Zeitung Heute : Nach Moskau!

SILVIA HALLENSLEBEN

Saftig bricht die Erde unter der Kamera auf.Die Musik schwelgt himmelwärts.Der Hammer schlägt dazu den Takt.Schon mal gesehen? Ja, wir sind in Rußland, wo die Scholle fruchtbringend unter den Schuhen der Landarbeiter krümelt.Aber nicht mehr lange.Bösewichte nämlich haben das Bauernland aufgekauft, um die dortigen Ölquellen auszubeuten.Die meisten spielen mit.Nur eine Handvoll Bauern verlangen Rechenschaft."Okraina", das Regiedebüt des Russen Pjotr Luzik, inszeniert die Reise dreier bärbeißiger Ländler mit dem Motorkarren durchs Land nach Moskau, um denen dort zu zeigen, was ein echter Bauer ist.Blutige Opfer säumen ihren Weg und unheilvolle Begegnungen, Birkenwäldchen, flaches Land, Schnee und Männerpathos, bis sie endlich vor herrlich dilettantisch rückprojizierter Kremlkulisse in die Hauptstadt einziehen und vor dem Obersten Sowjet das Lagerfeuer entzünden.Ein kleines Feuerchen, das bald in einer gewaltigen Explosion aufgehen wird.Schön sind die zarten Grauabstufungen.Der Plot für die der russischen Sprache und Kultur weniger mächtigen in weiten Teilen eher rätselhaft, ausufernd der lange Mittelteil, in dem die Jungs sitzen und reden und sitzen und sonst eigentlich wenig passiert.Wie herausgemeißelte Heroenfiguren leuchten da die Gesichter der Männer im Kerzenschein.

Es ist nicht leicht, diesen Film zu verstehen.Als satirisches Dekonstruktionsangebot wäre er etwas mager.Als ernsthafte Antwort der russischen Seele auf "Armageddon" geradezu unheimlich.Am Ende wieder das Land.Drei Mähdrescher ziehen ihre Bahnen auf weitem Feld, im Führerstand die Heldenkerle.Nur der mittlere trudelt aus der Reihe.Ist das ein Hoffungszeichen? Oder nur Wodka?

Heute 17 Uhr (Akademie der Künste), Donnerstag 21 Uhr (Babylon)

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