Zeitung Heute : Nach der Katastrophe wächst die Seuchengefahr - Bericht aus Istanbul

S. Güsten

Bei dem schweren Erdbeben in der Türkei sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen möglicherweise bis zu 40 000 Menschen ums Leben gekommen. Der UN-Koordinator für humanitäre Angelegenheiten, Sergio Piazzi, sagte am Freitag in Genf, es könne sein, dass noch 35 000 Menschen unter den Trümmern eingestürzter Häuser liegen. Nach der jüngsten Bilanz der türkischen Behörden liegt die Zahl der Toten bisher bei mehr als 8700 Menschen; über 34 000 Menschen erlitten demnach Verletzungen. Auch die türkische Regierung geht allerdings davon aus, dass sich die Zahl der Todesopfer in den kommenden Tagen noch erhöhen wird. Unterdessen steigt im Katastrophengebiet die Seuchengefahr.

Schätzungen über die Gesamtzahl der Toten sind außerordentlich schwierig, weil niemand genau weiß, wie viele Menschen sich zum Zeitpunkt des Erdbebens am Dienstagmorgen um drei Uhr Ortszeit in den Häusern in der Region aufhielten. Ein Lokalpolitiker in der Katastrophenregion wurde mit den Worten zitiert, allein in der Stadt Gölcük würden noch 10 000 Menschen vermisst. Weiter erschwert werden die Voraussagen über die Gesamtzahl der Opfer durch die Tatsache, dass einige Dörfer im Katastrophengebiet nach Angaben der Regierung immer noch nicht von den Rettungskräften erreicht werden konnten. Die Bemühungen der Helfer liefen unterdessen aber trotzdem weiter. Nach Fernsehberichten wurde ein kleines Kind noch 75 Stunden nach der Katastrophe lebend aus den Trümmern eines Hauses geborgen.

Nach Einschätzung von Fachleuten lässt die Sommerhitze von teilweise 35 Grad die Gefahr von Krankheiten wie Typhus und Cholera im Erdbebengebiet steigen. Mehrere tausend Leichen liegen seit Tagen unter den Trümmern oder in ungekühlten Leichenhallen; vielerorts liegt Leichengeruch in der Luft. Auch sind an vielen Stellen die Abwassersysteme beschädigt worden. Dazu kommen die mangelhaften sanitären Einrichtungen für die mehreren hunderttausend obdachlosen Menschen. Vertreter deutscher Hilfsorganisationen zufolge ist vom Wochenende an besondere Vorsicht geboten, weil die Leichen toxische Stoffe abgeben. Die Regierung in Ankara entsandte inzwischen Spezialteams ins Erdbebengebiet, die Müll einsammeln, Trinkwasser chlorieren und Tote begraben sollen. Die ersten ausländischen Hilfskräfte wollen die Türkei bald wieder verlassen.

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