Zeitung Heute : Nach der verlorenen Zeit

Das Alte morsch, der Wandel mühsam: Bulgarien wird EU-Land, wieder beginnt eine neue Epoche. Keiner weiß, mit welcher Wucht

Axel Vornbäumen[Sofia]

Satt leuchtet die Kirchenmauer im Rücken von Boromil Iwanow. Die tief stehende Wintersonne bringt das Indigo- Blau des kleinen Kirchleins von Kopriwschtiza in einer Eindringlichkeit hervor, als gelte es, der Welt zu beweisen, dass es tief im Osten sehr wohl noch etwas anderes gibt als schmuddeliges Grau. Iwanow war am Morgen allein im Wald gewesen. Er hat ein paar Zehen Knoblauch zu Mittag gegessen, sonst nichts. Es ist Fastenzeit. Nun zündet sich der orthodoxe Priester eine Zigarette an und blickt auf den Haufen Bretter, die er mit einem altertümlichen Hobel von der Rinde befreien muss. Das Gemeindehaus braucht eine neue Holzdecke. Und Boromil Iwanow hat noch gut zu tun.

Der kleine, verwilderte, aber nicht verwahrloste Kirchhof, der Stapel unbehandeltes Holz, der Priester, wie er in Arbeitshose und grob gestricktem Pullover mit langen, gleichmäßigen Bewegungen die Rinde vom Holz abzieht – es ist ein Idyll. Doch Boromil Iwanow könnte gut darauf verzichten.

Er hat im Ort gefragt, ob ihm wohl jemand bei der Arbeit zur Hand gehen würde, zwei, vielleicht auch drei Stunden. Er hätte gut bezahlt, umgerechnet sieben Euro die Stunde, was nicht wenig ist in einem Land, in dem das monatliche Durchschnittseinkommen bei nicht einmal 150 Euro liegt. Doch niemand wollte. Dabei ist die Neuzeit über das kleine 2000-Seelen-Dorf Kopriwschtiza gekommen und natürlich ist mit ihr auch die Arbeitslosigkeit die sanften Hügel hochgekrochen, hier, etwa 130 Kilometer östlich der bulgarischen Hauptstadt Sofia. „Aber die, die geblieben sind“, sagt Iwanow, „warten lieber ab, dass ihnen der Staat etwas gibt.“

Die neue Zeit – sie könnte so gut sein, könnte Mut machen, Kraft geben. Boromil Iwanow ist hin- und hergerissen. Ein paar Tage noch, dann ist Bulgarien Mitglied der Europäischen Gemeinschaft. Am 1. Januar 2007 schlüpft man gemeinsam mit Rumänien in diesen einstmals so exklusiven Club, und wahrscheinlich sind danach die Türen für alle anderen Anwärter für sehr lange Zeit zu. „Nie in unserer 1300-jährigen Geschichte“, sagt Iwanow, „war der Frieden größer als jetzt.“ Doch Bulgarien, sein Land, macht auf ihn nicht den Eindruck, als könne es so recht etwas damit anfangen. Für einen kurzen Moment legt sich Bitterkeit auf die markanten Gesichtszüge des Priesters. „Die Besten gehen, hier bleibt nur noch der Schlamm.“

Bulgarien schrumpft. Hunderttausende haben das Land im Südosten Europas seit dem Zusammenbruch des Sozialismus im Wendeherbst 1989 bereits verlassen, jeder Zehnte sucht sein Glück im Ausland. Die demografischen Prognosen sind düster, die Geburtenrate ist die niedrigste in Europa, derzeit leben noch 7,9 Millionen Menschen im Land. Nun wächst die Befürchtung, dass sich mit der EU-Mitgliedschaft der Exodus noch verstärkt. Iwanow, der Priester, teilt die Bevölkerung in drei Gruppen ein. „Nur die mittleren Jahrgänge stehen dem Beitritt positiv gegenüber und wollen auch bleiben. Die Älteren sind total skeptisch und die Jungen warten nur darauf, dass sie gehen können.“

Auf eine weitere Million schätzen Experten die Zahl der Auswanderungswilligen, Leute, die nicht warten wollen, bis Bulgarien das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt der EU-Länder erreicht. Das wird für etwa Mitte des Jahrhunderts prognostiziert. Es kann auch noch ein bisschen länger dauern.

