Zeitung Heute : Nach Mitte!

CLAUS KÄPPLINGER

Podiumsdiskussion der Berliner Architektenkammer zum WohnbauCLAUS KÄPPLINGERWerden Berlins zukünftige Manager und Administratoren an der Spreefront des Zentrums wohnen? Mit dieser offenen Frage lud die Berliner Architektenkammer am Dienstagabend ins Hebbel-Theater.Das dritte Kammergespräch über die Perspektiven des umstrittenen Planwerks Innenstadt wandte sich dabei verstärkt der Vergangenheit bürgerlichen Wohnens im Stadtzentrum zu. Das Gespräch leitete erneut Berlins oberster Denkmalpfleger Helmut Engel ein.Unter dem verheißungsvollen, doch leicht irreführenden Titel "Das Haus, der Eigentümer, die Kosten oder Neu-Zehlendorf auf dem Friedrichswerder" breitete er die wechselvolle Geschichte der Berliner Bürgerhäuser aus.Mit dem Aufstieg von der armen preußischen Residenzstadt zur Reichsmetropole wandelten sich auch wiederkehrend die Wohnbauten und soziale Geographie Berlins.Bevor in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts das Bürgertum vermehrt in die grünen Ränder der Stadt abwanderte und die allmähliche "Tertiarisierung" das Wohnen aus der Innenstadt verdrängte, entwickelte sich hier mit dem Bauen ein eigenes bürgerliches Selbstbewußtsein.Von den kargen Häusern des 17.Jahrhunderts entlang der Friedrichsgracht her spannte Engel einen weiten Bogen und zeigte ein Bürgertum, das ganz im Gegensatz zur Berliner Gegenwart gerade auch architektonisch die Repräsentation des eigenen Ranges im Stadtraum anstrebte. Damals begnügte man sich nicht, möglichst unerkannt in Altbauten einzuziehen, sondern bemühte sich vielmehr bei allen Traditionsbezügen um gestalterische wie technische Pionierleistungen in der Wohnhausarchitektur.Jener Impetus führte dann aber auch dazu, daß das Berliner Bürgertum den Wohnort Zentrum bereits um 1900 aufgegeben hatte, die alte Stadt nurmehr als "Gerümpel" empfand und sich an ihre Ränder zurückzog. An seinem anschließenden Plädoyer für die Umkehr dieses historischen Prozesses - wie sie heute nicht zuletzt das Planwerk Innenstadt anstrebt - entzündete sich eine leidenschaftliche Debatte.Zweifelte Koreferent Olaf Schmidt grundsätzlich unser heutiges Vermögen zu geschlossenen Stadtbildern und ruhenden Stadträumen an, so kritisierte TU-Stadtsoziologe Werner Sewing vehement den fatalen nostalgischen Illusionismus der Berliner Planungen. Epochal sei der Prozeß, ungebrochen die Stadtflucht, äußerst begrenzt und unbestimmbar das Klientel eines potenten bauwilligen Stadtbürgertums in Berlin, das nun einmal in der Innenstadt den erschwinglicheren Luxus von Altbauwohnungen bevorzuge.Angesichts der breiten Verarmungstendenzen in der Innenstadt sei so mehr denn je pragmatisches zukunftsorientiertes Handeln gefordert, das sich neben der durchaus möglichen Erweiterung bürgerlicher Wohninseln der sozialen Realität Berlins zuwenden müsse, wozu weder Nostalgie, noch Wunschdenken nennenswerte Beiträge leisten könnten.

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