Zeitung Heute : Mythen und Meme

DIRK DE POL

VON DIRK DE POLAls zum Beginn unserer Zeit alles aus dem Nichts entstand, hätte nur ein Gott vorhersehen können, daß eine aus toter Materie entstehende Intelligenz so eine Macht auch einst der Sprache zuerkennen und das sich entfaltende Universum als ihr Modell begreifen würde.Als ob die Sprache aus einer Eigenbewegung heraus den Bedeutungsraum so schaffen könnte, wie die Materie aus ihrer im Urknall begonnenen Bewegung heraus die Raumzeit! Eine solche sprachphilosophische Idee, die den Menschen gleichsam mythischen Mächten unterworfen sieht, hat der Philosoph Martin Heidegger formuliert: Nicht wir, sondern die Sprache spricht uns! Claude Lévi-Strauss übersetzte diesen Gedanken für die französische Ethnologie: Nicht wir denken in Mythen, sondern die Mythen denken in uns.Anthropologisch und erneut sprachphilosophisch bearbeitet wurde daraus das Konzept des Intertextes: Diskurse und Bilder dieser Welt bilden ein vielschichtiges Netz, das den Menschen von Geburt an dominiert.Das Internet! Was könnte es anderes sein als dessen technische Implementierung, die uns als Synapsen eines telematischen Weltgehirns a-dressiert? Eine andere, vermeintlich wissenschaftliche Form dieses mythischen Gedankes und zugleich Antwort auf die Frage, womit wir Synapsen eigentlich gereizt werden, bietet die vom Biologen Richard Dawkins gestiftete und gegenwärtig grassierende Memetik: Organismen sind nur Wirte, die von egoistischen Genen zur Reproduktion gebaut werden.Analog dazu soll das Gehirn nur der Wirt für egoistische Meme sein.Meme, das sind Informationseinheiten: Begriffe, Ideen, Bilder, Gefühle usw.Sie liefern sich einen evolutionären Überlebenskampf.Anders als Gene beherrschen sie jedoch nicht nur Nachahmung und Mutation, sondern sie verbreiten sich insbesondere dank der Medien wie Viren.Wer also einer Mode oder einer Irrlehre anhängt, der hat sich vermutlich bloß angesteckt.Doch wir müssen der Memetik danken, denn sie bricht zugleich den Bann über und in uns waltender mythischer Mächte.Sie gesteht nämlich zu, daß wir selbst auch Meme erfinden können.Entweder um feindliche Meme abzuwehren, oder auch um Einfluß zunehmen auf das, was im Reich der Biologie noch natürliche Selektion heißt.Sprachphilosophisch gesagt: Wir dürfen uns schmeicheln, im Universum der Sprache die Schwerkraft zu sein, die real Materie und Raumzeit zusammenhält. Der Autor ist Literatur- und Medienwissenschaftler und lebt in Berlin.

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