Zeitung Heute : Nachrichten von Allah

Die Palästinenserin Aischa ist Flüchtling, seitdem sie denken kann. Ihr Mann ist krank, ihr Sohn getötet. Dann habe ihr Gott ein Zeichen geschickt – und Bethlehem glaubt wieder an ein Wunder

Erwin Koch[Bethlehem]

Seit sie denkt, ist Krieg, hier oder dort.

Es ist der 25. März 2003, ein Dienstag, es regnet in Aida, es ist kalt, Halbmond, und der Fernseher lärmt, die Enkelkinder husten, dass es vom Beton hallt.

Seit sie in diese Welt kam am 8. August vor 58 Jahren, hat Aischa Angst. Die Angst überfällt sie, kommt und geht und macht, dass Aischa manchmal kaum atmen kann.

Was fürchtest du?, fragen dann die Söhne.

Ich weiß es nicht, sagt die Mutter.

Dass etwas geschieht, so schrecklich, dass die Vögel nie mehr singen, sagt sie.

Sie legen den Arm um Aischa: Mutter, was kann uns noch passieren?

Aida: 4500 Menschen auf einem Quadratkilometer, unfertige Häuser, ein Gewirr von Drähten und Leitungen, Plastik treibt im Wind, ein Flüchtlingslager am Rand von Bethlehem, Palästina.

Sie sitzt auf dem Sofa, dick und schwer, der Fernseher läuft, Marke Europa, seit fünf Tagen ist Krieg im Irak, Aischa hat Angst. Die Amerikaner, die Briten, die Mächtigen machen Krieg. Aischa sitzt und schweigt und dreht den Ring der linken Hand, immer dreht sie den Ring der linken Hand. Sieben Söhne hat sie geboren und zwei Töchter, Imad, Yosef, Ayman, Buthaina, Avmaya, Iyad, Ala’a, Baha’a, Seif, sieben Söhne, vier sind verheiratet und leben hier im Haus, 32 Menschen in neun Zimmern, zwei haben Arbeit, Ayman, der in Bethlehems Straßen Zigaretten verkauft, und Ala’a, ihr liebster, der bei Chickers Hähnchen brät. Manchmal bäckt Aischa Süßigkeiten und verkauft sie den Nachbarn, Aischas Mann, Mohammed Hassan Ayyad, liegt seit Jahren krank im Bett. Kein Mann in diesem Haus, der nicht im Gefängnis war.

Sie denkt an Baha’a, den Zweitjüngsten, der Lehrer werden will, 20 Jahre alt, heute morgen fingen sie ihn von der Straße weg, heute morgen kurz nach acht. Man schlägt ihn, wie man alle schlägt. Man entlässt ihn, wie man alle entlässt, nach Tagen, Wochen, Monaten, manchmal sagen sie: Du bist nicht der, den wir suchen.

Aischa will nicht weinen. Die Sorge um ihre Söhne, denkt sie, hat mich so müde und schwer gemacht, dass ich kaum noch gehen kann.

Noch drei Jahre zuvor, bevor die zweite Intifada begann, im Oktober 2000, kosteten zehn Fladenbrote anderthalb Schekel, jetzt das doppelte. Bevor der jüngste Aufstand begann, hatten die Söhne Arbeit in den Fabriken der Israelis, auf ihren Baustellen und Straßen, nun sind alle Wege versperrt, Aida, Bethlehem, das Westjordanland: ein Gefängnis.

Es ist der 25. März 2003, es regnet, im Irak ist wieder Krieg, Ala’a noch nicht zu Hause. Ala’a ist 25, keiner streichelt mich häufiger, Ala’a hat ein weiches trauriges Gesicht, Ala’a hilft und tröstet und teilt das Geld, das er von Chickers nach Hause bringt, manchmal schreibt Ala’a Gedichte von Freiheit und Gott.

Zentimetergenau fallen die Bomben auf Bagdad, Aischa sitzt vor dem Fernseher, zwei oder drei Söhne neben sich, Imad, der Erste, Iyad, der Sechste, drei Schwiegertöchter, einige Enkel, die husten, dass es vom Beton hallt, es ist Abend in Palästina, Aischa hat Angst, wo bleibt Ala’a?

