Zeitung Heute : Nachrichten

Tanner hat den blauen Pullover angezogen. Weil Blau seine Farbe ist. Blau, sagt Tanner immer, ist die Farbe der Klarheit, der Kühle, der Nüchternheit. Außerdem sei er vom Sternzeichen her Fisch. Nicht dass er viel von den Sternen halte, aber bezeichnend sei das doch. Ein Fisch im blauen Wasser. Ein Fisch im kühlen Wasser. Blau ist die Farbe des Verstandes. Das weiß doch jeder.

Blau hat aber noch eine ganz andere Seite, Tanner. Die blaue Blume der Romantik, das Samtblau der Seele. Blau ist eine Seelenfarbe.

„Natürlich“, sagt Tanner, „tiefe Wasser sind blau.“

Ulrich Tanner hat den blauen Pullover angezogen, er ist aus dem Auto gestiegen, ein großer, schlanker Mann mit sehr kurzen rotbraunen Haaren, und geht jetzt auf die Haustür zu. Er geht entschlossen, aber keineswegs geraden Schrittes. Er humpelt, knickt ein, ist so unsicher auf den Beinen, als hätte ihn ein Schwindel gepackt. Aber es ist nur die Parkinson-Krankheit, seit 2001 hat er sie schon. Ein paar Jahre noch, dann hätte er den Rollstuhl gebraucht. Aber jetzt an diesem Februartag im Jahr 2008 kann er den kurzen Weg noch gehen. Vom Auto zur Haustür. Hinter ihm gehen zwei Freunde. Es ist ein Vormittag, kurz nach elf.

Das Haus liegt in einem hässlichen Gewerbegebiet, ein Industriebau, mit blauen Platten verkleidet, kein schönes Gebäude, keines, in das man gerne geht. Ob Tanner die Farbe der Platten bemerkt hat, sagt er nicht. Er hat jetzt etwas anderes zu tun.

Er verschwindet im Haus, fährt mit dem Aufzug in den zweiten Stock. Dort ist eine Wohnung mit zwei Räumen und einer Küche. Auch die beiden Freunde gehen hinein.

Ein Ehepaar mittleren Alters erwartet die drei und führt sie in ein großes, helles Zimmer mit Parkettboden und Teppichen. An den Wänden hängen Bilder, Landschaften zumeist. In der Ecke steht eine Kommode mit Schubladen, eine Antiquität aus dunkelbraunem Holz, in der Mitte des Raums ist ein großer Tisch mit Stühlen. Tanner und seine Freunde nehmen Platz.

Tanner wird von dem Ehepaar gefragt, ob sich an seinem Entschluss etwas geändert habe. Er sagt Nein, er sagt es ganz klar und entschieden. Dann muss er eine Erklärung unterschreiben. Darauf steht: „Nach reiflicher Überlegung mache ich, der ich hoffnungslos krank beziehungsweise unzumutbar behindert bin, heute von meinem Recht Gebrauch, selbst über die Beendigung meines Lebens zu bestimmen.“

Tanner hat nun noch Zeit, mit seinen Freunden zu reden. „Sie haben so viel Zeit, wie Sie wollen“, sagen die Eheleute, die ihn begleiten.

Tanner nimmt sich die Zeit.

Danach geht er in den anderen Raum, da stehen ein Pflegebett, ein Sessel, Stühle, ein Tisch. Die Freunde folgen ihm. Tanner setzt sich in den Sessel, das Bett will er nicht. Er wartet jetzt nur noch kurz. Dann nimmt er das Glas, das die Eheleute vor ihn gestellt haben. 15 Gramm Natrium-Pentobarbital, aufgelöst in 60 Milliliter Wasser. Tanner trinkt das Glas in einem schnellen Zug leer. Es dauert zwei Minuten, dann ist er eingeschlafen.

Um 13.20 Uhr ist Ulrich Tanner tot. Er wurde 51 Jahre alt.

