• NACH EINEM 0:2-RÜCKSTAND GEGEN JUGOSLAWIEN NOCH EIN REMIS ERKÄMPFT: Wieder einmal steht Fortuna den Deutschen bei

Zeitung Heute : NACH EINEM 0:2-RÜCKSTAND GEGEN JUGOSLAWIEN NOCH EIN REMIS ERKÄMPFT: Wieder einmal steht Fortuna den Deutschen bei

KLAUS ROCCA

LENS .Angeschossen wie ein waidwundes Reh, eigentlich schon zum Abschuß freigegeben, und dann auf schier wundersame Weise doch noch gerettet - Deutschlands Fußballer haben sich noch einmal am eigenen Schopf aus dem tiefen Sumpf gezogen.Wohl niemand im Stadion Félix Bollaert von Lens gab noch einen Pfifferling für den konfusen, wie paralysiert wirkenden und dann auch noch 0:2 zurückliegenden Europameister.Doch wieder einmal stand Fortuna den Deutschen in der schlimmsten Phase zur Seite, und am Ende hieß es doch noch 2:2 gegen Jugoslawien, das sich schon so als Sieger gefühlt haben durfte.Welch ein Jubel unter den tausenden von deutschen Schlachtenbummlern, die ihre Mannschaft schon abgeschrieben hatten.Bedauerlich nur, daß einige von ihnen außerhalb des Stadions wieder aus der Rolle fielen, wie schon in Paris.Deutsche Hooligans werden immer mehr zum Schrecken des Gastgebers.

Zum Schrecken der Jugoslawen wurden die deutschen Kicker erst in der Schlußviertelstunde.Zuvor war die DFB-Auswahl eher ein Spielball der "Jugos", bar jeden Selbstvertrauens, erschreckend zweikampfschwach, harmlos im Angriff, ideen- und kopflos.Paradebeispiel war Christian Ziege, der an der linken Außenlinie völlig orientierungslos herumlief und dessen Flanken fast grundsätzlich beim Gegner landeten.Es war erstaunlich, wie lange Vogts mit ihm Geduld hatte, ehe er ihn endlich vom Feld nahm.

Unglücklich spielte auch Andreas Köpke, sonst die Zuverlässigkeit in Person und auch gestern lange Zeit Garant für das 0:0.Das erste Gegentor ging nicht allein auf seine Kappe, doch Köpke trug ein gerüttelt Maß Schuld an diesem Treffer.Bei einer scharf hereingegebenen Flanke von Mijatovic bekam Köpke den Ball nicht zu fassen, berührte ihn zwar noch, doch das Leder prallte gegen den Pfosten und von da ins Tor, für Jeremies nicht mehr erreichbar.Als Torschütze wurde Stankovic angegeben, doch der hatte den Ball nicht mehr berührt.Gravierender war Köpkes Fehler beim 0:2, als er nach einer Flanke von Kovacevic den Ball unter seinem Körper durchrutschen ließ und Stojkovic von diesem Blackout profitierte.

Vogts gab später zu, daß seine Mannschaft da "am Boden lag".Doch sie habe, so Lothar Matthäus, "unheimliche Moral bewiesen, daß sie gegen diesen starken Gegner noch die Kastanien aus dem Feuer riß".Nun ja, die Moral mag ja in den letzten 20 Minuten gestimmt haben, doch erst die Glücksgöttin mußte auf die Sprünge helfen.Vogts hatte inzwischen Matthäus zu seinem 22.WM-Spiel verholfen und ihn damit zum Rekordler gemacht, hatte Ulf Kirsten als dritten Stürmer aufgeboten und Michael Tarnat für Ziege eingewechselt.Tarnat war es dann, der einen Freistoß scharf aufs Tor schoß.Der Ball wurde von Mihajlovic so unglücklich abgefälscht, daß Torhüter Kralj keine Abwehrchance hatte.Der "Joker" Tarnat hatte mit Fortunas gütiger Hilfe gestochen.In dieser Phase, so Vogts, zeigte es sich, daß "wir unserem Gegner konditionell weit überlegen waren".

Wenigstens das stimmte in der deutschen Mannschaft.Die wirkte urplötzlich wie befreit von allen Zwängen, Kirsten verfehlte knapp das Tor, ein Kopfball des zuvor völlig wirkungslosen Bierhoff wurde von Kralj noch gegen die Latte gelenkt, doch dann war Italiens Top-Torschütze zur Stelle.Wieder einmal per Kopf, zehn Minuten vor dem Abpfiff nach einem Eckball von Thon."Das war wie eine Erlösung", bekannte später Christian Wörns, der gegen den Real-Star Mijatovic eine glänzende Partie bot.Die letzten Minuten mußten die Deutschen in Unterzahl überstehen, weil Jürgen Klinsmann einen Ball so unglücklich abbekommen hatte, daß er kurzzeitig bewußtlos war.

Es wäre fast für die gesamte Mannschaft ein höchst unglücklicher Tag geworden, doch dank Fortuna, Bierhoff, Tarnat, Wörns und auch dank des wieder starken, aber auch wieder unbeherrschten Jeremies gab es noch halbwegs ein Happy-end.Es beläßt alle Chancen, doch Skeptiker bekamen gestern weit mehr Nahrung, als befürchtet.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben