Zeitung Heute : Mythen, Monster, Mutationen

BORIS KARLOFF als Frankensteins Geschšpf[1931 in]

Vor einem Jahr schockte ein amerikanischer Fruchtbarkeitsforscher namens Richard Seed die Welt.Nicht nur das Klonen von Tieren, meinte er, sondern auch Duplikate von Menschen seien machbar, ja sogar wünschenswert.Seed begründete dies: "Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen.Das Klonen und die Veränderung der Erbsubstanz sind der erste ernsthafte Schritt, wie Gott zu werden."

Die Fachwelt reagierte überwiegend ablehnend auf Seeds Idee, in einer Klinik in Chicago jährlich bis zu 500 menschliche Klone zu erzeugen.Manche Kollegen jedoch bezeichneten den Amerikaner als "brillanten Mann": "ein bißchen verrückt, aber das müssen wir alle sein, um so weit zu kommen wie er." Schon einige Monate zuvor hatte der Genforscher und Nobelpreisträger James Watson die kühle Frage gestellt: "Wer sonst soll Gott spielen, wenn nicht wir?"

Und wenn dieser Richard Seed vielleicht selbst schon eine Art Klon wäre, das Double eines gewissen Frankenstein, der - als literarische Figur - schon vor knapp 200 Jahren mittels "chemischem Galvanismus" und "elektrischer Biologie" einen künstlichen Menschen aus zusammengeflickten Leichenteilen schuf? Umberto Eco schiebt zwar im Tagesspiegel-Interview den Frankenstein-Mythos weit ins Reich der Science-Fiction und damit in die Schauerromantik unserer Tage; aber er ist vorsichtig genug, die wissenschaftliche Leistung, etwa ein Menschenhirn zu transplantieren oder generieren, nur für die eigenen Lebzeiten auszuschließen.Denn schon die ersten Jahrzehnte des neuen Jahrtausends mögen normal erscheinen lassen, was heute selbst die Züchter des Klon-Schafes Dolly "einen entsetzlichen Gedanken" nennen: die industrielle Fertigung des Menschen.Frankenstein lebt, nicht nur in der Literatur- und Filmgeschichte.Und daß ihn die selbstgeschaffene Kreatur laut Überlieferung schließlich tötete - wirkt das nicht schon heute wie eine kulturpessimistische Phantasie? Die Frankensteins 2000 ff., so die Moral der unmoralischen Geschichte, werden da wohl ein bißchen cleverer sein.

"Frankenstein oder Der moderne Prometheus" - so nannte Mary W.Shelley, die gerade zwanzigjährige Frau des Dichters Percy Shelley, ihren Schauerroman, mit dem 1818 alles anfing, und der einen Jahrhunderte umspannenden Weltmythos begründen sollte.Sie schrieb dabei die Geistergeschichte auf, mit der sie als Erzählerin einen kleinen Kreis im Hause Lord Byrons gefesselt hatte: Der Schweizer Viktor Frankenstein laboriert in der Universität Ingolstadt an der Erschaffung eines neuen Menschen, den er aus den Knochen, Organen und Geweben von Toten zusammensetzt.Doch der Traum, einen "Strom von Licht" in die "dunkle Welt" zu gießen - ebenso wie Prometheus, der den Göttern das Feuer stahl -, geht ebenso wenig auf wie die eitle Hoffnung, "eine neue Spezies" werde ihn "als ihren Schöpfer und ihren Ursprung preisen".Das Problem: Die erschaffene scheußliche Riesen-Kreatur hat eine Seele.Sie fühlt ihre Außenseiterexistenz.Das treibt sie auf einen Tötungsfeldzug, der am Ende auf den eigenen Schöpfer zielt.Dessen Einbildung, Gott zu sein, geht innerhalb des eigenen angemaßten Systems zugrunde.

Der Unsterblichkeit Frankensteins hat das nicht geschadet - ja, er ist so weit ins Begriffliche entrückt, daß er, wie man im "Lexikon der populären Irrtümer" nachlesen kann, oft mit seiner Kreatur identifiziert wird.Der mad scientist und sein bärenstarkes, brabbelndes, artifizielles Riesenkind: dafür, daß sie im kollektiven Unbewußten dieses Jahrhunderts praktisch eins wurden, sorgte erst das Populärmedium Kino.Die aktuelle Liste im Internet verzeichnet allein 70 Verfilmungen, angefangen mit J.Searle Dawleys überlieferten zwölf Stummfilmminuten aus dem Jahre 1910.Das Schlüsselwerk und zugleich den berühmtesten Horrorfilm aller Zeiten, der das Genre erst richtig beflügelte, drehte James Whale 1931 "from the novel by Mrs.Percy B.Shelley" - und es ist wohl kein Zufall, daß im selben Jahr mit "Dracula" und "Dr.Jekyll and Mr.Hyde" zwei verwandte, äußerst remake-trächtige Kino-Archetypen entstanden.Dracula verkörpert die unaufhaltsame, unerlösbare Mordlust des Untoten, bei Jekyll/Hyde dagegen toben die Folgen der unbremsbaren wissenschaftlichen Neugier, gewissermaßen die Schizophrenie im kalkulierten Selbstversuch, in einer einzigen Person.Dennoch, Initialzündung und erfolgreichstes Beispiel dieser Troika war "Frankenstein" - auch für die Weltkarriere des Kleindarstellers William Henry Pratt, der dem tieftraurigen, von seinem Gott verlassenen und von der Welt bekämpften Monster anrührende Ambivalenz verlieh.Unter dem Namen Boris Karloff wurde er, in 150 Filmen, zum gefragtesten Gruselheld aller Zeiten.

Was können die freundlichen Frankensteins dieser Tage, die uns etwa mit dem Gesundheitsargument zum Verzehr gentechnisch erzeugter Lebensmittel anregen, aus dem Schicksal ihres angestaubten, doch unverwüstlichen Vorfahren lernen? Was haben sie schon gelernt, am anderen Ende der industriellen Revolution? Zum Beispiel, daß das eifersüchtig einsame Laborieren - allenfalls mit einem Assistenten im verlassenen Wachturm - auch dem genialsten Forscher nichts bringt.Die Frankensteins des kommenden Millenniums werden

online sein, teamfähig, per e-mail stets mit verwandten Geistern in Verbindung.Vor allem aber sollten sie darauf achten, daß, wenn denn eines Tages einer von ihnen "Heureka!" ruft, der generierte Mensch vielleicht doch ohne Glück- und Schmerzfähigkeit, also Seele, "zur Welt kommt".Sonst geht es ihnen wie dem allerneuesten Frankenstein, dem "Creator" in Peter Weirs "Truman Show".Als seine ewig grinsende, unrettbar traurige Karloff-Kreatur namens Jim Carrey sich ihrer selbst und ihrer Gefühle bewußt wird, ist das überirdische TV-Studio nur noch Elektronikschrott.Und sein Schöpfer der einsamste Gott der Welt.

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