Zeitung Heute : Nach der Vollbremsung

Langsamer leben, Teil 2: Kein Politiker wurde so brutal von 100 auf null befördert wie Heide Simonis. Sie fühlte sich wie örtlich betäubt. Und musste vieles ganz neu lernen, zum Beispiel das Einparken

Axel Vornbäumen

Wo denn jetzt? Da etwa? Dahinter also soll es verborgen sein – das wahre Leben im Ruhigen? Hier, inmitten der Massen? Berlin, Bahnhof Zoo, Gleis 3, morgens, kurz nach halb acht, an diesem noch dunklen, neblig kalten Dezembertag; ausgerechnet hier? Noch sitzt es inkognito da, verbarrikadiert hinter der auf Nasenspitzenlänge vors Gesicht gezogenen „Bild“-Zeitung, mit Hut, einen Kokon aus schweren Koffern um sich, wartend auf den ICE, der nun gleich nach Hamburg starten wird, Tempo 250, damit, wenn alles klappt, dort der Regionalzug nach Kiel noch erreicht werden kann, mit wehendem Mantel, gerade so …

Mal ehrlich: Mit Heide Simonis über Entschleunigung zu reden – ist das nicht so, als ob man sich von Dieter Bohlen bei einer Apfelsaftschorle mit stillem Wasser die Vorzüge des Zölibats erklären lassen wollte? Absurd in sich, weil da irgendwie nicht zueinander findet, was zueinander finden soll?

Andererseits: Gab es eine, die ähnlich brutalstmöglich abgebremst worden ist im vergangenen Jahr wie sie, Simonis, von 100 auf null, mit vier hinterhältig ferngesteuerten Tritten aufs Pedal? Von Ministerpräsidentin zur Ministerpräsidentin a. D. befördert. Und aus. Nein, es gab keine. Und auch keinen.

Die erzwungene Entdeckung der Langsamkeit. Doch, das passe schon, sagt sie, sogar besser, als man annehmen dürfe. Da gab es viel, da gibt es viel zu sagen. Geht auch gleich los. Nur, wäre es vorher nicht schlecht, noch schnell die Deutsche Bahn zu reformieren? Mehdorns Laden, der zwar von Berlin nach Hamburg umziehen will, es aber nicht mal schafft, die Metropolen unter Mithilfe eines vernünftigen Speisewagens zu verbinden. Könnte sie. Kein Problem. Nun krümeln die Croissants auf engstem Raum und schon bald hinter Ludwigslust hat sie eben auch in dieser Hinsicht alle Hände voll zu tun.

Heide Simonis, der Reihe nach: Heide Simonis, das war seit dem 19. Mai 1993 die erste Ministerpräsidentin, die diese Republik zu bieten hatte. Und die einzige. Einsame Frontfrau in der Männerwelt, fast zwölf lange Jahre. Und fast ebenso lang kein Gedanke, wirklich nicht, dass sich daran abrupt etwas ändern könnte, von eben auf jetzt. Noch im Wahlkampf, Januar letzten Jahres, hatte sie doch damit kokettiert, dass sie mal nicht vom Stuhl geschubst werden wolle wie der Teufel in Baden-Württemberg. Der Verlust der Macht, das Ende, selbstbestimmt sollte es sein. Das schon. Ein Horror die Vorstellung, eines Tages aufwachen zu müssen mit der Frage: Was mache ich heute?

Na sicher, der Anfang war schwierig. Auf ihrer Homepage ist das nachzulesen, ganz amüsant und doch bezeichnend, wie damals, kurz nach ihrer Kür zur Regierungschefin, immerhin spätes 20. Jahrhundert, jener ältere Mann bei einer Veranstaltung des Bauernverbandes, irgendwo in Schleswig-Holstein, auf sie zukam und im schönsten Platt und kopfschüttelnd sagte: „Eene eenzige Frau regeert dat wunnerschöne Land ganz alleen. Oh ne, dat dörf doch nicht sin!“

„Is awer so worn“, hat sie dahinter geschrieben, stolz und auch ein wenig trotzig. Denn so war es ja auch: Dieser Stolz und dieser Trotz und die an die Funktion gebundenen Umtriebigkeit haben ihren Alltag bestimmt. Haben ihn bestimmen müssen, denn Politik als Frau in vorderster Front war natürlich immer auch der Beweis, dass da ein bislang unerprobtes Rollenmodell funktionierte.

