnet die Glastür ihres Büros und geht mit schnellen Schritten voraus. Der Weg führt durch eine Halle im Halbdunkel, in die acht Röntgenkabinen, fensterlose Räume mit dicken, weiß gestrichenen Wänden, eingebaut sind. Schreibtische, Computer, Monitore. „Das ist Haus D, früher war hier die alte Lackiererei“, sagt Haritz. Früher, das war die Zeit bis vor acht Jahren, als Grundig hier noch Fernseher und Radios herstellte. Dann kam Haritz, um das Fraunhofer Entwicklungszentrum Röntgentechnik mit aufzubauen. Im Grunde besteht die Arbeit hier im Durchleuchten von Gegenständen mittels Röntgenstrahlen und damit im Sichtbarmachen von Dingen, die sonst nicht zu sehen sind.
„La Leona“. Dünne, honigfarbene Decke aus Fichtenholz, an vielen Stellen verzogen, sie wirkt wie ein gewelltes Blatt Papier. Etliche Risse, zwar repariert, aber noch immer sichtbar. Der Boden aus drei Streifen Zypresse, auf dem Hals aus Zeder ein schwarzes Ebenholzgriffbrett. Das Schallloch ziert ein feiner Ring, ebenfalls aus Ebenholz, und im Inneren, auf dem Boden, der vergilbte Zettel mit der Aufschrift: „Por D. Antonio de Torres. Sevilla calle de Cerrageria núm. 32. ANO DE 1856“.
Spricht Wulfin Lieske über den Klang von „La Leona“, dann redet er von einer Schule des Hörens, einem Treffen auf spiritueller Ebene. Mit 14 hat der heute 51-jährige Lieske sein Debütkonzert gegeben, ist später mit weltbekannten Solisten aufgetreten, hat zahlreiche, preisgekrönte Aufnahmen gemacht. Früh hat er sich mit dem Klang der Konzertgitarre auseinandergesetzt, war dabei immer auf der Suche nach einem Ideal, das ihm, Lieske, entsprach. So kam er zu den alten spanischen Gitarrenbauern und über Erhard Hannen zu „La Leona“.
Der Kölner Arzt Hannen ist Sammler und hat die „Leona“ 1980 in einem erbarmungswürdigen Zustand aus spanischem Familienbesitz gekauft. Als Lieske das Instrument zum ersten Mal sah, war er enttäuscht. Doch Hannen ließ „La Leona“ restaurieren, danach gab er sie Lieske wieder. Im letzten Jahr hat der das Album „El Canto de La Leona“ mit ihr aufgenommen – den Gesang der Löwin.
Lieske, groß, blonde, halblange Haare, jungenhaftes Gesicht, lässt sich oft Zeit, bis er anfängt zu sprechen. Ein paar Wochen bevor „La Leona“ in Fürth durchleuchtet werden wird, sitzt er auf einem Klavierhocker in einem kleinen Zimmer seiner Kölner Dachgeschosswohnung und sucht nach Worten. „Vollkommen“ sei der Klang, sagt Lieske, doch er merkt schnell, dass dieses Wort auch nichts erklären kann. Weitersuchen. Lieske schiebt die Ärmel seines schwarzen Rollkragenpullovers hoch, greift mit der linken Hand seinen rechten Unterarm und schildert, wie er den Ton weiterentwickelt, den er mit den Fingern auf den Saiten anschlägt. Er sagt, dass Musik immer ein persönliches Statement sein muss. „Sich selbst spielen“, sagt Lieske.
Lieske hat Konzerte gegeben, „danach kamen Leute zu mir und haben mich nach dem Instrument gefragt, das einen solchen besonderen Klang habe“. Lieske redet, sucht immer noch nach Worten, und manchmal scheint es, dass er nicht mehr über eine Gitarre spricht, sondern über einen Menschen.
