Zeitung Heute : Musiktheater ohne Theater

Mauricio Kagel und Hans Werner Henze bei der Zeitgenössischen Oper BerlinEigentlich ahnten wir schon immer, daß der Eingang zur Hölle im Orchestergraben verborgen liegt, nun bestätigt die Zeitgenössische Oper Berlin unsere Vermutung.Feurig brodelt es dort zwischen dem sich fleißig an einem übermächtigen Schlagwerk schindenden Kammerensemble, Rauch steigt auf, der die gesamte Bühne des Hebbel-Theaters dicht vernebelt.Mauricio Kagels "Der mündliche Verrat" gilt es zu verhandeln, eine "musikszenische Komposition" aus den Jahren 1981-83, die in loser Folge Legenden und Sprichwörter über den Teufel montiert. Nur schemenhaft schälen sich drei Sprecher aus dem Dunkel, geheimnisvolle, in Dunst und Nebel verborgene Gestalten, die auch im Vortrag von Verhörprotokollen der Inquisition und anderen Greuelgeschichten ihr Geschlecht nicht verraten (Matthias Scheuring, Deborah Epstein, Christian Wirmer).Ihre Stimmen werden live-elektronisch verändert und so in den Raum projiziert, daß sie unmöglich genau zu orten sind.Dämonische Irritation, bei der der Teufel allerdings im Detail steckt, arbeitet doch Mark Polschers hier erstmals eingesetztes Klangsystem "VoiceAbuse" (Stimmvergewaltigung) bei Glissandi noch etwas unsauber.Davon abgesehen gelingt die Umwandlung perfekt: eine Vielzahl gespenstischer Stimmen künden von Spuk und bösem Zauber. Hier endet aber auch schon die diabolische Energie von Thomas Krupa, der diese Koproduktion der jungen Zeitgenössischen Oper Berlin mit Festspielen und Hebbel-Theater inszenierte.Daß Kagel mit dem "Mündlichen Verrat" weniger ein Musiktheater als ein Hörspiel vorlegte, entschuldigt kaum die nach achtzig Minuten wirklich gründlich ermüdende Einfallslosigkeit ihrer dramaturgischen Umsetzung.Für diese zu entschädigen legt sich das neunköpfige Höllen-Orchester um so mehr ins Zeug und bewegt sich unter der sicheren Leitung von Rüdiger Bohn, der auch einmal beherzt zur Pistole greift, mit feuriger Präzision durch die rhythmisch packende Partitur.Die für Kagel nachgerade typische konzertierende Tuba (Sascha Johnson) bleibt diesmal ohne Jahrmarktsulk, und die durch Doppelgriffpassagen springende Teufelsgeige (Matthias Leupold) steht ihrer Schwester in Strawinskys "Geschichte vom Soldaten" in nichts nach.Ironisch blitzt romantische Klaviermusik auf, schleppt sich ein träger Trauermarsch dahin - voller Einfallsreichtum illustriert die Musik die Bühnenerzählungen und persifliert ihr eigenes Material.So entsteht radiophone Kunst mit etwas Überlänge, die der Bühne nicht unbedingt bedarf. Anders Hans Werner Henzes Ballettpantomine "Der Idiot", den die gleiche Compa gnie am gleichen Ort vorstellte.Die hermetische Textfassung Ingeborg Bachmanns verlangt nach der szenischen Repräsentation des Beziehungsgeflechts von Dostojewskijs Personal.Dieses reduzierte Andreas Rochholl jedoch auf die vier Hauptfiguren, denen er jegliche situative Orientierung entzog.Auf kahler, in blaues Licht getauchter Bühne sitzend hält Fürst Myschkin (Ralf Grobel), dem Publikum unbeweglich den Rücken zugekehrt, seinen lyrischen Monolog, dem das dem Graben entkommene Orchester sensibel sekundiert.Doreen Windolf gibt Aglaia als züchtig spitzetanzende Ballerina, während Claire Birrfelder May in quälend immer wieder zurückgenommenen eckigen Gesten Nastasias Furcht vor Emotion überzeugend vermittelt.Rogoschin schließlich (Leopold von Verschuer) darf seinen Wahn nur grimassierend andeuten, erreicht jedoch zuweilen beklemmende Expressivität.Wie altert doch ein Stück in 45 Jahren.Henze hatte den Festwochen 1952 eine gebrochen eklektizistische Partitur abgeliefert, die hämmernde Strawinsky-Motorik ebensowenig meidet wie genüßliche Cantilenen und gewaltiges Espressivo.Wieder kämpfte das Orchester der Zeitgenössischen Oper unter Rüdiger Bohn mit sublimer Klanggestaltung, die nur zu Beginn den Mut zum piano vermissen ließ, erfolgreich gegen eine zweifelhafte Inszenierung an.Doch die Emotionalität von Text wie Musik wirkt merkwürdig müde, die in Sternensteine verwandelte blaue Blume Sehnsucht, all die zugeschlagenen Türen bleiben uns fern.So wichtig das Vorhaben Rochholls erscheint, ein auf das Musiktheater der zweiten Jahrhunderthälfte spezialisiertes Ensemble, ja gar ein entsprechendes Haus einzurichten, so unglücklich mißlang die Wahl der ersten beiden Stücke.Kaum kann man für die Neue Oper werben mit Werken, die von deren Ende künden. "Der mündliche Verrat" 10./12./14.und "Der Idiot" 9./11./13.September, jew.Hebbel-Theater, 20.30 Uhr.

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