Sie weinte, als sie Flüchtling wurde. Daran kann Aischa sich erinnern, an nichts sonst, sie war drei Jahre alt, 1948, als ihre Mutter sie auf einen Esel setzte, zehn Kilometer von hier, im Dorf Ras Abu Ammar, das heute in Israel liegt, Aischas erster Krieg, 1948: Israel, eben erst zum Staat erklärt, gegen Jordanien, Ägypten, Syrien, Libanon, Irak. Ihre Mutter setzte sie auf einen Esel, man floh hinauf an den Rand von Bethlehem, 750000 Menschen unterwegs, Bethlehem war jordanisch, Aischa weinte und schrie vor Angst, die Familie legte sich in ein Zelt, die Mutter sagte: Bald kehren wir ins Dorf zurück, ich verspreche es euch, nach Ras Abu Ammar, das unsere Heimat ist. Später baute der Vater, der zu vergessen suchte, was er zurückgelassen hatte, Haus, Laden, Olivenhain, eine Hütte aus Holz. Darin lebte Aischa neun Jahre lang mit ihren Eltern und sechs Brüdern und vier Schwestern. Wasser holten sie an einem Brunnen. Der Boden war hart im Sommer, tief im Winter, nichts als Schlamm, Regen drang durchs Dach, billiges Blech, das die UNRWA geschenkt hatte, das UN-Palästinenserhilfswerk. 4,1 Millionen Palästinenser sind Flüchtlinge, ein Drittel davon lebt in 59 Lagern, die längst zu hässlichen Städten wurden, in Libanon, Jordanien, Syrien, Gaza, Westjordanland.

Fast 60 Prozent der Palästinenser in den Gebieten, die Israel vor 37 Jahren eroberte, Gaza und Westjordanland, und nie mehr aufgab, leben in Armut: von weniger als zwei Dollar am Tag.

Fast ein Viertel der Kinder, jünger als fünf, sind unterernährt. Die Hälfte der gebärfähigen Frauen haben die Anzeichen von Blutarmut. Behaupten die Vereinten Nationen.

Fünf Tage alt ist der neue Krieg im Irak, 25. März 2003, als Aischa Ayyad ihren liebsten Sohn verliert. Am frühen Nachmittag, klingt es aus dem Fernseher, hätten Mitglieder einer israelischen Sondereinheit, verkleidet als christliche Priester, in der Shepard’s-Straße der Stadt Bethlehem, Ecke Gamal Abdul Nasser, drei junge Männer erschossen, die in einem Auto unterwegs waren, und ein zwölfjähriges Mädchen, das daneben stand, Cristin Saadeh, Nader Salam’i, Mufarak Badawni, Ala’a Ayyad.

Die Männer, behaupteten die Israelis, seien Mitglieder der Hamas gewesen, jener palästinensischen Organisation, die nicht müde wird, in Israel Menschen zu ermorden, in Bussen, auf Straßen und Märkten, mit Bomben, Messern, Gewehren.

Aischa schreit, sie schreit und bäumt sich in ihren Sessel, dann wird ihr schwarz vor den Augen, und sie kippt ins Polster, die Schwiegertöchter krümmen sich über sie, die Söhne weinen, die Enkel, Nachbarn rennen, Ala’a ist tot, er ist tot, Aischa öffnet die Augen, sie kann kaum atmen, sie schließt die Augen, Ala’a, geboren in diesem Haus, das keine Nummer hat, mein Ala’a, ins Leben gepresst am Morgen des 22. Dezember 1978 an dieser dreckigen Straße, die keinen Namen hat, mein siebtes Kind: tot.

Ein schönes weiches trauriges Gesicht hatte er. Manchmal sang er, schrieb Gedichte.

Er hörte zu singen auf, nachdem sie ihn verhaftet hatten, im Frühjahr vor einem Jahr, 2002. Sie brachten ihn nach Al Qubi, fesselten seine Hände auf den Rücken, verbanden ihm die Augen, sie schlugen so sehr, dass er drei Tage lang nicht mehr reden konnte, und wenn sie ihn etwas fragten, schrieb er seine Antwort auf Papier, 13 Tage lang war er in ihrem Gefängnis, und als er nach Hause kam, weinte er leise, er schämte sich vor den Brüdern, dass er weinte. Ala’a tat der Kopf weh, er hielt den Schmerz nicht aus, Aischa sagte: Lass uns ins Krankenhaus gehen. Sie riefen einen Krankenwagen, sie warteten, der Wagen kam nie an, israelische Soldaten verboten die Fahrt.