Eine Gesellschaft ist da aus dem Gleichgewicht geraten, irgendwie, in den vergangenen 17 Jahren, die Wertegerüste von früher sind morsch geworden, und mühsam ist der Neuaufbau. Nun bricht die neue Zeit ein zweites Mal an und niemand weiß so recht, mit wie viel Wucht. In all dem Durcheinander hat Boromil Iwanow einen merkwürdigen, manchmal etwas halbseidenen Hang zur Religiosität ausgemacht. Sein Kirchlein ist voll und er selbst, der Priester, wird zur Einweihung von Discos und Läden und Tankstellen gerufen, um seinen Segen zu geben. „Sogar ein Striptease-Club war mal dabei“, sagt Iwanow. „Ich hab nichts gegen den Laden, bin dann aber doch nicht hingegangen.“

Ja, eine Gesellschaft ist aus dem Gleichgewicht geraten – und Welina Topalowa hat die aktuellsten Daten dazu. Die kleine Frau mit dem strengen Kurzhaarschnitt und dem weinroten Einstecktuch ist Leiterin des Instituts für Soziologie der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften. Die Akademie residiert in Bestlage im Zentrum Sofias, einen Steinwurf entfernt nur von der Alexandar-Newski-Kathedrale. Welina Topalowa hat ihr Büro im ersten Stock, und wer zu ihr will, muss vorbei an zahlreichen Porträts, einer Art Ahnengalerie von Geisteswissenschaftlern, die da im Treppenhaus hängen. Karl Marx ist dabei, Max Weber, Emile Durkheim. Drinnen, im Büro, verleiht eine wuchtige, rostbraune Polstergarnitur dem wissenschaftlichen Ambiente eine melancholische Schwere. Möbelpacker mit dicken Oberarmen müssen die Sofas hier so vor ungefähr 40 Jahren abgestellt haben; es kann aber auch schon 50 Jahre her sein.

Welina Topalowa hat sich auf die Kante gesetzt, damit sie vom Sessel nicht verschluckt wird. Die Soziologin blättert in ihren Unterlagen, die vielen handschriftlich eingetragenen Daten sagen immer das Gleiche: „Viele Menschen nehmen ihre soziale Realität in einer negativen Weise wahr“. Groß sind die Ängste, klein ist das Vertrauen in den Staat. Kriminalität, Korruption, Arbeitslosigkeit – die Sorgen der Bulgaren vor der neuen Zeit haben einen Namen, und wenn sie ankreuzen müssen, wie sehr sie sich sorgen, dann machen viele ihr Kreuz bei „sehr stark“.

Die bulgarische Gesellschaft, haben sie am Institut für Soziologie festgestellt, „sieht sich selbst als Verlierer eines Transformationsprozesses“, fühlt sich allein gelassen von jenen Institutionen, die ihr eigentlich Halt verleihen sollen. Nur die Hälfte derer, die im vergangenen Jahr Opfer eines Verbrechens wurden, erstattete anschließend auch Anzeige bei der Polizei. In den Gerichtssälen, heißt es, grassiere die Korruption. Auch wenn vieles sich unter dem Druck aus Brüssel während der Beitrittsverhandlungen verändert hat – gut ist es noch lange nicht. Welina Topalowa wundert sich deshalb nicht, wenn insbesondere die Älteren von ihrer Ansicht nicht abrücken, dass früher alles besser war. „Die Nostalgie zum Sozialismus ist signifikant“.

Sogar Todor Schiwkow, dem alten, im Wendeherbst ’89 entmachteten moskau- treuen Betonkopf wird mancherorts nachgetrauert. In Schiwkows Heimatort Prawez wollten sie kürzlich sogar das imposante Denkmal des früheren Staatschefs wieder aufstellen, über dessen vertrottelte Weltsicht sie sich zu seinen Lebzeiten so oft lustig gemacht haben. Gerne erzählen sie sich in Bulgarien die Geschichte, wie Schiwkow einmal ein Halbleiterwerk eingeweiht hat und, abweichend von dem ihm aufgeschriebenen Text, in freier Rede noch etwas Optimismus verbreiten wollte. „Dieses Jahr, Genossen, stellen wir Halbleiter her“, rief Schiwkow damals frohgemut, „nächstes Jahr schaffen wir dann ganze Leitern.“

Die Zeiten waren nicht immer so lustig, doch irgendwie übersichtlicher waren sie schon. Man wusste, woran man war, hatte sich eingerichtet darauf, dass das eigene Leben ein langer, ruhiger Fluss werden würde. „Wir haben so getan, als würden wir arbeiten – und die da oben haben so getan, als würden sie uns dafür bezahlen“, sagt Alex, der Barkeeper im „Cargo“, einem In-Lokal in Sofias Innenstadt. Alex hat den Spruch von seinem Großvater.