***

Am 4. Dezember 2007 ist Post gekommen. Tanner war wie jeden Vormittag von seiner Wohnung im zweiten Stockwerk ins Erdgeschoss gegangen und hatte den Brief aus dem Kasten geholt. Er trug eine Schweizer Marke. Auf dem Absender stand „Dignitas. Menschenwürdig leben. Menschenwürdig sterben.“ Tanner hatte Herzklopfen.

Als er wieder im zweiten Stockwerk angekommen war, setzte er sich auf das graue Wohnzimmersofa und las. „Sehr geehrter Herr Tanner, wir können Ihnen heute mitteilen, dass ein mit uns zusammen arbeitender Arzt grundsätzlich einverstanden ist, für Sie das Rezept zu schreiben. Erforderlich ist dazu noch, dass er Sie vorher sieht und spricht. Damit haben Sie nun das ,provisorische grüne Licht’ für eine Freitod-Begleitung in der Schweiz.“

Ulrich Tanners Herz klopfte jetzt noch ein wenig lauter. Er sah hinüber auf die breite Fensterfront, durch die eine matte Dezembersonne schien, sah hinaus auf die kleinen Vorgärten der Einfamilienhäuser, ein unauffälliges Viertel am Stadtrand von Köln, er sah hinaus und spürte die Panik. Jetzt war es so weit, mehr als ein Jahr hatte er auf diesen Moment hingearbeitet, hatte Entschlüsse gefasst und Entschlüsse verworfen, hatte gebangt und gehofft, hatte Angst gehabt und Mut gehabt. Es war so weit, Tanners Hände zitterten noch mehr, als sie die Parkinsonsche Krankheit ohnehin zittern ließ, er stand auf vom Sofa, ging auf unsicheren Beinen durch das Wohnzimmer, nahm ein Glas und eine der grünen Wasserflaschen, die er immer auf der Anrichte in der Ecke stehen hatte, und setzte sich wieder. Er versuchte, das Glas zu füllen, es misslang ihm. So groß war das Zittern. Er schüttete das Wasser auf den roten Teppich und stellte das Glas verärgert neben sich. Die Panik, fand er, war gar keine Panik mehr. Das war so etwas wie ein Schockzustand.

So sei das gewesen an diesem 4. Dezember, als der Brief kam, sagt Ulrich Tanner. Auch jetzt, wenn er dem Besucher erzählt, wie das alles gekommen ist, sitzt er in seinem Wohnzimmer. Nicht auf dem Sofa, sondern am Esstisch. Der Besucher wird nun oft in die Wohnung im zweiten Stockwerk kommen, immer wieder, und Tanner wird erklären, wie das war in seinem Leben und warum dieser Brief von „Dignitas“ gekommen ist. Tanner hatte sich auf eine Anfrage des Besuchers hin gemeldet: Ja, er sei bereit, Auskunft zu geben. Über seine Krankheit. Über seinen Entschluss. Über den ganz besonders. Die Leute sollten verstehen, wie einer zu so einer Entscheidung kommen könne. Er habe darüber selten etwas Vernünftiges gelesen, das müsse sich ändern. Er wolle dazu beitragen.

Deshalb wird er nun reden und reden, viele Stunden, sehr viele Stunden, immer wird er an seinem Esstisch sitzen und manchmal einen Schluck Mineralwasser trinken. Er redet flüssig, obwohl es ihn anstrengt, ab und zu bleibt er in seinen Sätzen stecken, macht eine lange Pause, blickt hinüber zu der Fensterfront, und dann hat es den Anschein, als wolle er nun nicht mehr weitermachen. Aber dann zwingt er sich, gibt sich einen Ruck, und er sitzt noch aufrechter als sonst auf seinem Stuhl. „Willkommen in meinem Wohnzimmer“, sagt Tanner