Vielleicht liegt es daran, dass ein unvoreingenommenes Hören nun kaum noch möglich ist. Lieske spielt die „La Leona“. Ein Klang, unaufdringlich und gleichzeitig raumgreifend, aus einem Instrument, das aussieht, als hätte es Altersflecken. Lieske, in diesem Zimmer mit der niedrigen Decke, verschwindet in seinem Spiel, scheint einzutauchen in das, was ihm die Gitarre bietet. Man denkt an die Kritik eines britischen Journalisten, der 1862 Julián Arcas auf der „La Leona“ gehört und in seiner Begeisterung von einem sprechenden Instrument voller Stimmen, gar von einem weinenden Instrument mit flehenden Tönen geschrieben hatte. Beim ersten Lesen dieser Kritik musste man noch lächeln. Jetzt, während Lieske spielt, kann man sie nachvollziehen, diese begeisterten und gleichzeitig so hilflosen Beschreibungen.
Und man sucht selbst nach Worten. Will hören und gleichzeitig beschreiben, was da gerade passiert. Töne, die so klar und voll sind, das man glaubt, sie greifen zu können. Ein feines Strahlen, ein Klang, der sich bewegt, zu atmen scheint. Dann verbietet man sich jeden weiteren Erklärungsversuch, gesteht sich sein Scheitern ein, lehnt sich auf dem Stuhl zurück und genießt. Wulfin Lieske hebt den Blick. „Sie verstehen jetzt, was ich die ganze Zeit zu erklären versuche?“
Für Helga Haritz hat Wulfin Lieske noch nicht gespielt. Sie will diese Gitarre nur durchleuchten, das ist, was sie kann, so gut wie wenige andere, bis auch die kleinste Faser im Holz, jede noch so dünne Leimspur sichtbar wird. Saiten stören dabei. Darum haben Helga Haritz und ihr Kollege Guido Brennhäußer sie entfernt, der Löwin die Zähne gezogen, die so Entblößte in die Röntgenkabine gebracht.
Sie haben im Fraunhofer Entwicklungszentrum Röntgentechnik schon Felgen von Kleinwagen und von Luxuslimousinen durchleuchtet, um ein Verfahren zur Qualitätssicherung zu entwickeln. Ein Lebensmittelscanner ist hier entstanden, der in Fischfilets nach Gräten sucht. Das Landeskriminalamt Bayern hat angeblich antike Skulpturen aus Fernost gebracht, um zu überprüfen, ob es sich dabei um Fälschungen handelt. Wer hierher kommt, weiß, dass er bei Helga Haritz auf die modernste Technik zurückgreifen kann.
In der Röntgenkabine wird der Untersuchungsgegenstand auf einen Drehteller montiert und von jeder Seite bestrahlt, durchleuchtet. „Schicht für Schicht, das kann Stunden dauern“, sagt Haritz. Kein Mensch würde das überleben. Darum die dicken, fensterlosen Wände. Durch Computertomografie werden die vielen zweidimensionalen Röntgenbilder in eine dreidimensionale Projektion umgewandelt. Was dann auf dem Monitor zu sehen ist, gleicht einem Skelett des Gegenstandes. „Dieser Blick ins Innere zeigt alles“, sagt Haritz. „Das ist wie ein Fingerabdruck.“
Im März kam Helmut Balk zum ersten Mal mit „La Leona“ in das Haus D auf dem ehemaligen Grundig-Gelände am Stadtrand von Fürth, um von Helga Haritz diesen Fingerabdruck zu bekommen. Über 25 Jahre ist der Musikwissenschaftler Balk nun schon auf der Suche nach Methoden, um historische Instrumente zu erforschen. Seit zwei Jahren leitet er in Greifenberg, in der Nähe von München, ein Institut für Musikinstrumentenkunde. Hier hat er Orgeln, Hammerflügel und Cembali untersucht. „Ingenieurtechnisch hochkomplexe Meisterleistungen“, sagt Balk. Und nun „La Leona“. Durch die Freundschaft mit dem Gitarristen Lieske hatte er das Instrument kennengelernt.
