Zeitung Heute : NACH DEM GLÜCKLICHEN 2:2 GEGEN JUGOSLAWIEN: Matthäus ist wieder eine feste Größe

KLAUS ROCCA

NIZZA/LENS .Nein, aus dem Kreise der Mitfavoriten auf den WM-Titel sei man nach dem zweiten Vorrundenspiel keineswegs ausgeschieden.Im Gegenteil, wer so noch die Kastanien aus dem Feuer hole, vor dem sei der Respekt noch größer geworden.Glaubt jedenfalls Lothar Matthäus.Wollte sich da einer selbst Mut machen? Glaubte er da wirklich an seine Worte? Oder wollte er den Journalisten Sand in die Augen streuen? Denn dem Lothar Matthäus, dem inzwischen so Angepaßten, dem Aalglatten, ist alles zuzutrauen.Sogar, daß er sich selbst belügt.

Vielleicht wollte der "Loddar" damit auch nur eines sagen: Als ich kam, ging es bergauf mit der Mannschaft, hinaus aus dem tiefen Tal.So schien es zumindest.Nicht gleich, auch ein WM-Rekordler (22 Spiele) braucht eine gewisse Anlaufzeit, auch mit ihm kam nicht gleich Ruhe und Ordnung in die ach so konfusen Reihen.

Aber, und das zumindest konnte sich der Bayer zugute halten, mit ihm (und natürlich auch mit Ulf Kirsten und Michael Tarnat) kam die Wende, die kaum noch erhoffte."Beim 0:2 habe ich", bekannte Bundestrainer Berti Vogts später, "nicht mehr an einen Punktgewinn gegen die so brillant spielenden Jugoslawen geglaubt".Vielleicht wäre die Wende auch nie gekommen, hätte Sinisa Mihajlovic, der Mann von Sampdoria Genua, bei Tarnats Freistoß nicht so unglücklich die Flugbahn des Balles abgefälscht.Nämlich ins eigene Tor.

Berti Vogts muß man zumindest konzedieren, bei seinen Einwechslungen das richtige Händchen gehabt zu haben: Ulf Kirsten, dessen Einsatz am Donnerstag im letzten Gruppenspiel gegen Iran wegen einer Kapselverletzung fraglich ist, brachte dem so schlappen Sturm neuen Rückenwind, Michael Tarnat stand Fortuna zur Seite, und Lothar Matthäus sorgte für ein wenig mehr Ruhe im Mittelfeld.War er nun deshalb gleich der Chef, der spiritus rector? Nein, davon wollte der reaktivierte Rekord-Nationalspieler nichts wissen."Ich will gar kein Chef sein, ich will mein Können ganz in den Dienst der Mannschaft stellen", gibt sich der Rekord-Nationalspieler bescheiden.Im Glauben, daß man von ihm Bescheidenes hören will.

Daß schon vor dem Spiel Rufe nach ihm laut wurden, ist natürlich auch ihm nicht entgangen.Lothar Matthäus weiß, daß er wieder eine feste Größe ist.Besonders dann, wenn es ohne ihn so miserabel läuft.

Warum es denn so miserabel gelaufen sei, darauf konnte später niemand von den Beteiligten eine richtige Antwort geben.Achselzucken allenthalben.Natürlich, der Gegner war stark, technisch um Klassen besser, beweglicher, in der Abwehr aufreizend lässig nach dem Motto: Wie harmlos seid Ihr doch.Die Jugoslawen waren wohl auch im Kopf freier, wie es Außenseiter nun einmal sind.Hinzukam der schwere Fehler von Andreas Köpke (Vogts: "Eine Torwartdiskussion gibt es trotzdem nicht.Andy bleibt unsere Nummer eins") beim zweiten Gegentor.Doch erklärt all das diese Konfusion, diese Hilflosigkeit, dieses stümperhafte Gekicke über mehr als eine Stunde?

Noch ist man geneigt, an einen Ausrutscher, an ein kurzzeitiges Tief zu glauben, der üblichen Steigerung bei großen Turnieren zu vertrauen.Was aber, wenn dem nicht so ist? Wenn die Christian Ziege, Dietmar Hamann, vielleicht auch Andreas Möller oder gar andere den Ansprüchen dieser Coupe du Monde gar nicht gerecht werden? Wir haben, glaubt Matthäus, genug Substanz, um bei der Vergabe des Titels ein Wörtchen mitzureden.Zweifel sind angebracht.

Doch zweifelten wir nicht auch schon vor zwei Jahren in England, als die anderen viel schöneren Fußball spielten und dann doch in Schönheit starben, auf dem Podest ganz oben am Ende aber die Deutschen standen? Die Deutschen mit ihrem biederen, aber wirkungsvollen Fußball.Mit den ihnen nachgesagten typischen Tugenden, der Kampfkraft, dem nimmermüden Einsatz- und Siegeswillen.Die ihnen nun auch gegen die Jugoslawen das Unentschieden noch beschert haben.Gemeinsam mit der Glücksgöttin.

Hier in Frankreich spielen wieder die anderen den sehenswerten Fußball, die Brasilianer, die Franzosen, die Niederländer, die Nigerianer.Noch wird der Deutsche eher mitleidig belächelt (oder - siehe Hooligans - gehaßt).Aber bislang ist ja alles nur Vorgeplänkel.Wie tröstlich.

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