Zeitung Heute : Muskelspiele

Er ist eine amerikanische Ikone. Und eine Ikone des Krieges: GI Joe, die Puppe, die ein Soldat ist. Vor fast 40 Jahren wurde er erstmals verkauft. Mal war er ein Millionen-Seller, mal schrumpfte er. An ihm kann man die Außenpolitik der USA ablesen.

Marc Pitzke

Krieg und Ostern, das New Yorker Kaufhaus Kmart schafft es auf bemerkenswerte Weise, diese Gegensätze unter einen Hut zu bringen. Oder besser gesagt in einen Korb. Gleich am Eingang kann der Kunde überdimensionale Osternester kaufen, randvoll mit Papiergras, bunten Eiern, Bonbons und anderem Naschwerk. Doch statt des Schokohasens sitzt in der Mitte jedes Korbes ein 30 Zentimeter großer Plastiksoldat in Tarnuniform. Daneben liegen Maschinengewehr, Handgranate, Nahkampfmesser und Munitionsgürtel. „Geeignet für Kinder ab 3 Jahren“, steht darauf. Sonderangebotspreis: 9,99 Dollar.

Kmart weiß, wie der Trendhase läuft. Der Soldat im Körbchen ist eine Billig-Version des ältesten, erfolgreichsten Action-Spielzeugs in der Geschichte der USA – der legendären Soldatenpuppe GI Joe. Das Spielzeug sprengt seit dem 11. September und dem „Krieg gegen den Terror“ wieder alle Kassen.

Allein im vorigen Jahr, als sich der Terror-Schock in den USA immer mehr in eine militärische Angriffswut steigerte, marschierten 46 Prozent mehr GI Joes über den Ladentisch als in 2001. Zufall? Hersteller Hasbro – nach Mattel (Barbie) der zweitgrößte Spielzeugkonzern der Welt – sieht da keinen Zusammenhang. Dabei hat Hasbro seit jeher mit seinem patriotischen Plastikheer aus der amerikanischen Militärpolitik Kapital geschlagen. Die jüngsten GI-Joe-Modelle, die nach den Anschlägen vom 11. September auf den Markt kamen, formieren sich zu einer Miniaturtruppe des Weltpolizisten USA: Die Kollektion „Luftkrieg in Afghanistan“, der Marinesoldat „im Kampf gegen den Terror“, der Kämpfer der 10. Bergdivision – in Originaluniform aus dem Krieg gegen Al Qaida, mit Gewehr, Bajonett und Gasmaske – und das Set „Wüstenpatrouille“: „Einst im Golfkrieg und jetzt wieder für Überraschungsangriffe in Wüstenregionen im Einsatz“, informiert die Packungsbeilage das Kind ab fünf Jahren.

Design für jede politische Lage

In Formation zu bestaunen sind die Winzkrieger im New Yorker Spielzeugladen F.A.O. Schwarz – in einem meterlangen Wüsten-Diorama, an dessen Glasscheibe sich die Kleinen die Nase platt drücken, derweil die Eltern den Vormarsch der Infanterie gen Bagdad daheim live im Fernsehen verfolgen können. „Die wechselnden Designs von GI Joe standen immer parallel zu den politischen Phasen, die das Land durchlief“, schreibt Elizabeth Kittle von der Truman University in Missouri.

1963, zu Beginn des Vietnamkrieges, hatte Hasbro-Entwicklungschef Don Levine einen Geistesblitz. „Wäre es nicht toll“, erinnert sich der heute 74-Jährige, „wenn wir aus unseren Soldaten Helden machen könnten?“ Levine, der in Korea gekämpft hatte und „mit Waffen vertraut war“, scharte eine Gruppe kreativer Veteranen um sich und investierte 250 000 Dollar. Heraus kam 1964 die erste Action-Figur der Welt: ein Plastiksoldat mit 21 beweglichen Teilen, mit einer gemalten Kampfnarbe auf der rechten Wange, in einer Khaki-Uniform aus dem Zweiten Weltkrieg. Benannt wurde er nach dem Kinofilm „The Story of GI Joe“ von 1945 mit Hollywood-Held Robert Mitchum.

Einer der handgeformten Original-Prototypen aus jenem Jahr wird demnächst zur Versteigerung angeboten, Mindestgebot 600 000 Dollar. Ein anderer steht bereits im National Museum of American History. Krieg und internationale Konflikte zu verklären, sei nie Absicht gewesen, sagt Levine: „Das militärische Milieu war für meine Generation einfach ein Bestandteil der Realität. Und es bot uns enorme Möglichkeiten für Accessoires.“

Schon die ersten GI Joes kamen in allen vier US-Waffengattungen daher, Armee, Luftwaffe, Marine, Marineinfanterie, sechs Uniformen, drei Haarfarben, zwei Augenfarben sowie 63 verschiedene Kriegsutensilien.