Das Wohnzimmer ist groß und hell. Tanner hat die Wohnung bei seinem Einzug vor eineinhalb Jahren nach eigenen Plänen umgebaut. Gerade Linien, klare Kanten, entschiedene Farben, er ist ein Freund der schlichten Form. Er kennt sich aus, schließlich ist er vom Fach, Architekturmodellbau hat er gelernt, eine Präzisionsarbeit, da kommt es auf Bruchteile von Millimetern an, Ulrich Tanner hat das immer geliebt, diese Genauigkeit, diese Sorgfalt. „Ich bin ein bisschen pingelig“, sagt er oft. Modelle von Wohnhäusern und Kirchen, von Bürobauten und Fabrikanlagen hat er konstruiert, aber nicht nur Modelle von Gebäuden, auch von Maschinen und von Autos. Modelle aus Plexiglas, aus Kunststoff, aber meistens aus Holz, Sperrholz und Massivholz, Ahorn, Kirsche, Nussbaum. Fenstersprossen hat er gefräst, da ging es um Zehntelmillimeter, gute Augen braucht einer da und eine ruhige Hand. Und ausgerechnet so einer bekommt Parkinson, sagt Tanner.

Damals, an jenem 4. Dezember, wollte der Schockzustand gar kein Ende nehmen, der Brief lag neben Tanner auf dem Sofa. Die Schmerzen wurden jetzt stärker. Er stand erneut auf, die paar Schritte zum Badezimmer, die Tabletten nehmen, MST, ein Morphiumpräparat. Er nahm es seit einem guten Jahr. Meist auch ein Opiat dazu, Valoron, in Tropfenform. Die Schmerzen wurden jetzt sehr stark. Die Medikamente lindern sie, ganz wegnehmen können sie sie nicht.

Tanner hat einen kantigen braunen Tisch in sein Wohnzimmer gestellt, drei schwarze Freischwinger, das graue Sofa, Flachbild-Fernseher, ein Sideboard, cremefarben, eine Glasschale darauf mit Früchten, zwei reife, rote Mangos, Plastikfrüchte, Dekorationsstücke, drei Glaszylinder auf dem Parkettboden, an die vierzig Zentimeter hoch, gefüllt mit grauen Kieselsteinen, aus den Steinen ragt jeweils eine weiße Lilie, Plastiklilie. Alles ist hier genau an seinem Platz, präzise ausgerichtet, die Vase hat so zu stehen und nicht anders, die grünen Wasserflaschen sind auf der Anrichte exakt aufgereiht. Vielleicht bin ich ein bisschen so wie meine Wohnung, sagt er, nüchtern, exakt, aufgeräumt, aber irgendetwas Verspieltes ist trotzdem dabei.

Die Schmerzen sind überall. Vom Kopf bis zu den Zehen. Sie stecken in den Knochen und den Muskeln, sie stecken in der Haut und im Bauch. An den Füßen fühlt es sich an, als hätte Tanner offene Geschwüre, ein Druckschmerz, der hinaufzieht von der Ferse ins Bein, als würden Nadeln stechen. Das geht hoch über die Hüfte in den Brustkorb, es ist, sagt Tanner, als hättest du einen Riemen um den Leib, der dich zusammendrückt. Die Schmerzen kriechen in die Arme, Oberarm, Unterarm, manchmal bis in die Finger. Und dann beginnt die Haut zu jucken. Es ist ein wahnwitziges Jucken. Ich halt’s nicht aus, sagt Tanner, ob ich gehe oder stehe oder liege, es ist zum Verrücktwerden.

Ulrich Tanner hat nicht nur Parkinson. Er hat viele Krankheiten. Darum ist der Brief von „Dignitas“ gekommen. Tanner will nicht verrückt werden.

Er saß damals, als er den Brief gelesen hatte, lange auf dem Sofa und schaute in die Dezembersonne. Auf dem Sideboard steht eine kleine Uhr aus hellbraunem Holz, das einzige antike Stück in diesem Wohnzimmer. Er hat sie von den Großeltern geerbt. Jede halbe Stunde schlägt sie, ein heller, aber weicher Laut. Jede halbe Stunde erinnert sie daran, dass wieder eine halbe Stunde vom Leben vergangen ist. Sie hat zwei Mal geschlagen, seitdem Tanner den Brief von „Dignitas“ geöffnet hat.

