Zeitung Heute : Muslime werden politischen Einfluss geltend machen

Was die islamische Radikalisierung in Westeuropa antreibt – Auszug aus einer Befragung

Jytte Klausen

Islamischer Radikalismus erscheint mehr und mehr als eine vereinigende Ideologie, die, wie in der Vergangenheit der Kommunismus, internationale Ambitionen mit dem Aufstacheln von Unzufriedenheit in den westlichen Demokratien verbindet. Die Vorstellung, dass europäische Muslime sich von Bewegungen vereinnahmen lassen, die aus der islamischen Welt in den Westen verpflanzt wurden, stellt alles in Frage, was wir bisher über die politische Eingliederung von Einwanderern zu wissen glaubten.

Ich habe im vergangenen Jahr unter etwa 200 muslimischen politischen Anführern in sechs europäischen Ländern eine Studie durchgeführt und festgestellt, dass Europas muslimische Minderheit ihren politischen Einfluss in den kommenden Jahren mit Sicherheit zunehmend geltend machen wird. Doch muslimisches politisches Engagement hat sich durch den europäischen Kontext grundlegend verändert. Emigrantenorganisationen aus der alten Heimat verlieren immer mehr an Bedeutung. Wir müssen die Quellen der muslimischen Radikalisierung in Europa suchen.

Derzeit sind die meisten politisch aktiven Muslime Einwanderer der ersten Generation, stammen aus der Mittelschicht und waren politisch aktiv, bevor sie nach Europa kamen. Eine umfangreiche Minderheit politisch engagierter Muslime sind politische Flüchtlinge, die so schnell eingebürgert wurden, wie es aufgrund der Bestimmungen möglich war. Unter den schwedischen und niederländischen Abgeordneten sind einige, die innerhalb eines Jahrzehnts den Flüchtlingsstatus und die Staatsbürgerschaft bekamen und ins Parlament gewählt wurden. Deutschland hatte die höchste Rate derer, die ohne Staatsbürgerschaft ein Amt bekleiden – nämlich ein Viertel –, in den Niederlanden waren alle Staatsbürger.

Die Möglichkeit zur Einbürgerung spielt eine wichtige Rolle in der Elitenbildung: Starke Beschränkungen bei der politischen Mitsprache lenken politisches Engagement in ethno-religiöse Organisationen, niedrige Barrieren erlauben Muslimen und anderen Einwanderern, sich in den politischen Mainstream einzugliedern. Doch auch Parteistatuten spielen eine große Rolle. Die politische Orientierung der entstehenden muslimischen Elite charakterisiert unter anderem, dass sie nach 1989 entstanden ist; in traditionelle Parteimuster von links und rechts sowie politische Ideologien lassen sie sich schwer eingliedern. Auch der Glaube ist eine Quelle von Missklängen und ein Grund, nicht in Parteien einzutreten. Muslime sind der Linken zugetrieben worden, weil diese Immigranten gegenüber aufgeschlossener war, aber traditionell die religionsfeindlichste politische Richtung.

In Deutschland leben etwa drei Millionen Muslime, aber nur eine halbe Million darf wählen. Nur die Hälfte der dänischen Muslime besitzt das nationale Wahlrecht, in Italien sind es unter zehn Prozent. Ausgehend von aktuellen Prognosen zum Bevölkerungswachstum kann man annehmen, dass sich noch vor dem Ende des Jahrzehnts große Gruppen rechtloser Bewohner – lokal 25 Prozent oder mehr und national zehn Prozent der Bevölkerung – in den Gebieten konzentrieren werden, wo Einwanderer heute schon geballt leben, nämlich in den Vororten von Paris und Kopenhagen und in bestimmten Stadtteilen Berlins.

Ich fand eine hohe Parteiferne unter politisch aktiven Muslimen, auch unter Abgeordneten. 75 bis 90 Prozent der politisch engagierten Muslime in meiner Studie sind der Meinung, dass Muslime „besondere Probleme“ haben und Opfer falscher Charakterisierungen sind. Die Selbstwahrnehmung als Opfer war in Schweden und Dänemark am schwächsten und in Großbritannien am stärksten ausgeprägt. Durch das Kopftuchverbot in Frankreich und Deutschland sowie durch den Irakkrieg haben sich auf ähnliche Weise die französischen Muslime von Chiracs Flügel und von der Sozialistischen Partei entfernt wie die deutschen von den Christdemokraten und die britischen von Labour. Konservative und zum Zentrum tendierende engagierte Muslime fühlen sich besonders den großen Parteien entfremdet und unterstützen eine Abwanderung in Richtung der kleineren Parteien.

