Nach der Rede : Gesucht: Traumstifter

Stephan-Andreas Casdorff

Es ist die Rede – von der Rede. Barack Obamas Auftritt ist unter ästhetischen Gesichtspunkten kritisiert und auch gewürdigt worden. Aber was bleibt, ist der Eindruck, den seine Worte hinterlassen haben. Haben sie auch Eindruck gemacht? Und was könnten sie unsere Politiker lehren?

Zunächst, dass Sprache das Element des Politikers ist. Er vermittelt sich so. Der Ausdruck führt zum Eindruck. Und während sich die deutschen Politiker verlieren in ihren Reformsoziologismen, die sich dann schwer auf die Zuhörerschaft legen, vermittelt Obama mit Leichtigkeit den Zusammenhang zwischen Wort und Redner. Will sagen: Der Aufbau der Rede, ihr Sound und Refrain, aber auch jedes große Wort enthält die Person, die es sagt, und den Grund, warum sie es sagt. Authentizität, mit Inhaltlichkeit aufgeladen, das kann, wenn es gelingt, elektrisieren und Menschen anziehen.

„Das ist der Moment …“, „Das ist der Zeitpunkt …“, „Das ist, warum wir …“. Durch Beschreibung, was genau wir gemeinsam für eine bessere Welt tun könnten, wird der Unterschied zwischen dem Gesinnungsethiker und dem Verantwortungsethiker herausgestellt. Den einen leiten die Ziele mehr als die Folgen seiner Entscheidungen, der andere kalkuliert die Folgen in sein Handeln mit ein. Das ist der Maßstab für Sprache und Politik. Das ist: hohe Politik.

Zu den Unwandelbarkeiten der Gesellschaft zählt, dass der Mensch sich wandelt, ständig in Bewegung ist, ein Prozess, dass er sich entwickelt, ausgerichtet auf andere Menschen, abhängig von Interaktion. So redet der Soziologe. Und so gesehen hat Obama uns berührt. Er versteht es, deutlich zu machen, dass Wandel möglich, gut möglich ist. Das ist umso wünschenswerter, als Wandel Zyklen unterliegt und gegenwärtig die Lust darauf immer geringer wird.

Die verunsicherte Gesellschaft, wie Kurt Sontheimer sie nannte, ist wieder da, denn derart viel – ungesteuerte – Veränderung war selten. Der Versuch, dem mit instrumenteller Rationalität à la Angela Merkel oder Frank-Walter Steinmeier zu begegnen, begeistert Menschen nicht. Sprödigkeit kann regieren, wo Akten sie stützen. Sie darf aber nicht übermächtig werden, weil dann Abwendung von der Politik die Folge sein kann. Als ein Akt der Verzweiflung.

Aber es gibt ja das Wagnis der Hoffnung. Und es gibt dazu längst Prinzipien für die Politik von morgen. So stark ist der Planet geplündert worden, dass jetzt Beherrschung und Bescheidenheit nötig sind. Und: Verantwortliche Politik bedeutet auch Verantwortung für die Folgen, was sich negativ auswirkt, muss korrigiert werden. Zum Dritten: Verantwortungsethik, aber mit globalem Ansatz. Bleibt die Anstrengung, eine humane, ökologische und soziale Zukunft zu beschreiben.

Davon war die Rede. Sie besagt, dass das „Projekt Moderne“ politisch belebt werden kann von einem, der einen Traum lebt, der seine Idee Wirklichkeit werden lassen will. Den Eindruck hat Obama gemacht. Unsere Politiker sollten gesehen haben, dass die Verzauberung von Menschen, dass das Menschenfischen und Begeistern nicht Sache von Despoten ist. Das Feld darf nicht brach liegen bleiben, bis es einer von den Falschen bestellt. Sie sollten darum versuchen, Freude an der Aufgabe zu zeigen, Menschen in gute Zeiten zu führen. Das ist die Mühe wert.

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