Tanner spürte jetzt, wie sich etwas veränderte in ihm. Wie sich die Schockstarre löste, ganz langsam, als würde eine Welle warmen Wassers über ihn gleiten und das Harte geschmeidig machen. Nach und nach verkroch sich die Panik, Tanner konnte nun die Mineralwasserflasche halten und das Glas einschenken, es gingen nur ein paar Tropfen daneben. Dann streckte er sich auf dem Sofa aus und schob ein Kissen unter seinen Kopf.

Aber er schlief nicht. Er war jetzt ganz und gar in einem Gefühl, das er noch nicht gekannt hatte. Noch nie. Es war ein Gefühl voller Verheißungen: dass endlich kein Schmerz mehr wäre; dass auf einmal alles, was die Tage zur Qual machte und die Nächte noch mehr, aufgelöst wäre in einem großen Schlaf. Tanner gab sich diesem Gefühl hin, und er erzählte später, dass dieses Gefühl ein Glück war. Das grüne Licht. Es leuchtete an diesem Tag für ihn.

Ulrich Tanner fand, dass er dieses Leuchten verdient hatte. Denn was ihm sein 51-jähriges Leben angetan hatte, wirklich, das war mehr, als ein einzelner Mensch ertragen konnte. Besonders das verdammte Jahr 2006.

Aber eigentlich hatte das alles schon viel früher begonnen. 1961, ein kleiner Junge war er da noch, in Zürich aufgewachsen und groß geworden, ein fünfjähriges Kind, das auf der Straße spielte. Er hat das Auto nicht gesehen. Seit diesem Unfall ist es nie mehr gut geworden mit seinem Rücken, die Bandscheiben, Schmerzen, die ihn sein Leben lang begleiteten.

Aber das war ja nur der Anfang. Ernster wurde es im Jahr 1993, Tanner war inzwischen nach Deutschland, nach Köln, gekommen, da erwischte ihn zum ersten Mal der Krebs, Prostata, 37 Jahre war er alt. Aber er hat die Krankheit besiegt, Chemotherapie, ein jahrelanger Kampf, mal schien schon alles gut zu werden, mal kehrte der Krebs zurück, erneute Chemotherapie, es dauerte bis in die späten Neunziger, bis Tanner endgültig gewonnen hatte.

Er hatte nicht lange Ruhe, Anfang 2000 der erste Hörsturz, Ende 2000 der zweite. Ein Tinnitus ist ihm bis heute davon geblieben. Nicht der Rede wert, sagt Tanner, aber hartnäckig. Dann wuchs plötzlich etwas im oberen Bauch, ein Stück unter dem Brustbein. Erst war es nur ein kleiner, fester Punkt. Aber der Punkt wurde größer, begann sich zu wölben. Ulrich Tanner hatte zum zweiten Mal ein Krebsgeschwür, aber er hatte Glück, keine Metastasen, der Tumor wurde operiert. Und dann kam das Zittern. Kaum spürbar zunächst, nur so eine merkwürdige Fahrigkeit, Tanner schob es auf die Nerven. Kein Wunder, dachte er, bei all diesen Krankheiten.

Das Zittern wurde stärker, und im Jahr 2001 konnte er nicht mehr schreiben, nicht mehr mit Messer und Gabel essen. Auch das Gehen war jetzt schwer geworden. Die Kölner Neurologen diagnostizierten Parkinson und verschrieben Tabletten. Tanner vertrug sie nicht, Allergien, Albträume, er wechselte die Medikamente, und allmählich lernte er, mit der Krankheit zu leben. Zumal sich ihr Verlauf als gnädig erwies, ihn vor ungestümen Schüben verschonte. Es blieb bei Unsicherheiten in den Bewegungen, taumeligen Schritten, steifem Rücken, zitternden Händen – er gewöhnte sich an all das.

