Zeitung Heute : Nach dem Aufstieg, vor dem Aufbruch

WOLFGANG JOST

Hertha ist wieder erstklassig.Die Mannschaft kann ein Hauptstadt-Klub mit regionaler, vielleicht sogar bundesweiter Ausstrahlung werdenVON WOLFGANG JOSTDer Beweis, daß Berlin die Sportstadt Deutschlands ist, kann rechnerisch ohne weiteres geführt werden: In der Metropole gibt es 530 000 Menschen, die in irgendeinem Verein Sport treiben - also jeder Siebte der mit 3,5 Millionen Einwohnern größten Stadt des Landes.Die Zahl der Erstliga-Mannschaften liegt bei rund 80, und das Gros der Olympia-Teams für Sommer- wie auch für Winterspiele kommt seit der Wende ohnenhin aus der wiedervereinigten Stadt.Das Problem ist: Die Rechnung nimmt einem keiner ab, denn entscheidend für eine allseits akzeptierte Bewertung sportlicher Güte ist im Fußballand Deutschland immer noch die Zugehörigkeit zur Elite der Balltreter. Seit Donnerstag abend steht der Wiederaufstieg von Hertha BSC in die Erste Fußball-Bundesliga fest, und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß die Mehrheit der Berliner - und laut Umfrage sogar die Mehrheit der Bundesbürger - dieses als frohe Botschaft empfindet, so war das schon vor dem eigentlichen Freudentag längst dokumentiert worden, als die Herthaner im Zweitliga-Gipfel vor sechs Wochen den Mitaufsteiger 1.FC Kaiserslautern bezwangen: 75 000 glückliche Berliner, die beim 2:0 das Olympiastadion in den bröselnden Grundfesten erzittern ließen, hatte man seit der Maueröffnung nicht mehr gesehen.Die Vorzeige-Kicker der Hauptstadt wurden hernach mit Komplimenten aus dem ganzen Land überhäuft. Man wird sich ab kommenden August, wenn die 35.Erstliga-Saison angepfiffen wird, an solche Bilder der kollektiven Begeisterung gewöhnen müssen, ob man will oder nicht.Und die Skeptiker, die darauf verweisen, daß der Verein ja schon des öfteren auf-, aber auch immer wieder abgestiegen ist, werden zumindest zu registrieren haben, daß dieser vierte Aufstieg von einer anderen Qualität ist als jene in der Vergangenheit.Die junge Mannschaft von Trainer Jürgen Röber muß, natürlich, verstärkt werden, um die Klasse zu halten und sich dort zu etablieren; aber anders als früher ist die Erfüllung einer solchen Bedingung kein Wunschtraum mehr.An den Schlüsselstellen des nunmehr 105 Jahre alten Klubs stehen seit gut zwei Jahren Macher, die es offenbar verstehen, den Erfolg zu planen und denen für die Realisierung auch ausreichend Geld zur Verfügung steht.Die Millionen, die der Hertha-Aufsichtsratsvorsitzende und Generaldirektor der Bertelsmann-Tochter "Ufa", Rolf Schmidt-Holtz, als Geldgeber und Kontrolleur in das "Projekt Hertha" steckt, müssen aber irgendwann - auch das gehört zu den Gesetzen der Branche - Rendite abwerfen.In vier bis sechs Jahren soll deshalb gemäß den Visionen des Filmrechteverwerters "Ufa" auf den vorderen Bundesliga-Plätzen (und damit auch in internationalen Wettbewerben) der Name Hertha BSC auftauchen. Natürlich liegen im Fußball zwischen Größenwahn und Depression mitunter nur 90 Spielminuten; andererseits haben die Beispiele FC Bayern und Borussia Dortmund gezeigt, daß mit dem großen Geld der Erfolg im Fußball als professionellster Sportart noch am ehesten zu realisieren ist.Hertha, einst ein Stadtteil-Verein, der an der "Plumpe" im Wedding zu Hause war und bis zuletzt von vielen in der Berlin ureigenen Fußball-Eigenbrötlerei auch so gesehen wurde, soll und kann Hauptstadt-Klub mit regionaler, vielleicht sogar bundesweiter Ausstrahlung sein - niemand in der Bundesliga hat so viel Platz für Fans! An die Zeiten, da sich die Hertha-Klientel verschaukelt fühlen mußte, weil Eitelkeiten, dubiose Machenschaften, finanzielle Drahtseilakte, drohender Lizenverlust oder gar Bestechungs-Skandale die "Blau-Weißen" zum Chaos-Klub stilisierten, erinnerte zuletzt schon fast nichts mehr.Mit dem Hauptstadt-Umzug werden zudem schon bald politische, wirtschaftliche und (ja, auch das) kulturelle Entscheidungsträger mit der "alten Fußballdame" in Berührung kommen.Und die solchermaßen "Infizierten", so schätzt nicht nur Sportbund-Präsident Manfred von Richthofen, werden die Drehscheibe Berlin auch in den Brennpunkt der deutschen Sportöffentlichkeit rücken."In zehn Jahren haben wir eine völlig neue, große Sportszene hier", hat der Tennisturnier-Organisator Eberhard Wensky vor wenigen Tagen anläßlich der German Open im Damentennis prophezeit.Das mag kühn klingen, aber die entsprechende Aufbruchstimmung ist zweifellos vorhanden.

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