Zeitung Heute : Nach der Tragödie

ULRICH GLAUBER

Auch kann es nicht darum gehen, angesichts des einmaligen Ausmaßes des plötzlichen Wassereinbruchs in die Talkmine aus dem bequemen Beobachtersessel heraus billige Schuldzuweisungen an Fachleute zu verteilen, die in unvorbereiteter Situation ihr Bestes getan haben dürften.

Aber nach dem traurigen Ende nur annäherend realistischer Hoffnungen auf weitere Überlebende muß die Forderung nach einer unverschleierten Analyse gestattet sein, damit aus Fehlern gelernt werden kann.Außerdem müssen die Fakten im Interesse aller Beteiligten auf den Tisch, damit die wuchernden Gerüchte und Spekulationen über die Vermeidbarkeit der Grubenhavarie und ihrer Folgen nicht noch mehr ins Kraut schießen.Dem zweiten Ziel würde die Beantwortung der Frage dienen, ob die Grubenleitung vor dem Wassereinbruch am 17.Juli tatsächlich Warnungen von Anwohnern und Bergarbeitern über alarmierende Geräusche über Tage und ungewöhnliche Feuchtigkeit in den Stollen mißachtet hat.

Bedrückender und diffizieller ist die Klärung des Problems, ob die zehn verschütteten Bergleute kurz nach dem ersten Schlammeinbruch in den Stollen geschickt werden durften, ohne deren schlimmes Schicksal es beim Grubenunglück gar keine Verschollenen oder Todesopfer gegeben hätte.Sicher ist, daß das Team nicht auf dem Weg zu dem zuerst vom Schlamm eingeschlossenen Kameraden war.Aber auch aus Laiensicht scheint klar, daß der freiwillige Einsatz zur Sicherung des Bergwerks auch dem Offenhalten möglicher Rettungswege für den eingeschlossenen Georg Hainzl diente.

Die Rettungsarbeiten selbst lassen sich in die Phase vor und die Zeit nach dem "Wunder von Lassing" einteilen.Die wundersame Rettung des 24jährigen Georg Hainzl nach zehn Tagen ohne Trinkwasser und Nahrung wäre freilich bei professionellerer Koordination und Vermeidung von Kompetenzeifersüchtelei rascher möglich gewesen.Nach der Bergung des 24jährigen brach - auch wegen des fast hysterischen Medieninteresses - hektische Aktivität aus, die übertriebene Erwartungen weckte.Nützliche und kontraproduktive Hilfsangebote aus dem Ausland waren kaum noch zu unterscheiden.

In Österreich wurde als Konsequenz aus den Ereignissen von Lassing zurecht eine Änderung des Berggesetzes gefordert.Der bisher völlig autonomen Bergbehörde soll eine Kontrollinstanz an die Seite gestellt werden.Das könnte vermeiden helfen, daß Entscheidungen der zweifellos hochqualifizierten Bergbauexperten Österreichs angesichts der persönlichen Nähe zwischen Ausbildern, Grubenleitungen und Beamten der Aufsichtsbehörden durch Interessenkonflikte und Befangenheit beeinflußt werden.In Wien muß man sich auch fragen, ob Änderungen im Katastrophenschutz nicht eine schnellere Koordination von Hilfsmaßnahmen ermöglichen würden.

Im zusammenwachsenden Europa sollten ebenfalls Voraussetzungen für schnellere und effektivere Kooperation geschaffen werden.Informationen über geeignete Rettungstechnik und Spezialtrupps müßten von den Einsatzleitungen in den einzelnen Nationen von einer Datenbank auf Ebene der Europäischen Union abrufbar sein.Medienaufrufe zum Herbeischaffen nötiger Gerätschaften entsprechen bei allem Verständnis für die Unberechenbarkeiten von Einsätzen wie den Bergungsbemühungen von Lassing im Computerzeitalter nicht mehr dem Anspruch, in einer der entwickelsten Regionen der Welt zu leben.

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