Er selbst war zu jung damals, kennt die Arbeitswelt von früher nur vom Hörensagen und muss sich mit zwei Jobs über Wasser halten. Die Strömung im Fluss hat zugenommen. Bei Alex klappt das leidlich, aber großartige Zukunftspläne lassen sich so nicht entwerfen. Der Barmann aus dem nur spärlich ausgeleuchteten „Cargo“ spricht aus, was die Soziologin Welina Topalowa als ein gängiges Verhaltensmuster entdeckt hat. „Die Leute planen nur noch für die nächste Zukunft.“

Und die liegt nun plötzlich in der EU, tief im Westen, irgendwo da, wo Brüssel sein muss, mit all seiner Bürokratie und seinem schwer durchschaubaren Regelwerk. „Die Einschätzungen sind negativ, aber die Erwartungen hoch“, sagt die Wissenschaftlerin Topalowa. Zwar kalkulieren die Bulgaren mit einer längeren Durststrecke, die nun vor ihnen liegt, mit stärker steigenden Preisen, mit einer sich noch weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich. Und doch: Hätten sie abstimmen dürfen über den Beitritt, sie wären dafür gewesen. Am Institut für Soziologie hat man ein erstaunliches Phänomen entdeckt. Offenkundig, sagt Welina Topalowa, auf deren Schreibtisch auch schon die Europa-Flagge steht, seien die Bulgaren auf der Suche nach einer „neuen Form von Paternalismus“.

Ein festes Regelwerk – und Leute, die sich auch daran halten, ein bisschen ist so der geheime bulgarische Traum beschrieben. Selbst Barmann Alex, der hinter seinem Tresen im „Cargo“ mit seinen schlaksigen Armbewegungen die Lockerheit zum Programm erhebt, hat registriert, wie sehr vielen Jugendlichen ein vernünftiges Wertekorsett fehlt. Am Stadtrand von Sofia sind sie zu finden, betrunken schon am Morgen. „Da ist viel schief gelaufen“, sagt Alex, der in der eigenen Familie erlebt hat, wie vieles, was gestern noch galt, heute schon nichts mehr wert ist. Vor der Wende habe man zu Hause jeden Freitag deutsch gesprochen, Bildung war wichtig, danach nicht mehr. Keine Zeit. Mittlerweile kann Alex kein Wort mehr, alles vergessen.

Wer in diesen Tagen durch Bulgarien fährt, der hört ihn oft, den Ruf nach einer Autorität, nach einer integren Instanz, die ein Gefühl von Sicherheit gibt. In Saal 121 der Sofioter Universität sitzen die jungen Jura-Studenten dicht an dicht. Viele wollen bleiben, manche wollen gehen, aber eines will niemand: in die Politik. Der Autoritätsverlust des Staates könnte nicht größer sein. „Nur dumme Leute gehen in die Politik“, sagt ein Student, „kluge gehen in eine Bank.“ „Wir lieben das Land, aber wir hassen den Staat“, sagt ein anderer. Die Frage nach dem, was eine Gesellschaft zusammenhält, bleibt unbeantwortet – woher sollen sie es auch wissen? Sie erleben ja gerade das Gegenteil. Die Frage nach moralischen Instanzen löst Kopfschütteln aus, Bankreihe für Bankreihe. Auch nach langem Nachdenken fällt niemandem ein Name ein.