Die Jahre vergingen, Tanner lebte schlecht und recht mit seiner Parkinson-Erkrankung, mal war das Schütteln kaum auszuhalten, mal war es wenigstens erträglich. Aber weitere Malaisen blieben immerhin aus, sieht man von einem Tumor ab, der sich plötzlich im Oberarm gebildet hatte und entfernt werden musste. Er neige nun einmal zu solchen Krebsgeschwüren, sagt Tanner. Bei manchen Menschen sei das eben so.

Dann kam das Jahr 2006. Es begann mit einem privaten Drama. Ulrich Tanner trennte sich von dem Menschen, mit dem er 15 Jahren zusammengelebt hatte. Wenn er davon erzählt, kann es geschehen, dass ihm die Tränen kommen, immer noch. Tanner ist homosexuell. Wegen der Liebe hat er damals, 1991 war das, die Schweiz verlassen, ist nach Köln gezogen, um ein neues Leben zu beginnen mit seinem Freund Gerald. Doch die Jahre zehrten das neue Leben auf, immer öfter schien es wie ein sehr altes Leben, die Aufregung des Anfangs wechselte zur Gleichförmigkeit des Gewohnten, die Zeiten des ersten Glücks zu den Zeiten des späteren Unglücks. Aus dem Miteinander war ein Nebeneinander geworden, es vergingen die Jahre, von Trennung war die Rede und von Neuanfängen und wieder von Trennung. Tanners Unzufriedenheit wuchs, und als das Jahr 2006 begann, fand er, es sei nun wieder an der Zeit, ein neues Leben zu beginnen. Also eröffnete er seinem Freund, dass die Freundschaft ein Ende habe, es war am 1. Februar. Ulrich Tanner setzte sich in sein Wohnmobil, verschwand von der Bildfläche, fast fluchtartig, fuhr nach Italien, suchte Abenteuer, auch sexuelle, alles sollte jetzt neu und anders werden, noch einmal durchstarten, 50 Jahre war er gerade geworden. Er fand, dass das kein Alter sei.

Nach Wochen kehrte er wieder, nahm eine neue Wohnung, eben jene, in der er später auf dem grauen Sofa den Brief von „Dignitas“ lesen sollte. Er stürzte sich mit dem Feuereifer des Neuanfangs in die Umbauarbeiten der Wohnung, scheute keine Kosten, alles sollte vom Feinsten sein. Tanner, den Schmerz der Trennung noch im Rücken, war sich sicher, dass die Zukunft, die vor ihm lag, eine glückliche sein würde. Und dann war da dieses Ziehen im Bauch.

Tanner achtete nicht darauf, so leicht sollte der Beginn einer glücklichen Zukunft nicht zu stören sein, und der Umbau der Wohnung musste schließlich vorangehen. Es wurde Mai und wurde Juni, und eines Morgens blieb er einfach im Bett liegen. So etwas wie Grippe, dachte er, eine Sommergrippe eben. Er blieb auch am nächsten Morgen liegen und am übernächsten. Die Grippe ließ sich nicht vertreiben, auch das Ziehen im Bauch war allmählich nicht mehr zu ignorieren. Sollte der Prostatakrebs zurückgekommen sein? Tanner war ratlos, der Hausarzt auch, die Schmerzen nahmen zu. Tanner ging ins Krankenhaus. Kein Befund, Tanner ging nach Hause. Zwei Tage später war er wieder da. Neues Rätselraten, die Blutwerte waren nicht schlecht. Vielleicht sollte man eine gründlichere Untersuchung vornehmen. Ob man mal einen Aids-Text machen könne?

Ulrich Tanner war HIV-positiv. Hat sich die Infektion auf seiner Flucht nach Italien geholt. Tanner war wie erstarrt.

Immerhin, die seltsame Sommergrippe war nun erklärt. Aber die Schmerzen im Bauch nicht. Tanner schrie, ohne Morphium ging längst nichts mehr. Das konnte die Aids-Erkrankung allein nicht sein. Tut etwas, bettelte er.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Ein Tumor im Bauchraum wurde entdeckt, ein kleiner Tumor, Tanner wurde operiert, ein zweites Mal operiert, die Schmerzen waren weg.