Vor fünf Wochen brachte Ala’a Fotos nach Hause. Ala’a im Kampfanzug. Mit einem Gewehr. Einem Stirnband. Darauf der Spruch: Unser Krieg ist heilig.

Aischa sagte: Ich will dich lebend. Hast du mich verstanden?

Ja, sagte Ala’a.

Bist du bei der Hamas?, fragte Aischa.

Nein.

Sagst du die Wahrheit?, fragte sie.

Bei Gott, ich lüge nicht.

Aischa, Flüchtling, heiratete im Sommer 1959, sie war 14, ihr Mann zwei Jahre älter, Mohammed Hassan Ayyad, ein Nachbar, Flüchtling. Aischa gebar ihren ersten Sohn, Imad, 1964, und als Imad drei Jahre alt wurde, war wieder Krieg: Israel gegen Ägypten, Jordanien, Syrien, Irak, der Sechstagekrieg, Juni 1967.

Mit Mann und Kindern floh Aischa in Höhlen, wieder war eine halbe Million Menschen unterwegs, die Kinder wimmerten, israelische Helikopter flatterten über die Gegend, jemand hatte ein kleines Radio dabei, und das Radio log tapfer, die Jordanier seien im Begriff zu siegen. Aber es kamen die Israelis, Aischa hielt ein weißes Tuch in den Wind und schrie um das Leben ihrer Familie, 11. Juni 1967.

Rückkehr nach Aida. Mohammed, Aischas Mann, baute ein Haus aus Stein.

Was Israel erobert hatte, die Golanhöhen, die Syrien gehörten, den Landstreifen von Gaza, der ägyptisch war, Ost-Jerusalem und das Westjordanland, gab es nicht mehr auf, Israel besetzt bis heute – trotz der Aufforderung durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, Resolution 242, die Gebiete zu verlassen.

Aischa weint nicht mehr, sie liegt im Sessel vor dem Fernseher, es ist Krieg im Irak, Aischa schaut nicht hin.

Am Donnerstag, zwei Tage, nachdem sie Ala’a erschossen haben, rufen die Israelis an: Die Leiche sei frei, abzuholen im Al-Hussein-Krankenhaus, dann fahren sie los, hinein nach Bethlehem. Yosef, der Zweite, sagt: Mutter, warte hier.

Aischa wartet.

Jemand zieht eine Leiche aus einem Kühlschrank, sie ist blau und grau und schwarz, zerschossen, Aischas Söhne erkennen ihren Bruder nicht. Sie stehen und schweigen und schauen.

Da, sagt Seif, der Jüngste, da, das Muttermal an der rechten Hand.

Es ist Ala’a.

Mutter, sagen die Söhne, schau dir seinen Körper nicht an, nur an seinem Muttermal haben wir Ala’a erkannt.

Aischa sieht ihren toten Sohn nicht.

Bringt ihn nach Hause, schreit sie.

Aischa bettelt und schreit.

Sie schlagen Ala’a in weiße Tücher und bringen ihn hinaus zum Friedhof der Märtyrer, Scharen von Menschen stehen dort, man legt Ala’a in ein Grab, sein Gesicht, das keines mehr ist, nach Mekka gewandt.

Es wird April, und im Irak ist Krieg, Aischa wimmert während Stunden, wimmert und isst nicht, wird schwer und schwerer. Die Mächtigen sagen: Wir befreien das irakische Volk, wir bringen Demokratie, Aischa liegt wieder in ihrem Sessel, schaut den Bomben zu und dreht am Ring der linken Hand, schaut Liebesgeschichten aus Ägypten, dann Pferderennen aus Dubai. Aischa verlässt das Haus nicht mehr, manchmal denkt sie: Wie wäre es schön zu sterben. Oder meine Schwester zu besuchen, drüben in Aizaria, doch da steht nun dieser hohe Zaun, den Israel baut, 650 Kilometer lang, der verhindern soll, dass Palästinenser sich nach Israel schleichen, 650 Kilometer lang, stellenweise acht Meter hoch, Beton. Dieser Zaun, der sich auf palästinensischer Erde durch palästinensische Dörfer und Felder windet. Aischa kann ihre Schwester nicht besuchen, weil nun ein israelischer Zaun dort steht, zwischen Aida und Aizaria, zwei palästinensische Dörfer, fünf Millionen soll der Kilometer kosten, fünf Millionen Schekel jeder Kilometer, vor drei Jahren noch kosteten zehn Fladenbrote anderthalb Schekel, nun drei.

