Zeitung Heute : Nach dem Schock

FRANK DIETSCHREIT

Berliner Umfrage: Ist das Ensemble-Theater ein Auslaufmodell?FRANK DIETSCHREITDie Stimmung an der Berliner Schaubühne? "Erstmal ein Entsetzen!" Denn zu dem, was Andrea Breth in den Tagen ihres Rücktritts von der Leitung des Kunstklosters am Lehniner Platz geäußert hat, gibt es, so Geschäftsführer Jürgen Schitthelm, "nicht nur Einverständnis".Kein Wunder, schließlich hatte sie im "Spiegel" gesagt, an ihrem Theater herrsche eine "Erpressungs- und Selbstbedienungsmentalität".Unter den immer dreister von der Bühne zu Film und Fernsehen forteilenden Schauspielern sei "eine Art Goldgräberstimmung" ausgebrochen."Das Ensembletheater", so Breths Konsequenz, "ist gescheitert." Das sehen die Theaterleiter Berlins allerdings anders.Für sie ist nur das aus 68er-Tagen stammende Mitbestimmungsmodell gescheitert, das den Schaubühnen-Akteuren viele Rechte einräumte und wenige Pflichten abverlangte."Daß das Mitbestimmungsmodell überhaupt so lange über den Weggang Peter Steins hinaus funktionierte, ist schon ein Wunder!" Meint Manuel Schöbel vom Caroussel-Theater.Auch Volker Ludwig vom Grips-Theater weiß um die Tücken der Demokratie: Das einstige "totale Selbstbestimmungsmodell"wurde im Grips schon 1977 durch ein "Delegationsprinzip" ersetzt.Trotzdem: Unter der Disproportion zwischen dürftigem Theatersalär und üppigen Film-Honoraren haben alle Berliner Bühnen zu leiden."Da verdienen die Schauspieler in zwei Tagen so viel wie bei uns in einem Monat." Wenn aber der Schauspieler für eine gleichwertige Umbesetzung sorgt und die entsprechenden Kosten trägt, läßt Ludwig seine Eleven an die Geldtöpfe ziehen. Thomas Langhoff vom Deutschen Theater ist da erheblich strenger."Natürlich fragen die Schauspieler mich.Aber wenn ich sage: Paß auf, du spielst hier im Moment eine große Theaterrolle, dann ist Ende der Fahnenstange." Seine Schauspieler hätten überhaupt ein "großes Verantwortungsbewußtsein".Redet hier ein Ensembletheaterchef ein Problem klein? "Wir haben zum Glück ein größeres Ensemble und können die Urlaubswünsche besser abfangen." Ähnliches kann man auch vom Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm hören.Stephan Suschke, dem künstlerischen Direktor, sind die Schaubühnen-Probleme zwar "nicht gänzlich fern".Auch findet er es "enervierend", permanent auf die Wünsche der Schauspieler Rücksicht nehmen zu müssen.Eine pauschale Verurteilung" der Schauspieler findet Suschke aber "idiotisch".Und weil auch er ein größeres Ensemble und keine En-Suite-Situation wie an der Schaubühne habe, seien die Probleme zu meistern. Alles paletti also? Die Schaubühne nicht die Spitze eines Eisberges, Schitthelms radikaler Befreiungsschlag nur ein bedauernswerter Einzelfall? Die Theaterdirektoren hoffen es.Denn eine Infragestellung des Ensembletheaters können sie sich nicht leisten."Ich befürchte, daß eine kulturpolitische Debatte losgetreten wird", sagt Thomas Langhoff."Ich habe Angst vor dem vorauseilenden Gehorsam.Viele in der Politik meinen doch, daß die festen Theater abgeschafft würden und ein Stagione- oder Stückeprinzip besser wäre als etwas so Wunderschönes wie das feste Ensemble mit Repertoire." Vor einem "amerikanischen Modell", so Langhoff, möge "uns der liebe Gott schützen." Und die künstlerisch-finanzielle Seite? "Ich bin gespannt, wie man ein gutes Programm zusammen kriegt mit Schauspielern, die man nur für ein Stück engagiert.Ganz abgesehen davon, daß das viel teurer wird", meint Volker Ludwig.Und selbst Jürgen Schitthelm betont mit Blick auf die Reise- und Hotelkosten der Saison-Gäste: "Wer glaubt, daß man ohne Ensemble preiswerter arbeiten kann, ist im Irrtum." Nur Volksbühnen-Chef Frank Castorf schweigt.Er läßt ausrichten, er habe keine Lust, sich zur Schaubühne zu äußern.

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