Zeitung Heute : Nach Paris? Wohin sonst!

Wie ein Deutscher sich an die Grenze zwischen Saarbrücken und Lothringen erinnert

Rolf Brockschmidt

Fremd im eigenen Land. Das war die erste Reaktion, als wir im Oktober 1958 aus dem westfälischen Herford nach Saarbrücken umzogen. Mit fünf Jahren kennt man die Automarken und weiß, was ein Fünf-Mark-Stück aus Silber wert ist. Doch in Saarbrücken war alles anders, viele Häuser noch vom Krieg zerstört, viele fremde Autos mit ganz anderen Formen – Simca, Renault, das berühmte „Cremeschnittchen“, Citroen – die Busse sahen anders aus, eher so wie später in den französischen Filmen. In den Geschäften gab es neben den eigenen saarländischen Markenartikeln natürlich französische Waren. Vor allem an Schokolade kann ich mich noch erinnern, Toblerone, Suchard, Cote d’Or, auch wenn sie nicht französisch war, aber das alles gab’s in Herford nicht. Selbst die Spielzeugautos meines Vetters waren nicht von Siku oder Wiking, nein, es waren schwere Metallautos von Dinky Toys, französische Modelle, und bald hatte ich auch einen kleinen Sattelschlepper in Blau mit der Aufschrift „SNCF“. Und erst das Geld! Als ich meinen Vater nach den Geldgeschenken der Nachbarn aus Herford fragte, zeigte er mir französische Francs aus Aluminium und Münzen mit der Aufschrift „Saarland“ und „Franken“. Ich war empört. Spielgeld! „Zahlen Sie in Francs oder D-Mark?“ war in jenen Herbsttagen dann bald eine gängige Frage.

Das hatte alles mit den Franzosen zu tun, lernte ich schnell, mit dem Krieg, den die Deutschen verloren hatten. Dann wurde das Saarland besetzt wie schon einmal 1918 bis 1935. Das war jetzt vorbei. Aber erzählt wurde immer noch von dem Krieg, von den Bomben und der Besatzung, von Plünderungen. Und all das hatte mit Frankreich zu tun, mit dem Saarbrücken eine gemeinsame Grenze hatte. So dicht waren wir da dran.

Mir waren sie ganz sympathisch, diese Franzosen, ihre Autos sahen gut aus und in der Schokolade und der Seife waren Sammelbildchen drin. Wie war das nun in Frankreich, wie sah es dort aus?

Dreckig sei es dort, in Lothringen, hinter der Grenze, erzählte mir meine Großmutter. Dort sei es nicht schön. Alles grau und ungepflegt. Nun ja, sie hätten dort auch viele Kohlengruben und Hüttenwerke. Mehr sei da nicht. Nun war für mich als Westfalen Saarbrücken mit seinen beiden Hüttenwerken mitten in der Stadt auch nicht gerade die Verheißung einer schönen Welt. Auch hier gab es Rauch, Ruß und Dreck.

Aber dann wurde alles anders. Eine Sensation. 1960 eröffnete der Deutsch-Französische Garten in einem Tal mit viel Grün am Stadtrand unmittelbar an der Grenze. Zwei Blumen mit freundlichen Gesichtern hielten sich eng umschlungen, er mit Mütze, sie mit Kokarde, Michel und Marianne, das Symbol der neuen deutsch-französischen Beziehungen, drei Jahre vor dem Elyséevertrag. Der Garten war eine Sensation, Wasserorgel und Seilbahn willkommene Attraktionen, aber auch das so genannte „Ehrental“, denn hier hatte im Krieg von 1870 / 71 die Schlacht um die Spicherer Höhen getobt. Wer die Höhen hatte, hatte Saarbrücken. Nun lagen hier deutsche und französische Soldaten in einer Gartenschau friedlich nebeneinander. Die Spicherer Höhen kannte ich von einem Ausflug. Man passierte die Grenze, dort wo die Zöllner mit diesen runden Mützen aufpassten, fuhr den Berg hoch, stand vor einem riesigen Steinkreuz und schaute auf Saarbrücken. Ich war in Frankreich. Im Ausland! Aber eher war das Gefühl faszinierend als das, was ich sah. Die Häuser sahen anders aus, es war eben wirklich alles Grau in Grau. Aber Michel und Marianne, die leuchteten so farbenfroh von allen Plakaten! Jetzt mussten wir doch Freunde sein, dachte ich.

Am Gymnasium hatte ich Französisch als erste Fremdsprache, und ein paar Monate später, 1964, fuhren wir mit den Pfadfindern in die Bretagne. Umsteigen in Paris. Das war großartig. Ein aufregendes Land. Unglaublich. Meine erste Großstadt. Dass später bei der Abstimmung über die Abiturklassenfahrt Berlin haushoch unterlag, war keine Frage. Nach Paris? Wohin sonst! Natürlich lasen wir alle Sartre und Camus und auf dem Bürgersteig oder „Trottewa“ zu sitzen und Rotwein und Baguette zu konsumieren, war das Größte an Lebensart.

In der Verwandtschaft hatten inzwischen einige einen Campingwagen an Lothringer Weihern stehen und wer etwas auf sich hielt, fuhr mit dem Auto über die Grenze in irgend ein kleines Nest, um auf einem Bauernhof zu speisen „wie Gott in Frankreich“. Und donnerstags, wenn in Frankreich schulfrei war, kamen die Franzosen zum Einkaufen nach Saarbrücken.

Heute geht das noch viel einfacher. Seit 1998 fährt die Saarbahn, eine Mischung aus Straßenbahn und S-Bahn, von Saarbrücken nach Sarreguemines, gleich hinter der Grenze. Zwar sollte die Bahn das Saarland erschließen, aber die erste Strecke sollte nach Frankreich gehen. Und siehe da, Sarreguemines ist ein lohnendes Ziel. Viele Saarbrücker entdecken erst jetzt ihren Nachbarn, fahren in die kleine Stadt mit den inzwischen renovierten Fassaden, kaufen beim Chocolatier Köstlichkeiten ein oder gehen stilecht Couscous essen. Und die Franzosen fahren lieber nach Saarbrücken zum Einkaufen und Arbeiten als nach Metz oder Straßburg. Es geht einfacher und schneller. Das Symbol der Einheit war der Fahrkartenautomat. Er schluckte D-Mark und Francs, jetzt nur noch Euro.

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