Manchmal denkt Aischa, ob israelische Mütter, die Söhne verloren, ähnlich fühlen wie sie. Aischa würde fragen: Zweifelt ihr an eurem Gott so wie ich an meinem?

Vergangene Nacht sind die Soldaten gekommen, haben die metallene Tür aufgesprengt und alle aus dem Haus getrieben, barfuß standen sie davor, auch ihr kranker Mann Mohammed, eine Stunde lang, sie froren, die Kinder weinten. Bis Aischa sich vor den Anführer stellte und schrie: Wir sind einfache Leute ohne Brot und Geld, was sucht ihr in unserem Haus? Weshalb demütigt ihr uns, nur weil wir Palästinenser sind?

Schweig, schrie der Israeli, sonst erschieß ich dich. – Erschieß mich, schrie Aischa, Gott ist mein Zeuge, dass ich nichts bin außer eine alte dicke Frau, auf der Flucht, seit sie denken kann. Sie warfen die Schränke um, schossen Löcher in den Wassertank, der auf dem Dach steht, die Soldaten fanden nichts.

Es ist Mai.

Am 18. sprengt in Jerusalem ein junger palästinensischer Mann, als Jude verkleidet, sich und einen Bus in die Luft, sieben Menschen sind tot, von Splittern und Nägeln zerfetzt, 22 verletzt, am 19. ermordet eine Palästinenserin, Sprengstoff am Leib, in Afula vier Israelis, verletzt 19. Israel, wie immer, riegelt sofort die Gebiete ab, die ihm nicht gehören, kein Palästinenser darf Palästina verlassen, Israel schickt Helikopter in die Luft und macht Jagd auf die Führer der Hamas.

Manchmal, wenn die Soldaten kommen, oft nachts, zerschlagen sie die Solarzellen auf dem Dach, ein Geschenk der Vereinten Nationen.

Aischa denkt an Ala’a, ihren Siebten, der bei Chickers Hähnchen briet und einen Freund hatte, Nader Salam’i, Mitglied von Hamas. Am frühen Nachmittag des 25.März 2003, zusammen mit einem Dritten, waren sie im Auto unterwegs, um Tabak zu kaufen. Die Israelis, als christliche Priester verkleidet, standen an der Shepard’s, Ecke Gamal Abdul Nasser.

Auf Ala’as Grabstein schrieb Aischa: Dein Name wird nie untergehen.

Ala’a war zehn, als sie ihn zum ersten Mal wegfingen, hier vor dem Haus, 1988, Ala’a hatte Steine geworfen und Reifen angezündet, als sie ihn packten, machte er in die Hose vor Angst, mein Ala’a. Manchmal stieg Aischa auf das Dach und sah ihren Söhnen zu, voller Angst, die sich hinter Mauern versteckten, ganze Lager von Steinen neben sich, und warteten, bis die Soldaten kamen. Sie schrie: Ich will euch lebend. Habt ihr verstanden?

Juni 2003.

Iman ist schwanger,sie ist die Frau von Iyad, das Kind wird Aischas 20. Enkel sein, Aischa denkt an Ala’a.

Freust du dich nicht, dass ich Vater werde?, fragt Iyad.

Aischa lächelt. Zahnloser Mund.

Aischa will, dass ihre Söhne Ala’as Bild über den Fernseher hängen. Sie bohren Löcher in den Beton und treiben Schrauben hinein, hängen Ala’as Bild neben die Seiten aus dem Koran, kränzen das Bild mit künstlichen Blumen, über dem Bild stehen die Worte: Der Märtyrer Ala’a Hamad Hassan Ayyad.

Israelis morden Palästinenser, Palästinenser morden Israelis: Hundert Tote, Monat für Monat.

Amerika besetzt Bagdad, Aischa schaut nicht mehr Fernsehen, isst nicht mehr, ihre Söhne rufen den Arzt, Aischa sagt: Ich höre die Vögel nicht singen. Der Arzt schüttelt den Kopf. Nachts legt sich Aischa nicht mehr neben ihren kranken Mann, der den Israelis Straßen baute, sie schläft im Sessel, der unter Ala’as Bild steht, schläft und betet, schreckt auf, wenn die Soldaten durch die Gassen rennen, manchmal holen sie nur die Fernsehantenne vom Dach. Einmal flüsterte einer: Alte Frau, es tut mir leid, inschallah.