Hat es ja auch. „Hochinteressante Jahre“ waren das, jederzeit, rund um die Uhr. Bis zu jenem ominösen 17. März 2005, früher Abend, Kiel, vierter Wahlgang – vierter Wahlgang! – , als die eine Stimme fehlte, die dann das Land verändert hat, Schleswig-Holstein, und die Republik gleich mit, und wie. Und sie, Heide Simonis? Wie vom Donner gerührt. Fassungslos. Ein „hinterhältiger Dolchstoß“ war das, sagt sie am Tag danach. Ein „Meuchelmord“, mit dem die Partei fertig werden müsse. Als sie das sagt, da ist es schon April, vier Wochen später, und sie, Heide Simonis, ist längst noch nicht damit fertig geworden.

Und nun, Monate später? Die Wortwahl wird milder, wenn auch nicht sehr. Aber die Fassungslosigkeit über die Unverfrorenheit des Unbekannten, der sie in vier Wahlgängen hintergangen hat und sie binnen weniger Stunden zur Karikatur einer unter allen Umständen an der Macht klebenden Politikerin hat werden lassen, zu „Pattex-Heide“, hallt nach. Denn das ist ja das eigentlich Bittere: Dass es so schwer wird, dieses Bild zu korrigieren. Das Preußische in ihr, hat sie anzubieten, das „Parteisoldatentum“ soll Erklärung sein dafür, wie sie damals, im März, den irrwitzigen Hinterhalt, in den man sie wieder und wieder hat laufen lassen, nicht erkannt hat. Nicht hat erkennen wollen.

Die Tage der Grübelei sind nun vorbei, jene Tage, in denen sie sich „wie örtlich betäubt“ gefühlt hat, in denen die bitteren Erkenntnisse reiften: „Du bist weg vom Fenster“ und „Es geht auch ohne dich weiter“. Eine Phase war das, in der es Übersprungshandlungen gab und Kurzschlusshandlungen durchaus hätte geben können, wenn sie ihr Mann Udo Simonis davor nicht bewahrt hätte. Aus der SPD zum Beispiel wäre sie glatt ausgetreten, spontan und voll der Verbitterung, dass in ihrer Partei etwas möglich gewesen ist, was sie so nie für möglich gehalten hätte. Mit Hilfe ihres Mannes, in der Abgeschiedenheit der Toskana hat die Ratio über die Emotion gesiegt, damals. Und heute ist leichter zu erklären, dass der Unbekannte keinen doppelten Triumph hat feiern dürfen – auch noch ihren Bruch mit der Partei, so weit käme es noch. Und doch, eine leichte Distanz ist spürbar, spürt sie selbst. Den Bundestagswahlkampf hat sie sich fast geschenkt, den Karlsruher Parteitag, wo das Hohelied von Abschied und Anfang gesungen wurde, sogar in Gänze. „Ich hätte nicht gewusst, was ich da gesollt hätte“, sagt Heide Simonis, längst in sicherer Erkenntnis, dass es andere Auffangbecken für plötzlich einsam Gewordene gibt als die SPD, einen „Computerkurs zum Beispiel“.

Erkenntnisse sind das, wertvolle, sicher – doch so weit gehen sie nicht, als dass an deren Ende das Fazit stünde, das wahre Leben im Falschen geführt zu haben. „So weit“, sagt Heide Simonis, „wollen wir in unserer Milde dann doch nicht gehen“, als dass sie dem Verräter etwa dankbar dafür sein müsse, dass er ihr ein neues Leben ermöglicht hätte, das automatisch auch ein besseres sein müsse.

