Zeitung Heute : Mut zum Risiko

ALBRECHT DÜMLING

Vogler-Quartett im SchauspielhausALBRECHT DÜMLINGZwischen den Zeitgenossen Maurice Ravel und Hugo Wolf gibt es wenig Berührungspunkte.Beide repräsentieren eine Musikkultur - die französische und die deutsch-österreichische - gleichsam in Reinkultur.Das Vogler-Quartett fand eine Brücke über das Espressivo, über eine aus der Traditionslinie Beethoven-Wagner hergeleitete Dramatik.Das Fremde, das Andere waren in diesem Programm Igor Strawinskys Drei Stücke für Streichquartett, die mit ihrer Verwendung des Trivialen, Häßlichen und Fragmentarischen gänzlich quer stehen zur Gattungstradition. Ravels Streichquartett wurde also weniger aus der Perspektive des Personalstils gespielt als vielmehr der seiner Herkunft.Statt der arkadischen Schlichtheit und distanzierten Klarheit des Werks hörte man eher seine Verwurzelung in Debussy, dessen Quartett als Vorbild gedient hatte, die verborgene Verwandtschaft zu Wagner und César Franck.Schon im Kopfsatz wogten in Trillern und Tremoli die Leidenschaften auf, gab es orchestrale Ausbrüche.Der zweite Satz, weniger lebhaft als üblich dargeboten, erweckte in seinem lyrischen Mittelteil Tristan-Schauer, die sich in den Klangeffekten des fragend und suchend begonnenen dritten Satzes fortsetzten.Erst recht beharrten die Voglers im wild und leidenschaftlich gesteigerten Finalsatz auf der ganzen Breite ihrer Farbpalette. Nach der Trennung der Elemente in den drei Strawinsky-Stücken, rauh und direkt gespielt, führte Hugo Wolfs genialisches d-Moll-Quartett nach der Pause zur großen geschlossenen Form zurück.Aus dem Motto "Entbehren sollst du, sollst entbehren" sind alle vier Sätze in Thematik und Gehalt hergeleitet.In diesem Frühwerk wollte der hochbegabte Wolf aus Beethovens Spätwerk radikalere, ungezügeltere Konsequenzen ziehen als Brahms.Schon die Einleitung, explosiv und im Gestus der Verzweiflung gespielt, dann im langen Triller resignativ zurücksinkend, verwies auf das Kommende, auf die Ruhelosigkeit, die permanente Hochspannung, die Zerrissenheit des Satzes zwischen Extremen des Ausdrucks und der Melodieführung, die sogar die risikobereiten Voglers und seinen hier besonders exponierten Primarius teilweise überforderten. Das trotzige Scherzo hinterließ ungeachtet seiner Impulse viele Zweifel.Das Adagio stimmte mit Choraltönen der beiden Violinen und melodischer Innigkeit einen Heiligen Dankgesang an, führte aber trotz Überlänge nicht zu innerer Ruhe.Auch die überraschende Heiterkeit des Finales wirkte mit seinen grotesken Einschüben, darunter einer skurrilen Fuge, wie ein Lächeln unter Tränen.Selbst wenn die selten gespielte Komposition sich damit eher als Problemstück erwies, dankten die Zuhörer im Kleinen Saal des Schauspielhauses für diese heißblütige Einführung in die hier durch keine Lyrik gezügelte Ausdruckswelt des jungen Wolf.

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