August 2003.

Ein Palästinenser, Sprengstoff am Leib, setzt sich in einen Bus der Israelis, ermordet 20 andere und sich, verletzt 100 Menschen, Israel, wie immer, riegelt die Gebiete ab, die ihm nicht gehören. Der Vorsitzende der Palästinensischen Autonomiebehörde, Jassir Arafat, seit Jahren umstellt von israelischen Soldaten, so dass er sein Haus nicht verlassen kann, nennt die Tat, wie immer, sinnlos und unnütz, Israel beschließt den Gegenschlag.

Aischa denkt manchmal: Wie schön wäre es zu sterben. Oder nach Jerusalem zu fahren, eine Viertelstunde von hier, um in Jerusalem zu beten, auf dem Tempelberg, Haram al-Scharif, wo der Prophet in die sieben Himmel auffuhr.

Am 28. September 2000 stieg der israelische Politiker Ariel Scharon auf den Tempelberg, um dort zu spazieren, ohne Not, beschützt von israelischen Polizisten, die palästinensische Pilger vertrieben: der Beginn der zweiten Intifada.

Aischa kann nicht nach Jerusalem. Aischa kann nicht aus der Stadt. Ein Checkpoint im Norden, einer im Süden, im Westen der Zaun, fünf Millionen Schekel der Kilometer. Sie denkt: Was ist das für eine Welt, in der mein Gott mich leben lässt?

September.

Ariel Scharon, Ministerpräsident von Israel, bewilligt, dass immer mehr Israelis ins besetzte Westjordanland ziehen. 11000 neue Wohneinheiten im vergangenen halben Jahr, 2003. Nachts ziehen die Soldaten durch Aida und sprengen metallene Türen auf. Aischas Söhne kleben Ala’as Fotos an die Wand des Wohnzimmers, Ala’a im Kampfanzug. Mit Gewehr und Stirnband, darauf der Spruch: Unser Krieg ist heilig. Sie legen die Arme um Aischa: Mutter, wir brauchen dich.

Oktober.

Israel schickt Kampfflugzeuge nach Syrien, wirft Bomben, Aischa spürt die Angst, sie kann kaum atmen, Krieg, der Krieg kommt näher, sie lässt sich zum Friedhof der Märtyrer fahren, Aischa setzt sich ans Grab ihres Sohnes Ala’a, der ein trauriges Gesicht hatte und ein Muttermal an seiner rechten Hand, sie hört den Wind nicht, sie liest aus dem Koran, und während sie liest, geht die Angst. Aischa denkt: Ich war ihm eine schlechte Mutter, weil ich seine Leiche nicht sah. Weil ich ihn, als er tot war, nicht umarmte.

Aischa erbricht. Sie zittert und friert. Es ist November 2003, Ramadan, Fastenmonat. Sie steht nicht mehr auf.

Am 27. Tag des heiligen Ramadan, als der Prophet der Menschheit den Koran vermachte, am 21. November 2003, wird Aischa Ayyad, 58 Jahre alt, zum 20. Mal Großmutter. Das Kind wird geboren im Spital der Heiligen Familie zu Bethlehem, es ist 49 Zentimeter lang, fast drei Kilo schwer, und im Gesicht hat es ein großes Muttermal, braun, rot, ein Knabe. Sein Vater, Iyad, Aischas Sechster, denkt: Sieht aus wie eine Blume.

Er betrachtet sein Kind, das Mal auf der rechten Wange, und merkt: Das ist keine Blume, das ist ein Wort. Er liest, berührt das Kind am Ohr und kippt es leicht. Findet den letzten Buchstaben des Wortes hinter dem Ohr.

Die Menschen in Aida glauben, Aischa Ayyad, zum Sterben bereit seit Monaten, sei endlich verrückt geworden, als sie erzählt, der gütige Gott habe ein Wunder erwirkt. Gott habe den Namen ihres liebsten Sohnes, der kein Gesicht mehr hatte, als man ihn ins Grab legte, ins Gesicht ihres 20. Enkels geschrieben, Gott hat uns nicht verlassen, schreit Aischa und weint vor Freude und tanzt.

Sie nennen den Knaben Ala’a.

Tausende kommen nach Bethlehem, um das Kind zu sehen.

Im Januar lässt Arafat anrufen, Arafat, sagt ein Sekretär, möchte Ala’a küssen.

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