24 Stunden später fingen die Schmerzen wieder an, grässlicher noch als zuvor, die Tage in der Klinik vergingen unter Qualen, Blutungen setzten ein, gewaltige Blutungen, in der fünften Krankenhausnacht verlor Tanner mehr als drei Liter Blut in eineinhalb Stunden. Intensivstation, Blutkonserven, oben floss das Blut in den Körper hinein, unten floss es wieder heraus. Wie bei einem Wasserhahn, sagt Tanner, es war knapp, mehr tot als lebendig sei er gewesen. Verrückt vor Schmerzen, benebelt von Medikamenten. Wieder habe er gebettelt, schneidet mir den Bauch auf, egal, was passiert, oder gebt mir etwas, damit ich sterben kann. Tanner flehte. Nein, sagten die Ärzte, das machen wir nicht. Tanner flehte, verzweifelte, bettelte und war im Delirium der Medikamente und des Schmerzes.

Nach sechs Tagen wurde er ein drittes Mal operiert. Der Eingriff dauerte mehr als sieben Stunden, der Kreislauf brach zusammen, die Lunge wollte nicht mehr, Tanner wurde ins künstliche Koma versetzt. Die Ärzte benachrichtigten seine Freunde.

Ulrich Tanner überlebte. Als er aus dem Koma erwachte, hatte er einen Schnitt im Bauch, der vom Schambein bis weit oberhalb des Nabels reichte, einen künstlichen Darmausgang, und er hatte keine Schmerzen mehr. Die Chirurgen hatten einen Tumor von der Größe eines Tennisballs entfernt, der sich schon an der Blase, der Prostata, der Wirbelsäule und am Darm festgesetzt hatte. Warum, fragte sich Tanner, hat man die Geschwulst nicht früher entdeckt? Tanner, mit seinen 1,83 Metern Größe, wog noch 56 Kilo.

Die Krankengeschichte des Ulrich Tanner ist eine unendliche Geschichte. Denn sie hatte an dieser Stelle zwar ihren Höhepunkt, aber noch keineswegs ihren Schlusspunkt erreicht. Zunächst schien alles einen günstigen Verlauf zu nehmen. Die Wunden heilten, der Körper erholte sich, und das Leben schien plötzlich wieder so etwas Ähnliches wie ein Leben zu sein. Es war der Moment, in dem sich in Tanner eine unerwartete Hoffnung breitmachte, ein kleiner, allerkleinster Optimismus. Aber was ihn da befeuerte, war ein Feuer aus Stroh, und es erlosch, kaum dass es entzündet war. Bald spielte die Parkinson-Krankheit verrückt, nach wie vor reagierte Tanners Körper auf Medikamente mit Allergien und Abwehr. Wesentlich stärker war das noch bei den HIV-Kombinationsmedikamenten der Fall. Gegen eine der drei Gruppen, die in der Regel verabreicht werden, zeigte sich Tanner resistent. Die Präparate der zweiten erwiesen sich als unverträglich. Was er auch versuchte, meist schon nach drei Tagen traten allergische Reaktionen auf: Beulen, Ausschläge, Juckreiz, Übelkeit, Durchfall. So kam es, dass Tanner der HIV-Infektion wehrlos ausgeliefert war.

Ob er bei dieser Anhäufung von Krankheiten denn niemals Wut bekommen habe? Auf seinen Körper? Auf das Schicksal? Auf irgendeine höhere Macht?

„Nein“, sagt Tanner, „niemals. Bei so etwas bekomme ich keine Wut.“

Bei was denn dann?

„Bei Ungerechtigkeiten. Wenn Leute benachteiligt werden. Das vertrage ich nicht. Da werde ich zornig.“

Aber was Ihnen widerfahren ist, Parkinson, Aids, Krebs, all diese Lebenskatastrophen, das ist doch die allergrößte Ungerechtigkeit, Tanner.

