Zeitung Heute : Nachbar, sei wachsam

Wer sich kennt, kann aufeinander achtgeben – auch in der oft anonymen Mieterstadt Berlin

Herumspionieren muss nicht sein – aber ein waches Auge. Foto: picture-alliance/dpa/dpaweb
Herumspionieren muss nicht sein – aber ein waches Auge. Foto: picture-alliance/dpa/dpawebFoto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Wenn Nachbarn einander kennen und ein wachsames Auge haben, ist das oft mehr wert als die beste Alarmanlage, meint unsere Autor Frank Wendler:

Seit wir in Berlin sind, hat Nachbarschaftshilfe für uns immer wieder eine Rolle gespielt. Das fing bei der Milch an, die man sich beim Mieter auf der anderen Seite des Flurs holte, und ging weiter mit dem Gießen der Blumen für die Nachbarin, die regelmäßig zu ihrem Freund nach München reiste, oder der Annahme des Paketes für den Internet-Einkäufer im Dachgeschoss. Es gab auch eine Situation, in der die Nachbarschaftshilfe beinahe eine Nachbarschaftsanklage geworden wäre: In die Wohnung unter uns zog eine junge Familie mit Baby ein. Schon vom ersten Tag an hörten wir den Jungen schreien, Stunde um Stunde, Tag und Nacht. Wir fragten uns ernsthaft, ob die Eltern sich nicht um ihr Kind kümmerten – und stellten im Gespräch fest, dass ihr Baby ein unter heftigen Koliken leidendes Schreikind war.

Als wir später in den Prenzlauer Berg zogen, gab es gleich in den ersten Monaten zwei Einbrüche in das kleine Dienstleistungsunternehmen im Erdgeschoss. Später stahlen Diebe mehrfach Fahrräder aus dem Hof, dann einen Fahrradanhänger. Im Flur hingen Zettel aus. Aber niemand hatte etwas gesehen.

Nachbarschaft ist in erster Linie ein freundliches Miteinander – wenn man sich kennt. Das ist in Berlin nicht immer so. Viele Menschen wissen kaum, mit wem sie das Haus teilen; sie kennen ihre Mitbewohner bestenfalls aus Flur oder Treppenhaus. Wir beschlossen, das zu ändern! Wir steckten in alle Briefkästen eine Postkarte, mit der wir Mieter und Wohnungsbesitzer zum gemeinsamen Besuch des Weihnachtsmarktes einluden. Es war erstaunlich. Zum vorgeschlagenen Termin standen alle Parteien im Eingang – und es wurde ein sehr netter Abend.

Seitdem ist weniger Unangenehmes geschehen im Haus. Vielleicht ein Zufall, denn auch jetzt achten wir nicht mit Argusaugen darauf, ob Fremde kommen und gehen. Aber wir wissen, wer wo wohnt und könnten, wenn es sein müsste, auf unliebsame Gäste reagieren. Und wir wissen auch, wem die vielen Kinderwagen im Hof gehören und könnten einschreiten, wenn Fremde an ihnen herumwerkelten.

Die Polizei schätzt diese nachbarschaftliche Hilfe hoch ein – und initiiert in vielen Bundesländern eine Kampagne unter dem Motto „Nachbarn helfen Nachbarn“. Darin gibt sie diverse Tipps, wie man sich gegenseitig unter die Arme greifen kann. Die Überlegung, die dahinter steckt ist ganz pragmatisch: Die Polizei kann nicht überall sein, aber ein Nachbar ist oft in der Nähe.

Möglichkeiten der Unterstützung gibt es viele. Oft hilft es schon, wenn man im Falle der Abwesenheit Rufnummern oder Anschriften austauscht. Wir verabreden immer mit unseren liebsten Nachbarn, dass sie die Briefkästen leeren, die Blumen gießen und hin und wieder am Abend das Licht an- und ausknipsen. Und wir sind auch ein wenig vorsichtiger geworden, wenn Unbekannte klingeln, die eingelassen werden wollen, um Reklame einzuwerfen.

Nicht in unserem Haus, aber in unserer Straße, gab es eine andere Art der Nachbarschaftshilfe. Eine Freundin hörte aus einer Nachbarwohnung immer wieder wüste Beschimpfungen, Poltern, Weinen und sogar Schmerzensschreie. Da hatte ein Paar üble Streitereien, die beinahe regelmäßig mit Schlägen endeten. In Berlin verzeichnet die Polizei im Jahr über 16 000 Fälle solch häuslicher Gewalt. Hier spielen bei der Prävention – und auch als mögliche Zeugen – Nachbarn eine wichtige Rolle. Aber die Hemmschwelle ist hoch. Kaum jemand mag sich in Privatangelegenheiten einmischen. „Wir wünschen uns mehr Zivilcourage von Nachbarn“, sagt eine Berliner Kommissarin. Ein Anfang ist gemacht, wenn man sich nicht nur im Hausflur grüßt, sondern wirklich miteinander spricht.

Weitere Informationen zum Thema gibt es unter www.polizei-beratung.de. Hier kann man auch einen Newsletter mit Ratschlägen zur Vorbeugung abonnieren und nach Adressen und Telefonnummern von Beratungsstellen in Wohnortnähe suchen. Tipps zur Sicherung von Haus und Wohnung gibt es unter www.polizei-beratung/einbruchschutz

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