Zeitung Heute : Nach der verlorenen Zeit

CHRISTIAN SCHRÖDER

Digital flackerndes Höhlenfeuer: Hans Jürgen Syberbergs Installation "Cave of Memory"VON CHRISTIAN SCHRÖDERDie Gegenwart pflegt gemeinhin ein unsentimentales Verhältnis zur Vergangenheit.Häuser werden abgerissen, wenn sie im Weg stehen, Bücher eingestampft, wenn sie keiner mehr kauft, Bilder ins Depot verbannt, wenn sie aus der Mode sind.Was bleibt von der Geschichte, ist Erinnerung.Manchmal wird Kunst daraus.Marcel Proust etwa reichte die Beschreibung des Geschmacks einer in Tee getunkten Madeleine aus, um in seinen Romanen die Welt seiner Kindheit wiederauferstehen zu lassen.Und Günter Grass montierte in seiner Danziger Trilogie Werbeparolen, Parteitagsreden und Jugendslang zu einem Bild des Alltags im Dritten Reich.Auch Hans Jürgen Syberberg ist auf der Suche nach der verlorenen Zeit.Mit seinen Filmen, Theaterinszenierungen und Büchern versucht er seit dreißig Jahren der deutschen Geschichte und ihren Mythen auf den Grund zu gehen.Ludwig II., Karl May, Wagner, Hitler, zuletzt Nietzsche waren die Wegmarken seiner Spurensuche.Anfangs wurde der Fährtengänger Syberberg gefeiert, später gescholten.Selbst die FAZ zählt Syberberg inzwischen zu den "Wortführern eines wiedererstarkenden Nationalismus", seitdem er sich mit der Neuen Rechten einließ.Ob seine Arbeit "rechts" oder "reaktionär" ist, kommt auf den Standpunkt des Betrachters an.Rückwärtsgewandt ist sie ganz sicher.Aber das muß ja nichts Schlechtes sein. Syberbergs neuestes Projekt trägt den Bezug zur Vergangenheit schon im Titel."Cave of Memory" heißt seine Installation, die auf der documenta in Kassel zu sehen war und nun für fünf Tage als Produktion des Hebbel-Theaters im Hamburger Bahnhof Station macht.Das Obergeschoß im Ostflügel des Museums ist in eine Höhle des Digitalzeitalters verwandelt.Alle Fenster sind abgedunkelt, nur durch die Fensterverkleidungen in der Blickachse des Raums fällt ein Streifen Tageslicht.Wuchtige Pfeiler gliedern die langgestreckte Halle in fünf Abteilungen, von Syberberg "Stationen" genannt, in die jeweils vier Fernsehmonitore sowie zwei Overheadprojektoren plaziert sind.Überall flackern und flimmern Bilder.Ein buntschimmerndes Höhlenfeuer.Man schreitet durch diesen begehbaren Film wie durch eine Kathedrale, in der die Altäre in den Seitenkapellen durch wechselnde Projektionen ersetzt sind.Stimmengewirr dringt aus Lautsprechern, überlagert von sphärischen Gesängen aus Mozarts "Requiem". Requiem = Abgesang.Genau das richtige Motto für Syberbergs Erinnerungs-Höhle.Denn alles, was er uns hier zeigt, gehört der Sphäre des Nicht-Mehr und Nie-Wieder an.Im Zentrum der Arbeit steht der österreichische Schauspieler Oskar Werner, der im November 75 Jahre alt würde.Bei einer Heidelberger Bekannten hat Syberberg die Aufzeichnung von Werners Inszenierung des "Prinz Friedrich von Homburg" ausgegraben, dem letzten Auftritt des Darstellers vor seinem Tod 1984.Wir sehen einen vom Alkohol gezeichneten Künstler, seinen Text pathetisch deklamierend.Drumherum gruppiert Syberberg Aufnahmen von Einar Schleefs "Faust"-Performance auf der Treppe vor dem geschlossenen Schiller-Theater, letzte Beckett-Monologe aus den siebziger Jahren, Katalogabbildungen von in Rußland verschollener Beutekunst, eine Kamerafahrt durch die Berliner Wilhelmstraße, in der Baulöcher klaffen und Plattenbauten stehen, wo sich einst Barockpaläste erhoben.Lauter Verluste, lauter Abschiede. Ein Standfoto zeigt Oskar Werners Gesicht, hineinmontiert in einen Himmel.Es stammt aus dem Film "Der letzte Akt", in dem er einen Leutnant spielt, der bei der Verteidigung der Reichskanzlei in der Wilhelmstraße fällt.Teil dieser Reichskanzlei war das Palais Radziwill.Dort fand 1819 die Uraufführung des "Faust" statt.Deutsche Geschichte: ein Knäuel unentwirrbarer Verbindungen.Natürlich kann Syberberg sich die Polemik nicht ganz verkneifen.In einer Zeitungsnotiz, in der ein Marketingkonzept des Kultursenators Radunski vorgestellt wird, hat er einige Zeilen wie ein klausurenkorrigierender Deutschlehrer angestrichen: "Rucksacktouristen", steht da, "Wachstumsbranche Kultur", "Museums-Shops" und "Candlelight-Dinner".Kultur als Ware, davor graust es dem Großkünstler. Ähnlich wie Syberberg heute hatte es Werner in seinen letzten Jahren schwer mit seiner Zeit.Vor dem "Homburg" war er dreizehn Jahre lang nicht aufgetreten, weil er das aufkommende Regietheater verachtete.Sieht Syberberg in ihm einen Seelenverwandten? "Ach nein", antwortet der Regisseur, "das würde ich nicht sagen.Aber dieser Absolutheitsanspruch, sich auch verweigern zu können, gefällt mir schon." Syberberg und Werner: zwei große Einsame. Hamburger Bahnhof, bis 19.10.Täglich um 20 Uhr eine "Live-Variante" mit Hélène Delavault (Gesang), Susan Manoff (Klavier) und Hans Jürgen Syberberg (Kamera).

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