Im selben Jahr, als US-Präsident Lyndon Johnson die Bombardierung Nordvietnams beschloss, 1964, wurde GI Joe zum Erfolg. Hasbro verkaufte zwei Millionen Figuren im Zweiter-Weltkriegs-Look, Levines machte 17 Millionen Dollar Umsatz. Die Kollektion wuchs auf 80 Spiele-„Sets“ und für die Spielzeugmesse 1965 in New York ließ der Konzern in Zusammenarbeit mit echten Armee-Beratern ein monumentales GI-Joe-Schlachtfeld basteln. Auf drei mal sechs Metern griffen 60 Soldaten eine feindliche Position an. Als das Diorama auf Lastwagen langsam über die Fifth Avenue transportiert wurde, sorgte es für Menschenaufläufe und ein riesiges Verkehrschaos.

Den aktuellen militärpolitischen Bezug vergaßen die Hasbro-Strategen nie. Oberst Pat Lawrence, der „Oberkommandierende“ des ersten offiziellen GI-Joe-Kinderfanclubs schrieb 1965 in der Mitgliederzeitschrift „Command Post News“: „Du hast bestimmt einen Bruder, Onkel oder sogar Vater, der unserem Land in diesen Zeiten dient. Weißt du, warum? Weil sie deine Freiheit vor Unterdrückung beschützen!“ Tatsächlich war Oberst Pat Lawrence natürlich ein Mitarbeiter der PR-Abteilung von Hasbro.

James-Bond-Typ

1966 streifte Joe die historische Weltkriegsuniform ab und schlug sich mit grünem Barett, dem Symbol der Vietnam-Helden, M-16-Maschinengewehr und Raketenwerfer, auch optisch auf die Seite der US-Boys im südostasiatischen Urwald. Die Schlacht von Khe Sanh 1968 konnten die Joe-Fans später mittels Handgranaten-Attrappen und Mini-Fläschchen mit Moskito-Spray nachstellen. 1967 kam ganz im Geiste der Emanzipation die erste GI-Krankenschwester auf den Markt, einen Kopf kleiner und mit nur 18 beweglichen Teilen, dafür aber mit Kittelschürze, Nylonstrümpfen, Sanitätskoffer, Stethoskop und zwei Krücken. Das „GI Joe Nurse Action Girl“, ein Zwitter zwischen Action-Held und Kleiderpuppe, war jedoch ein Flop – die Jungen spielten lieber mit den richtigen Machos und die Mädchen mit ihrer Barbie.

Als die ersten echten GIs, zu Psycho-Wracks verkrüppelt, aus Vietnam zurückkehrten und die Kriegsgegner daheim Oberwasser bekamen, ging es auch Joe an den Kragen. Nicht nur der Umsatz brach ein, auch das Image litt. „Wenn wir schon Spielzeug haben, das unseren Kindern den Krieg lehrt“, schrieb eine Soldatenmutter 1968 im „New York Times Magazine“, „warum nicht mit einem GI Joe, der blutet, wenn Schrapnells seinen Körper zerfetzen, oder schreit, wenn einer seiner 21 beweglichen Teile abgerissen wird?“ Andere stießen sich daran, dass die Köpfe und Uniformen in Hongkong produziert wurden: „Ein amerikanischer Soldat trägt keine Kleidungsstücke aus Asien.“

GI Joe müsse „umpositioniert“ werden, befahl Hasbro-Präsident Hassenfeld. Joe müsse „weicher“ werden, „mehr ein James-Bond-Typ“. Und so zog sich GI Joe 1969 aus dem Krieg zurück. Mit Wuschelhaar und Bart jagte er nicht mehr den Vietkong, sondern Monsterspinnen, Riesenhaie, Mumien und Yetis. Statt mit MGs war er nun mit Äxten, Schaufeln, Taschenlampen und Feuerlöschern ausgerüstet. 1974, im „Kung-Fu“-Wahn, lernte er den „Kung-Fu-Faustgriff“. Und als „Star Wars“ die Kinos stürmte, stieß auch GI Joe ins Weltall vor. „Tapfer, stark und hart“, so die neue Werbung, „und bereit, den Kampf gegen die Elemente der Natur aufzunehmen“.

