Zeitung Heute : Nachkriegssaison

SILVIA HALLENSLEBEN

Nikolaus Geyrhalters Jugoslawien-Doku "Das Jahr nach Dayton"VON SILVIA HALLENSLEBENNoch vor einem Jahr war das ehemalige Jugoslawien, neben Pepe Danquarts und Miriam Quintes "Nachsaison" thematisch mit drei weiteren Filmen allein im Forum vertreten, noch einer der Schwerpunkte des Festivalprogramms.Mittlerweile ist die proklamierte Nachsaison im öffentlichen Bewußtsein eingetreten, allerdings wohl anders, als gemeint: Die Schlachten sind geschlagen, die Toten begraben, die Besitzverhältnisse, jedenfalls im Groben, besiegelt.Und für den durchschnittlichen Westeuropäer sind die "Jugos" nur noch unter dem Gesichtspunkt der Flüchtlingsfrage Thema. Ein Jahr ist kurz.Doch das Interesse an Kriegen ist schnellebig.Und wahrscheinlich, ja sicherlich, war eine gewisse Distanz nötig, damit ein Film wie Nikolaus Geyrhalters "Das Jahr nach Dayton" entstehen konnte.1996 gedreht, ein Jahr später fertiggestellt, beschreibt dieser Dokumentarfilm in vier, den Jahreszeiten zugeordneten Kapiteln, den status quo eines Landes im Nachkriegszustand. Dem vorhersehbaren Rhythmus der Jahreszeiten entspricht im Film ein gemächlicher Erzähltakt: Erst eine Landschaft, dann ein Pflug, dem die Kamera stumm folgt, bis sich der Film den Menschen zuwendet.Ein Schauspieler, der nach einem Granatenangriff beide Beine verloren hat und jetzt von Freunden auf dem Rollstuhl aus der Etagenwohnung durch den Schnee ins Theater transportiert wird.Selbst die sicher schockierendste Episode des Films, die Exhumierung eines Massengrabes mit halbverwesten Leichen, wird so leise, ja beiläufig eingeführt, daß man erst langsam begreift, was da zwischen den Plastikfolien eigentlich passiert.In einer gebrochenen Reigenform läßt dieser Rhythmus manche der Protagonisten und Schauplätze wiederkehren, die Spuren anderer aber, den Wirren der Zeit geschuldet, verliert er aus den Augen.Nicht Spannung, sondern Intensität, die Möglichkeit, sich auf fremde Welten einzulassen, sind die Stärke dieses Films.Ja, vielleicht hätte Geyrhalter noch weniger auf Worte und mehr auf seine Bilder vertrauen können.Denn die stärksten Szenen sind die, wo sich einfach nur hinschauen läßt: Wenn der vertrocknete Schäfer mit einer Zigarette im Mund sein Lämmchen abknuddelt.Ein Junge, der mit UN-Soldaten in einem Trümmerhaus Fußball spielt.Überhaupt: Häuser.Zerstörte, teilzerstörte, halbaufgebaute.Menschen, die sich im Winkel einer Ruine ein Zuhause gezimmert haben.Und Vertriebene: Keiner scheint hier dort zu wohnen, wo er hingehört.Dem Regisseur geht es um das Leiden der kleinen Leute.Die "große Politik" kommt in seinem Film nicht vor.Kein Kommentar (das ist gut), keine Erklärungen (das läßt manche Zusammenhänge unverstanden), nicht einmal das Wo und Wer seiner Protagonisten entblößt er uns.Alles Geschundene, Verlierer, eben kleine Leute.Eine Welt nur von Opfern? Einfühlungstaktisch hat solche Zustandsbeschreibung sicher ihre Stärke.Verständlich macht sie zu wenig. Heute 14 Uhr (Delphi), morgen 20 Uhr (Arsenal), Sonntag 16 Uhr (Akademie der Künste)

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