Zeitung Heute : Nach Milosevics Verhaftung: Carla del Ponte: Katze vor dem Mauseloch

Thomas Roser

Über den künftigen Aufenthaltsort des in Belgrad inhaftierten Ex-Präsidenten gibt es für die resolute Juristin keinen Zweifel. "Ich denke, dass Slobodan Milosevic noch in diesem Jahr in Den Haag sein wird", sagt Carla del Ponte. Sie ist von der baldigen Auslieferung an das UN-Kriegsverbrecher-Tribunal überzeugt. Sollte sich ihre Prognose bewahrheiten, wäre dies der bisher größte Triumph der 53-jährigen Chef-Anklägerin in ihrer nunmehr eineinhalbjährigen Amtszeit. Denn gerade die Ergreifung der so genannten "großen Fische" wie Milosevic, des bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic und des Generals Ratko Mladic, deren Fahndungsfotos in ihrer Amtsstube prangen, hat die Schweizerin zum Hauptziel ihrer Arbeit erklärt. "Ich lauere wie eine Katze vor einem Mauseloch", so die passionierte Verbrecherjägerin: "Einmal kommen sie heraus - und dann schlage ich zu."

Zum Thema Online Spezial: Wie geht es weiter mit Milosevic? Unzähmbarer Arbeits- und Erfolgsdrang kennzeichneten bisher die Karriere der selbstbewussten Kettenraucherin, deren Ernennung im September 1999 UN-Generalsekretär Kofi Annan mit ihrem "kräftigen und entschlossenen Auftreten" begründete: "Die Gerechtigkeit ist eine Frau." Aufgewachsen im Tessiner Maggiatal hatte die Wirtstochter nach ihrem Jura-Studium in Bern und Genf zunächst als Rechtsanwältin gearbeitet, bevor sie 1981 zur Untersuchungsrichterin und vier Jahre später zur Staatsanwältin im Tessin ernannt wurde. Sie habe keine Lust mehr gehabt, "schuldige Straftäter zu verteidigen", erklärt sie ihren damaligen Frontenwechsel auf die Anklägerbank: "Denn ich bin nur an deren Verfolgung interessiert."

Mit ihrem kompromisslosen Ermittlungsstil machte sich die schneidige Porsche-Fahrerin mit Rennlizenz in den 80er Jahren in der Schweiz als unerschrockene Mafia-Jägerin einen Namen. Unbeirrt von mehreren Morddrohungen sagte sie der organisierten Kriminalität den Kampf an. Im Haus des später ermordeten italienischen Mafia-Jägers Giovanni Falcone entging sie 1989 nur knapp einem Attentat. Wenig später rollte del Ponte einen Geldwäscherring der sizilianischen Mafia auf. Ihr unerschrockenes Vorgehen verhalf der Liebhaberin sperriger Handtaschen zu einem neuerlichen Karrieresprung: 1994 wurde sie zur Bundesanwältin der Schweiz ernannt.

Mit spektakulären Ermittlungen gegen angebliche Helfer des Topterroristen Carlos, mutmaßliche Paten der russischen Mafia und vermeintliche Drogengeld-Konten des mexikanischen Präsidentenbruders sollte sie in den Folgejahren für kräftigen Wirbel sorgen. Kritiker warfen der "Schaumschlägerin" als Bundesanwältin indes nicht nur ausbleibende Erfolge vor. Mit ihrer forschen Art, ihrem "Übereifer" und den "showmäßigen" Auftritten habe del Ponte zwar viel Staub aufgewirbelt, doch wenig erreicht und oft ihre Befugnisse überschritten. So zumindest der Tenor in der Schweizer Presse zum Ende ihrer Amtszeit. Da schwang auch ein wenig Erleichterung mit über den Abgang der streitbaren Juristin nach Den Haag. Wer hart arbeite, habe eben auch Feinde, so die kühle Reaktion del Pontes: Wenn die Kritik zuträfe, hätten die UN sie sicherlich nie zur Chefanklägerin ernannt.

"In meinem Beruf braucht man ein dickes Fell", sagt das Arbeitstier del Ponte. Das sei die wichtigste Voraussetzung für ihren "24-Stunden-Job". Sechs Bodyguards wachen rund um die Uhr über ihre Sicherheit. Außer Skifahren habe sie keine Hobbys, bekennt die geschiedene Mutter eines 22-jährigen Sohnes. Ihr früherer Mann, ein Richter, habe ihr einmal vorgeworfen, dass ihr das Recht wichtiger sei als er selbst, berichtet del Ponte und gibt zu: "Das stimmt. Ich mag harte Arbeit."

Ungeduld hält die Chefanklägerin selbst für ihre größte Schwäche. Ihr aufbrausendes Temperament macht gelegentlich auch ihren Mitarbeitern zu schaffen. Es sei schwierig, für die "sture" del Ponte zu arbeiten, bekannte ihr früherer Sprecher Paul Risley im niederländischen "NRC-Handelsblad", bevor er im vergangenen Herbst entnervt das Handtuch warf: "Sie mag zudem keine Medien - und als ihr Sprecher hat man dann einen Höllenjob." Zweifel äußerte er auch an der Strategie seiner damaligen Chefin: "Eindimensional" konzentriere sie sich auf die Verhaftung von Milosevic, Karadzic und Mladic.

Die Zellen füllen sich fast von selbst

Doch es scheint, als hätten die UN mit dem "Bulldozer" del Ponte genau die richtige Frau zum richtigen Zeitpunkt mit der Aufgabe als Chefanklägerin betraut. Mit den Zwängen ihres Amtes kommt sie besser zurecht als anfangs vermutet. Waren bei ihren Vorgängern, dem Südafrikaner Richard Goldstone und der Kanadierin Louise Arbour, vor allem diplomatisches Fingerspitzengefühl und gute Kontakte zu den Medien gefragt, um die unwilligen SFOR-Truppen und einstigen Kriegsgegner zur einer kooperativen Haltung gegenüber dem anfangs kaum ernst genommenen Tribunal zu bewegen, scheinen sich die Zellen des UN-Gefängnisses inzwischen nahezu von selbst zu füllen. Die Verhaftung oder freiwillige Überstellung einstiger Bürgerkriegs-Schergen sorgt in Den Haag kaum mehr für Schlagzeilen, ist längst zum Alltag geworden. Entschlossen will del Ponte nun auch die Kriegsverbrecher-Prominenz hinter das Panzerglas des Tribunal-Gerichtssaals bringen: "Die Chance dazu wird mit jeder Woche größer."

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