Ja, die allgemeine Erwartung in die Brüsseler Ausführungsbestimmungen, die nun über den Balkanstaat niedergehen, treibt bisweilen bizarre Blüten. In Jerawna, einem idyllischen Bergdorf im Osten Bulgariens, knapp 100 Kilometer von der Schwarzmeerküste entfernt, fehlen die Insignien der Globalisierung. Noch sieht alles so aus wie immer, und doch ist längst nichts mehr so, wie es war. Im kleinen Lebensmittelladen von Sneza Assenowa singt ihr Vater Zahari Stefanow Wassilew das Klagelied auf die Neuzeit. Ein Kanonenofen bullert vor sich hin. Offenkundig ist das eines der wenigen Dinge, die noch funktionieren: Die Kolchose ist kaputt, das Vieh weniger geworden, die Äcker unbestellt, die Kinder sind weg, im Dorf wird geklaut, wer früher geholfen hat, will heute Geld, die Demokratie taugt nichts, nichts geschehe im Interesse des Volkes. „Mir tut weh“, sagt Wassilew durch seine Zahnlücken hindurch, „dass die Leute so falsch geworden sind“. Die Gesellschaft habe sich geteilt, hat seine Tochter beobachtet, jeder für sich und niemand da, der für alle denkt. „Heute leben wir in Angst“, ergänzt der Vater.

Und nun soll Brüssel es richten. „Wir erwarten von der EU endlich strenge Regeln“, sagt Sneza Assenowa. „Der Bulgare hat bewiesen, dass er sich besonders dann entwickelt, wenn er unterdrückt wird, egal ob es die Byzantiner waren oder die Russen.“ Ja, die Erwartungen sind hoch. Wie nannte es die Soziologin Welina Topalowa? Die Bulgaren seien auf der Suche nach neuen Formen des Paternalismus. Zur Not täten es aber auch die alten.

Wer von Jerawna die kurvenreiche Bergstraße hinunterfährt, ist in weniger als einer Stunde in Sliwen. Jordan Letschkow ist hier Bürgermeister. Die Zahl der in Deutschland bekannten Bulgaren ist, nun ja, überschaubar – Letschkow ist einer von ihnen. Der Mann mit der hohen Stirn hat mal beim HSV gespielt und 1994 bei der Fußballweltmeisterschaft in den USA die deutsche Nationalmannschaft aus dem Turnier geköpft. In Sliwen gibt es Leute, die sagen, Letschkow mache seine Sache als Bürgermeister ordentlich, vielleicht würde er sich eine Spur zu sehr um sportliche Angelegenheiten kümmern. Andererseits: Ein hoher Bekanntheitsgrad kann nicht schaden, der Wettlauf um die Fördergelder aus Brüssel ist schließlich schon in vollem Gange.

Sliwen liege da ganz gut, sagt Daniel Petrow, der stellvertretende Bürgermeister, der an diesem nebeligen Dienstagmorgen gerne Rede und Antwort steht, weil Letschkow gerade im Ausland ist, mutmaßlich in Brüssel. Sliwen hat gut 100 000 Einwohner, 1000 wandern Jahr für Jahr ab, aber, sagt Petrow, das werde nun besser. In der Stadt liege die Zahl der Arbeitslosen bei 14 Prozent, aber diese Zahl klinge womöglich im ersten Moment dramatischer als sie sei, sagt Petrow, das liege am hohen Roma-Anteil. Etwa 20 000 Roma leben in der Stadt, integriert sind sie nicht, aber, wenn man Petrows Worten glauben will, dann wird auch das besser, wenn nun bald die EU kommt.

Daniel Petrow ist unverdrossen bei der Präsentation von rosiger Zukunft und nicht ganz so zufriedenstellender Gegenwart. Vielleicht tut man dem jungen Kommunalpolitiker unrecht, vielleicht auch seinen Kollegen aus anderen Städten, die in ihren überdimensionierten Büros inmitten ihres sozialistischen Mobiliars alle irgendwie genauso klingen wie Petrov – aber zwischen all der Skepsis, all den Ängsten und vagen Hoffnungen wirken sie wie von höherer Stelle zum EU-Euphoriker geklont.

Ganz persönlich, Herr Petrow, was erwarten Sie vom Beitritt? Der stellvertretende Bürgermeister von Sliwen wird nun leise. Er hat zwei Kinder. „Ich hoffe, dass sie ihre Träume erfüllen können.“

In den nächsten Tagen erscheint auf dieser Seite eine Reportage aus dem EU-Beitrittsland Rumänien.

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