Die rechtsgerichteten Muslime stellen eine kleine und die am wenigsten religiöse Gruppe. Nur zehn Prozent der Teilnehmer sagten, dass sie zur Rechten gehörten. Antiklerikale der Rechten und Linken geben entweder an: „Wir brauchen keine Imams, und keine Glaubensrichtung sollte finanziell unterstützt werden“ oder: „Dies ist ein christliches Land, das wussten wir, als wir kamen.“ Doch die Antiklerikalen sind in der Minderheit; die meisten politisch engagierten Muslime wollen, dass der Zugang zu religiösen Bräuchen normalisiert wird und sprechen von Gleichheit für alle Glaubensrichtungen.

Bei den Rechten fühlen sich Muslime, die ansonsten den familienfreundlichen, glaubensorientierten Ansichten der konservativen Parteien verbunden sind, von der christlichen Exklusivität verletzt.

Die meisten politisch führenden Muslime betrachten die Situation bezüglich der Imame als inakzeptabel und gefährlich. Sie klagen über Ignoranz und niedrigen Bildungsstand – vor allem darüber, dass die Imams die jeweilige Sprache der hier geborenen Generationen nicht sprechen – sowie über Politisierung des Islam und „Schurken-Prediger“. Muslimische Eltern aus der Arbeiterklasse scheinen vor allem zu fürchten, dass ihre Kinder jugendliche Straftäter werden könnten. Eltern aus der Mittelschicht befürchten, dass ihre Söhne oder Töchter politischen Radikalen in die Hände fallen könnten, die im Namen des Islam Hass predigen. Eine niederländische Abgeordnete beschrieb das aktuelle politische Klima in den Niederlanden als „dumm“ – ein Wort, das sie absichtlich verwendete. Sie macht sich Sorgen, dass der restriktive Umgang mit Muslimen in den Niederlanden Extremismus auf allen Seiten fördert.

Die Normalisierung des Zugangs zu religiösen Bräuchen ist eines der politischen Hauptziele engagierter Muslime. Die Präferenzen variierten von Land zu Land, doch zwischen 50 und 95 Prozent der politisch engagierten Muslime nannten religiöse Reformen als ihre erste Wahl bei politischen Veränderungen, die gebraucht würden, um die Lebensqualität der Muslime in Europa zu verbessern.

Wie die Popularität von Tariq Ramadan zeigt, bahnt sich eine neo-traditionalistische Wiederbelebung des Islam an. Die religiöse Bewegung hat keine formale Struktur, außer, dass dieselben Videos, Tonbänder und Bücher in ganz Europa verwendet werden. (Ramadans Bücher wurden in 15 Sprachen übersetzt). Es handelt sich um eine Bewegung der zweiten Generation für einen bewussten Islam. Ihr Ziel ist die Definition eines Islam, der „purer Glauben“ und von ethnischen Doktrinen und Ritualen befreit ist.

Wenn wir von der aktuellen Welle der Unzufriedenheit unter den europäischen Muslimen ausgehen, welches Szenario ergibt sich dann für die nächsten fünf Jahre? Zum großen Teil wird das wachsende muslimische Selbstbewusstsein die aufstrebenden nationalen Vereinigungen sowie eine spirituelle Bewegung versorgen, welche die Einzigartigkeit der europäischen Muslime hervorhebt. Die europäischen Muslime verachten religiösen Fundamentalismus, fürchten die Macht der „Mullahs“ und sähen es gerne, wenn der Islam institutionalisiert und finanziert würde wie die christlichen Kirchen. Doch sie wehren sich auch gegen den Druck der Regierungen, den Islam so weit zu sterilisieren, bis er sich dem anpasst, was man als christliche Vorurteile versteht.

Es könnte zur parallelen Entwicklung einer ethnisch unabhängigen muslimischen Menschenrechtsbewegung – oder genauer: Bürgerrechtsbewegung – und einer radikaleren Studentenprotestbewegung kommen. Es ist wahrscheinlich, dass sich eine europäische muslimische Studentenbewegung formiert, die anti-westliche und globalisierungsfeindliche Themen mit islamistischer politischer Rhetorik mischt. Aktivistische Bewegungen spalten gewöhnlich extremistischere Gruppen ab, denen sich die unzufriedensten und radikalsten Elemente anschließen; wir sollten uns über Terrorismus aus dem eigenen Land Sorgen machen, der mehr den Gruppen der 70er Jahre ähneln wird. Ein Gemisch aus sozio-ökonomischer und kultureller Diskriminierung erzeugt Wut; die Wahrnehmung einer kollektiven Opferrolle ist ein wichtiger Teil der Erzählungen über den Widerstand.

Die Autorin ist ist Professorin für Politik, Brandeis Universität

Aus dem Amerikanischen von Susanna

Nieder

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