Zeitung Heute : Mythisches Mädchen

CHRISTINA TILMANN

Im Hackeschen Hoftheater: Carla Bessa tanzt "Walzer Nr.6"CHRISTINA TILMANNEin zierliches Wesen windet sich am Boden, Beine verschränken sich, vor- und zurück wiegt sich der Oberkörper, krümmt sich zusammen und streckt sich aus: Carla Bessa gestaltet einen hysterischen Anfall als lustvolle Körpererfahrung.In immer wiederkehrender Choreographie findet die brasilianische Tänzerin und Schauspielerin intensive Bilder zum Thema ihres ersten Soloabends: Das Erwachen der Frau im Kind.Allein auf dunkler Bühne, tanzt sie Verletztheit, Angst, neugierig-tastendes Forschen und weltfremde Selbstbezogenheit einer Fünfzehnjährigen, die sie mit Stimmen aus der Erwachsenenwelt konfrontiert. Ein Text des brasilianischen Autors Nelson Rodriguez, Chopins "Walzer Nr.6", indianische und Eskimo-Mythen und Foucaults Hysterie-Studien sind das Material, aus dem Bessa ihre einstündige, rätselhaft eindringliche Performance zusammenstellt.Die fragile Tänzerin sinkt in Zeitlupe zu Boden, wirbelt im Walzer, sucht immer wieder den Ausweg an der verschlossenen Tür, flieht zwischen Dunkel und Licht.Mühelos dominiert sie die Szene, füllt die Bühne, läßt Raum für Pausen und zieht das Tempo wieder an.Frei nach Rodriguez ist sie Sonja, die Fünfzehnjährige, die sich eine Traumwelt zwischen Liebe, Lust und Leiden schafft.Sie ist die Mutter, die sich um die Tochter ängstigt, der Arzt, der Geliebte.Die Stimme springt von Rolle zu Rolle, vermischt sich in aberwitzigem Tempo zum Dialog, bruchlos, verwirrend. Das Rätsel um den monatlichen Zyklus präsentiert die Textwahl als Konstante durch alle Kulturen: Auffallend ähnlich gestalten die Mythen von den Eskimos bis zum Amazonas die erste Blutung der Frau als blutiges Verbrechen, verknüpfen den die Periode regierenden Mond mit Mord.Mädchen, die nicht heiraten wollen, Männer, die die Unschuld der Mädchen verletzen, werden bestraft durch Trennung von Kopf und Körper.Der abgeschlagene Kopf, heimatlos auf Erden und immer gierig nach Nahrung und Liebe, wird zum Mond, das Blut zum Regenbogen, die Augen zu Sternen.Levi-Strauss sieht in den Mythen den weiblichen Organismus als Zentrum des Universums thematisiert.Carla Bessa hat für ihr Theater etwas nicht weniger Zentrales gefunden: Eine ausdrucksvolle, konzentriert körperliche Schauspielkunst, die den Abend mühelos und meisterhaft trägt. Hackesches Hoftheater, 14., 21., 28.Oktober, jeweils 21 Uhr

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