Zeitung Heute : Mythos Bundesbank

MARTINA OHM

Heute vor vierzig Jahren nahm die Deutsche Bundesbank ihre Arbeit auf.Grund genug, ihrem Mythos nachzuspüren - noch rechtzeitig, bevor er verblaßt.VON MARTINA OHMDie unendliche Euro-Debatte offenbart ein Dilemma: Nichts ist den Deutschen so heilig wie ihr Geld.Verhielte es sich anders - das Verhältnis zu unseren europäischen Nachbarn wäre wohl weitaus entspannter, die Einführung der gemeinsamen Währung kein solcher Stoff für leidenschaftliche Debatten im ganzen Land.Doch die Verhältnisse - sie sind nicht so.Keiner hat es bisher treffender formuliert als der ehemaligen Präsident der EU-Kommission, Jacques Delors, dem der Spruch zugeschrieben wird: "Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle an die Bundesbank." Heute vor vierzig Jahren nahm die Deutsche Bundesbank ihre Arbeit auf.Grund genug, ihrem Mythos nachzuspüren - noch rechtzeitig, bevor er verblaßt.Gelingt schließlich der pünktliche Start des Euro, rücken die deutschen Währungshüter automatisch in die zweite Reihe, verlieren die Deutschen ein Stück Souveränität, das ihnen über die Jahre ganz besonders ans Herz gewachsen ist.Die geldpolitischen Kompetenzen liegen fortan in den Händen eines Gemeinschaftsgremiums, das freilich - ein schwacher Trost - nach dem Vorbild der mächtigen Bundesbank konstruiert wurde.Die deutsche Erfolgsstory sollte sich fortsetzen, auch in einem vereinten Europa Kaufkraft und Stabilität zum Exportschlager werden.Ob das gelingt, steht auf einem anderen Blatt.Vor allem stellt sich die Frage, ob die von Arbeitslosigkeit gepeinigten Europäer auf das jahrzehntelang unangefochtene deutsche Stabilitätskonzept überhaupt noch zurückgreifen wollen.Auch Europa unterliegt dem Wandel und Handlungsspielraum haben die Väter von Maastricht durchaus vorgesehen.Früher oder später wird man ihn nutzen.Seit dem politischen Wechsel in Paris ist klar, wie stark die Meinungen auch über die geldpolitische Werteskala in Europa auseinandergehen.Anzeichen einer zwangsläufigen Veränderung gibt es schon heute.Wie sonst wäre zu verstehen, daß die im Vorfeld des Euro gegenwärtig leicht zur Schwäche neigende Mark allerorten als willkommene Wettbewerbsstütze einsortiert wird? Wie immer die Dinge sich entwickeln - die bisherigen Erfolge deutscher Geldpolitik, jahrzehntelange Preisstabilität und eine stabile Mark, werden dadurch nicht geschmälert.Nicht zuletzt ist es auch Verdienst der Bundesbank, daß wir in Europa heute auf eine regelrechte Stabilitätskultur verweisen können - ein Umstand, an den man sich bereits so sehr gewöhnt hat, daß man ihn kaum noch als das, was er ist, zu schätzen weiß: als hohes sozialpolitisches Gut.Es erscheint paradox, aber Inflation ist - trotz Schuldenmisere und Haushaltsnöten - zur Zeit in Europa kein Thema. Worin also liegt das Geheimnis der Bundesbank? Was verbirgt sich hinter der Arbeitsweise der deutschen Währungsbehörde, daß man ihr bis zum heutigen Tag weithin blindes Vertrauen entgegengebracht hat? Ohne die schlimmen Erfahrungen der Depression, Inflation und Währungsreform wären die Weichen in den 50er Jahren sicher anders gestellt worden.So aber verstanden es die Hüter der Mark von Anfang an, für ihre Unabhängigkeit einzutreten und zu kämpfen. Nicht immer ist es in letzter Zeit aber geglückt, auch das nötige Maß internationaler Anerkennung zu erlangen, das für Vertrauen als Basis gemeinsamer Politik unabdingbar ist.Seit dem spektakulären Rückzug von Karl Otto Pöhl, der als Bundesbankpräsident konkurrenzlose Überzeugungskraft besaß, häuften sich die Vorwürfe, Europa habe nach der Frankfurter Doktrin zu funktionieren.Die Jubiläumsbilanz wird dadurch gleichwohl nicht entscheidend getrübt.Vielmehr sind sich die Währungshüter - wie ihr entschiedenes Auftreten gegenüber den jüngsten Bonner Begehrlichkeiten zeigt - bis heute treu geblieben.

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