Ja, die Termine – sie sind weniger geworden. Das Leben – es ist wieder, nun ja, erdverbundener. Die Fahrer waren weg, sofort. Die Leibwächter auch, nach vier Wochen. Sie hat wieder Auto fahren lernen müssen und einparken und, ja, das auch, korrekt parken. Die erste Ausfahrt endete mit einem Knöllchen, 30 Euro, vor der Mülltonne eines Altersheims. Plastischer lässt sich das neue Leben gar nicht schildern, nicht mit der Aufräumerei des heimischen Kellers und der Neuordnung des ganzen zusammengekauften Flohmarkt-Nippes. Und, ja, die Fahrer hat sie vermisst, vermisst sie noch. Sie haben Struktur in ihr Leben gebracht, waren da, wenn sie los musste, immer, jederzeit. Wenn sie von Termin zu Termin hetzte und dabei innerlich „den Autopilot“ eingestellt hatte, wenn ihre Funktion letztlich nur darin bestand, zu funktionieren. Das Unvermeidliche, sagt sie heute, war das „total Schlimme: Sie laufen nur noch in einem Korsett“. Es ist eine déformation professionelle, doch sie ist im Amt kaum therapierbar. Heute, sagt Heide Simonis und beschreibt das als erkennbar größten Zugewinn an Lebensqualität, „kommt ein bisschen Flexibilität in mein Leben“, wozu beispielsweise auch eine selbstbestimmte Urlaubsplanung gehöre.

Der Autopilot, das Korsett. Das Denken, beschränkt auf taktische Kategorien. Heute kann sie das alles aus einer gewissen Halbdistanz beobachten, immerhin. Früher, noch im Amt, hat sie höchstens mal bemerkt, dass da mit dem Hochgeschwindigkeitsleben nicht alles hat stimmen können, wenn sich bei einer Ministerpräsidentenkonferenz mal wieder einer der Kollegen „ausgekotzt“ habe, weil es so wirklich nicht weitergehen könne, weil man anderenfalls sonst wirklich noch „depressiv“ werde. Abends am Kamin hat es schon mal solche Szenen gegeben, selten. „Der Politik“, sagt Heide Simonis heute, „täte es sicher gut, wenn alles ein bisschen ruhiger zuginge“.

So wie bei ihr. Seit zweieinhalb Monaten nun steht sie der deutschen Abteilung des Kinderhilfswerks Unicef vor. Drei Termine am Tag sind das im Schnitt, und nicht mehr zwölf. Allemal genug, „da können Sie schon einen Job draus machen“, sagt Heide Simonis und meint damit nicht nur die bevorstehenden Reisen und die Benefizgalas und Scheckübergaben, die nun ihren Alltag wieder bestimmen, sondern auch die Koordinierungsgespräche und das „Networking“ in Sachen Wohltätigkeit, das sie nun von der anderen Seite kennen lernt und bei dem sie dann eben doch auf vieles zurückgreifen kann, was sie aus ihrem Politikerleben kennt. Vieles ähnelt sich also und manches ist nur deshalb anders, weil Heide Simonis, so viel Entschleunigung ist dann doch, ein paar Dinge für sich entschieden hat, die auch damit zusammenhängen, dem Privaten wieder einen angemessenen Platz einzuräumen. Sie wird in Kiel bleiben, und nicht nur deshalb, „weil ich in Berlin doch nur die alte Politiktante wäre“.

Die Wahrnehmung ist durchaus subtil. Auf Veranstaltungen wird Heide Simonis in diesen Tagen des Öfteren noch als „Ministerpräsidentin a. D.“ vorgestellt. Ob das Ehrenamt bei Unicef denn Ersatz für den Verlust der politischen Macht sein könne, ist sie neulich gefragt worden. Heide Simonis hat darauf geantwortet: „Es ist sehr viel mehr, und ich sehe es auch nicht als Ersatz.“ Und dann noch: „Das internationale Engagement von Unicef wird von der Bevölkerung hoch anerkannt und manchmal stärker akzeptiert als die Arbeit von Politikern.“

Man muss den Satz genau lesen. Er sagt viel aus über das Leben der Heide Simonis. Und lässt vermuten, dass es schon bald wieder an Fahrt aufnehmen wird.

In unserer Serie „Langsamer leben“ erschien am 31. Dezember die Reportage über einen Herzchirurgen, der Fernfahrer wurde. Als Nächstes erscheint ein Text über einen Zeitforscher aus Klagenfurt.

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