Zeitung Heute : Nachbarn entdecken

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Herr Schultz hat es geschafft. Der Obsthändler hat mein Herz erobert. In der Bar jeder Vernunft war das, im „Cabaret“. Nicht schlecht, die Inszenierung, aber richtig gepackt hat sie mich nicht – der Berliner Sally Bowles fehlte die herzzerreißende Hysterie der Liza Minnelli, und außerdem hatte ich mich so auf Angela Winkler als Frl. Schneider gefreut, die aber an diesem Abend gar nicht auf der Bühne stand. Doch dann kam Herr Schultz, und er kam immer öfter, mit seinem – ja, war es nun ein böhmischer oder ungarischer Akzent, und der hat mich ergriffen. Dieser Herr Schultz, der im richtigen Leben wohl weder Böhme noch Ungar ist, weil der Schauspieler nämlich Peter Kock heißt und womöglich Berliner ist, also, dieser Herr Schultz, der wohl der Älteste auf der Bühne war, hatte so einen Spaß am Spiel, dass er auch, nachdem das Musical schon zu Ende war, Frl. Schneider den Arm zum Tanze reichte und beim Applaus vor Vergnügen auf der Bühne auf und ab hüpfte.

Herr Schultz ist Obsthändler am Nollendorfplatz und Verehrer von Frl. Schneider, der es erst zu ihrem Verlobten und dann zu ihrem Ex-Verlobten bringt. Weil er nämlich Jude ist.

Heute wäre Herr Schultz quasi ein Nachbar von mir, so wie Christopher Isherwood, auf dessen Erzählungen „Cabaret“ beruht. Ich lebe nämlich in der Winterfeldtstraße, und der Engländer hat in der Nollendorfstraße 17 gewohnt; da komm ich oft vorbei, weil in der Straße mein Reisebüro liegt, die „Flugbörse“ (wo sie so nett sind, wie es sich kein Münchner von einem Berliner Dienstleister vorstellen kann) und mein Schneider, der auch viel flinker ist, als das Vorurteil erlaubt. Ein Besuch in diesem Stück Nollendorfstraße lohnt sich, da kriegt man ein Gefühl, wie Schöneberg zu Isherwoods Zeiten ausgesehen hat. Ziemlich genau wie heute, denn, von ein paar Neubauten abgesehen, hat die breite, baumgesäumte Straße noch eine geschlossene Altbaufront, mit Stuck und Kellerläden. Nur dass der Bäcker nicht mehr Bäcker heißt, sondern Back- und Coffeeshop, und der Friseur sich „Haarwerkstatt“ nennt. Eine Straße, in der man fast alles bekommt – sogar Torten für Katzen.

„Cabaret“, Bar jeder Vernunft, Schaperstraße 24, Tel. 883 15 82. Der Film mit Liza Minnelli läuft am 16. und 20. 2. auf der Berlinale.

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