„Ich will, dass ein solches Instrument zu lesen und zu verstehen ist wie ein gut geschriebenes Buch.“ Dann zitiert Balk Thomas Hobbes, den bekannten Philosophen und Staatstheoretiker des 17. Jahrhunderts. Wo immer sich ein Ganzes in seine Teile zerlegen und aus diesen wieder aufbauen lasse, sei die Herrschaft des Denkens begründet. Was sich jedoch dieser Grundregel des Denkens entziehe, könne nie Inhalt sicherer Erkenntnis werden. Diese Aussage Hobbes’ sei sein Leitfaden, sagt Balk. Es geht ihm „darum, zu erklären, was erklärbar ist“. Mit dem Rest findet er sich ab.
Darum ist der 53-Jährige mit „La Leona“ nach Fürth zu Helga Haritz gefahren. Darum hat er einen Münchener Gitarrenbauer gebeten, aufgrund der Untersuchungsergebnisse eine Kopie von „La Leona“ zu bauen. Darum verbringt Balk zahllose Abende an seinem Schreibtisch, um Anträge auszufüllen und so Fördergelder zur Erforschung einer 152 Jahre alten Gitarre zu bekommen.
Fünf Jahre vor seinem Tod im Jahr 1892 wurde Antonio de Torres bei einem Mittagessen unter Freunden gebeten, doch endlich das Geheimnis seiner Instrumente zu enthüllen. Torres soll gelächelt haben, als er die Bitte hörte. „Das Geheimnis? Sie wollen das Geheimnis wissen?“, fragte Torres. Auch wenn er es wollte, diesen Gefallen könne er ihnen nicht tun. Er werde es mit ins Grab nehmen müssen, denn wie solle er das denn bitteschön tun, ihnen ein Gefühl, sein Gespür zu beschreiben? Der Klang seiner Gitarren rühre von deren Decken her, dann rieb er Zeigefinger und Daumen seiner rechten Hand aneinander. Allein seine Erfahrungen, dieses Gefühl in Zeigefinger und Daumen, würden ihm immer wieder den Weg zeigen, das Holz für die jeweilige Gitarre so zu bearbeiten, dass sie am Ende den Klang liefere, den allein er, Antonio de Torres, von dieser Gitarre erwarte.
Helmut Balk lächelt. „Eine schöne Episode“, sagt er, die Torres’ Freund, der Geistliche Juan Martinez Sirvent, 1931 in einem Brief beschrieb. Das, was Torres Gespür nannte, sein Gefühl zwischen Daumen und Zeigefinger, mit dem er feststellte, ob er die Decke genau so ausgearbeitet hatte, wie er es wollte, hat Helga Haritz entschlüsselt. Jeder Quadratmillimeter, jede noch so kleine Veränderung im Holz und der damit verbundene Arbeitsschritt sind jetzt in Zahlen gefasst. Alles genau erklärbar.
Auch der Klang als physikalische Größe ließe sich messen und in einem Diagramm fassbar machen. „Wenn wir mit diesem Wissen eine Kopie von ,La Leona’ bauen, wird sie höchstwahrscheinlich so klingen, wie sie im Jahr 1856 als neues Instrument klang.“ Ob jedoch auch das gleiche Staunen beim Hörer eintritt, wenn der Gitarrist Lieske statt „La Leona“ nun die Kopie spielen würde, bezweifelt Balk. „,La Leona’ ist einzigartig. Und was wir beim Hören empfinden, ist immer nur subjektiv, kann nie Kriterium für irgendwelche Erkenntnis sein und muss vage bleiben.“
Auch wenn eines Tages die Jahre zwischen 1856 und heute – und was sie mit dem Instrument gemacht haben – erklärbar werden, ein Geheimnis also, ein kleines, wird bleiben. Es ist das entscheidende.