Den Kampf gegen ein ganz bestimmtes Natur-Element verlor GI Joe jedoch: Öl. 1976, im Zuge der OPEC-Krise, stellte Hasbro die Produktion ein. Kein Öl, kein Plastik, kein GI Joe. Erst 1981, mit Amtsantritt des Kalten Kriegers Ronald Reagan und dem verstärkten US-„Engagement“ in Mittelamerika, erschien GI Joe erneut auf der Bildfläche – allerdings aus Kostengründen auf zehn Zentimeter geschrumpft. Und – sicher ist sicher – vorerst weiter mit Science-Fiction-Feinden namens Golobulus, Gnawgahyde und Dr. Mindbender befasst.

Zum Golfkrieg 1991, mit dem neu erwachten US-Selbstbewusstsein unter George Bush I., fand auch GI Joe zu alter Statur zurück – in Längenmaß wie im Auftrag. Dem „Desert-Storm“-Kämpfer folgten weitere Wüstenkiller: der „Desert Army Squad Automatic Weapon Gunner“, der „Desert Striker“, die „Desert Storm Night Attack“ und die „A-Teams“ der 5th Special Forces Group, die Kuwait befreiten. Mit ihnen zog eine neue Kriegergeneration in die amerikanischen Kinderstuben. Neben modernsten 5P5-RPG-Maschinengewehren führten die erstmals Computer-Laptops mit sich. (Sprechen konnte GI Joe schon seit den 60er Jahren; die neuesten Schlachtrufe der Golfkriegs-Kollektion: „Raus mit Euch!“, „Jetzt geht der Spass los!“ und „Blitzkrieg!“)

Im echten Leben kämpfte das US-Militär in jenen Tagen gegen das kolumbianische Medellín-Drogenkartell. 1992 zog GI Joe hinterher, mit seiner fiktiven „Drug Elimination Force“. Aufgedruckt auf die Packungen war sein Motto: „Helden nehmen keine Drogen!“

Die Barbie-Befreiung

Aber nicht allen Gegnern war Joe gewachsen. 1993 wurde er beispielsweise Opfer einfallsreicher Anarchisten. Eine New Yorker Künstlergruppe namens „Barbie-Befreiungs-Organisation“ vertauschte tausende Mini-Tonbänder, die GI Joe und Barbie sprechen ließen. So kam es, dass manche Barbie plötzlich zur „Attacke“ blies, während Joe Süßholz raspelte: „Ich liebe es, mit dir einkaufen zu gehen“ oder: „Ob ich je genug Kleider habe?“

Auf die eher isolationistischen, selbstbezogenen Tendenzen der frühen Bill-Clinton-Regierung reagierte Hasbro mit der Einführung meist ziviler Nationalhelden. GI Joe als George Washington, Komiker Bob Hope, Astronaut Buzz Aldrin, Beinahe-Präsidentschaftskandidat Colin Powell. Hinzu kam eine Neuauflage der Ur-Figur von 1964. Erst Ende der 90er Jahre rettete ein „wiederaufblühender Patriotismus“ (Hasbro) die wacklige Konzernbilanz. Der Kosovo-Krieg gebar den „Balkan Mission Survivor“.

Der Horror des 11. September, der folgende „Krieg gegen den Terror“ und die landesweite Anthrax-Panik brachten Joe schließlich wieder ganz nach vorne. 2001 stiegen die Verkaufszahlen um 39 Prozent – Vorgeschmack auf die Rekordergebnisse des Folgejahres. Und plötzlich war Joe auch auf einen biologischen und chemischen Angriff gefasst. Hinzu gesellten sich die Helden von Ground Zero: der Firefighter mit Pickelaxt oder der „Navy Security Officer“, ein Terrorjäger der Marine.

In der ganzen Zeit hat sich auch die Anatomie des Kleinkriegers gewandelt. Vom windschnittigen Männlichkeitsideal der 60er Jahre zum bulligen Bodybuilder-Format unserer Tage. Bizeps- und Brustkorb-Umfang von GI Joe haben sich seit 1964 mehr als verdoppelt. „Jedes neue Modell“, sagt Elizabeth Kittle, „hat mehr Muskeln als das vorherige.“ Und die braucht er wohl auch, bei all den aktuellen Feindbildern. Eines davon findet sich auf der Parodie-Website www.strangecosmos.com : der „Dschihad Joe“ im Ebenbild Osama bin Ladens, samt Turban und Schultertuch. Packungswarnung an Interessierte: „Anthrax nicht mit inbegriffen.“

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