Zeitung Heute : NACH BLATTERS WAHL STEIGEN DIE CHANCEN AFRIKAS FÜR DIE AUSRICHTUNG DER WM 2006

PARIS (sid).Die Wahl von Joseph S.Blatter zum neuen Präsidenten des Fußball-Weltverbandes FIFA hat die Aussichten Deutschlands, den Zuschlag für die Weltmeisterschaft 2006 zu erhalten, deutlich verschlechtert.Bei seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahl machte der 62 Jahre alte Schweizer deutlich, daß er, nachdem die erste Weltmeisterschafts-Endrunde des neuen Jahrtausends in Asien stattfindet, vier Jahre später den Afrikanern die Endrunde zuschustern will."Ich werde alles dafür tun, daß dann ein afrikanisches Land über die infrastrukturellen und technischen Voraussetzungen verfügt, eine Weltmeisterschaft auszurichten."

Da außerdem Holland mit einem Antrag scheiterte, in einer Vorauswahl durch die Konföderationen in Zukunft nur noch ein Land pro Kontinent als WM-Kandidat zuzulassen, geht auch der europäische Wettlauf zwischen Deutschland und England weiter.Gut möglich, daß sich bei der Vergabe der WM 2006 im Jahre 2000 die europäischen Stimmen im Exekutivkomitee der FIFA zwischen Deutschland und England spalten und Afrika - wie von Franz Beckenbauer schon vor Monaten befürchtet - der lachende Dritte ist.

Sichtlich geschockt meinte DFB-Präsident Egidius Braun trotzig: "Es wäre armselig, wenn ein einziger Mann entscheiden würde, wo die WM hingeht." Aber ein wenig mehr Unterstützung von Seiten der Politik wünscht Braun sich auch: "Ich weiß, daß sowohl Kanzler Kohl als auch Kanzlerkandidat Schröder unsere Bewerbung unterstützen.Trotzdem wären klare Worte in Sachen Stadienbau, wie Englands Ministerpräsident Tony Blair das getan hat, durchaus wünschenswert."

Braun will noch in diesem Jahr die Stimmung bei den europäischen Mitgliedern der FIFA-Exekutive testen - doch daß Worte nur Schall und Rauch sind, hatte Lennart Johansson, der Kandidat der Europäer und Afrikaner beim Rennen um das Präsidentenamt, erkennen müssen.Mit 100 Stimmen hatte der Schwede gerechnet; am Schluß standen nur 80 Getreue zu ihm.Johansson: "Ich bin ein normales menschliches Wesen, also bin ich enttäuscht.Ich habe heute eine neue Lektion gelernt.Viele hatten mir versprochen, für mich zu stimmen, und haben das offensichtlich nicht getan." Vor dem Wahltag hatten Helfer von Blatter bis tief in die Nacht auf einzelne Verbandsvertreter eingeredet.Die Vertreter Ozeaniens, so erzählte ein Augenzeuge, seien schließlich entnervt von der Hotel-Lobby in ein nahegelegenes Restaurant geflüchtet.

Johansson kündigte an, Blatter als Präsidenten zu akzeptieren und die europäisch-afrikanische Mehrheit in der Exekutive nicht mißbrauchen zu wollen: "Allerdings stehe ich zu meinen Visionen.Ich hoffe, daß der neue Präsident die von mir gebrauchten Begriffe Transparenz, Solidarität und Demokratie hochhält.Ich bin da aber nicht völlig sicher." Konflikte sind programmiert.Für Blatter ist die FIFA dagegen transparent genug.

Auch die Berufung von Michel Platini zum Technischen Direktor wird zum Streitfall.Blatter will den Franzosen, der bis 12.Juli Co-Präsident des französischen WM-Organisationskomitees ist, bis Oktober im neuen Amt installiert haben, damit er die Meinung der Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Mediziner stärker zur Geltung bringt.Johansson hingegen möchte, daß die Stelle ausgeschrieben wird.Er sähe sie lieber mit einem Fachmann besetzt, der eine Trainer- und vor allem Lehrerausbildung absolviert hat, und verlangt eine Ausschreibung: "Für diesen Job gibt es weltweit bestimmt 200 Kandidaten."

Wahlsieger Sepp Blatter will deshalb das Exekutiv-Komitee, die eigentliche "Regierung" der Fifa, entmachten und ein Sechser-Gremium mit einem Vertreter pro Kontinent bilden, um schneller und effizienter entscheiden zu können.Dieses Gremium soll sich monatlich treffen.Auch soll zur Verbesserung der Kommunikation in Zukunft jährlich ein Kongreß stattfinden - und nicht, wie bislang, im Zwei-Jahres-Rhythmus.

Die Kosten spielen dabei keine Rolle.Dank der Einnahmen von knapp vier Milliarden Mark in den nächsten acht Jahren durch den Verkauf der TV-Rechte für die nächsten beiden Weltmeisterschaften sind die Kassen wieder prall gefüllt.Deshalb wohl auch regte es keinen Delegierten sonderlich auf, daß in den letzten vier Jahren über drei Millionen Mark Verlust gemacht wurden.Dazu gab es auf dem Kongreß nicht die geringste Nachfrage.

Blatter konnte und wollte seine Freude über den Sieg nicht verbergen."Es ist für mich ein großes Glück, der FIFA weiter dienen zu können.Nach 23 Jahren hauptberuflicher Arbeit für den Weltverband wäre eine Niederlage doch ein ziemlich abruptes Ende gewesen." Jetzt geht es weiter.Wie bisher?

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