„Was nützt mein Zorn? Und wem sollte er nützen? Der Zorn ändert nichts. Pech ist Pech. Man muss die Tatsachen akzeptieren. Und wenn man sie akzeptiert, dann leidet man nicht so darunter. Man macht es sich leichter damit. Es hilft nichts, sich zu empören. Es hilft nichts zu verzweifeln. Es hilft nichts zu hadern, mir hilft nur eins: dass es bald vorbei ist.“

Es wurde Spätsommer 2007, September, als Ulrich Tanner die Entscheidung traf. Es war keine plötzliche Entscheidung, es war die Summe vieler kleiner Überlegungen, die er ein ganzes Jahr lang immer wieder angestellt, gedreht und gewendet hatte. Er hatte sich Zeit gelassen, denn es war schließlich eine große Entscheidung, die größte vielleicht, die es gibt. Und Tanner ist keiner, der so etwas überstürzt angeht, aus dem Affekt heraus. Ulrich Tanner ist penibel, mit allem, mit sich selbst erst recht. Darum hat er sich zuerst überreden lassen, es noch einmal mit neuen Medikamenten zu versuchen, wieder und wieder, nichts Voreiliges, nichts, was er nachher bereut. Aber im September war es so weit. Der Entschluss hatte seine Zeit bekommen, er durfte wachsen, so langsam, wie er wollte und sollte, aber jetzt war er reif. Aber auch als die Entscheidung gefallen war, ließ sich Tanner noch zwei Wochen Zeit. Als Sicherheitsabstand gewissermaßen. Dann schrieb er einen Brief.

Köln, 12. Oktober 2007.

Gesuch um Freitodbegleitung.

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit ersuche ich Sie, DIGNITAS – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben, um die Hilfe einer Freitodbegleitung.

Und dann schilderte Tanner im Brief die lange Geschichte seiner Krankheiten, er dramatisierte sie nicht, er berichtete ruhig und zurückhaltend, sachlich, wie er es immer tut. Dann erzählte er seine Lebensgeschichte, es sind zwei eng beschriebene DIN-A-4-Seiten, und er endete mit einer Bitte: „Ich habe nur noch den Wunsch, würdig gehen zu können. Einen Suizid in Eigenregie will ich nicht machen. Nun hoffe ich natürlich auf Ihr Verständnis und eine positive Entscheidung von Ihnen.“

Dann schickte Tanner den Brief ab. Und wartete.

Bis zum 4. Dezember.

(...) Dann rief Tanner bei „Dignitas“ an. Und hatte klare Vorstellungen. Ganz still und leise wolle er die Sache hinter sich bringen, sagte er der freundlichen Frau am Telefon, bei keinem vorher nur das Geringste durchblicken lassen. Einfach weg sein, verschwunden für immer. Damit sich seine Freunde und Bekannten in Köln keine Sorgen machten. Er wisse, wie belastend das für andere sei, niemanden wolle er deshalb mit hineinziehen. Seine Freunde hätten es ohnehin nicht leicht gehabt mit ihm in den vergangenen Monaten. Hätten sich rührend um ihn gekümmert, und er habe es ihnen gewiss nicht immer leicht gemacht. Gerade deshalb werde er jetzt ganz heimlich nach Zürich reisen.

Ein Termin Anfang oder Mitte Februar sei wohl am günstigsten. Ob es da eine Möglichkeit gebe?

Ganz bestimmt, antwortete die freundliche Stimme, da komme zum Beispiel der 19. Februar in Frage, ein Dienstag, den könne man jetzt schon vormerken. Tags zuvor sei dann der obligatorische Arztbesuch zu absolvieren, sie wolle sich gleich erkundigen, ob einer der Ärzte, die mit ihnen zusammenarbeiteten, einen Termin frei habe. Das sei in aller Regel kein Problem. Sie habe aber ein anderes.

Was denn, um Himmels willen?

Tanner erschrak. Wollte „Dignitas“ einen Rückzieher machen, das eben erteilte „grüne Licht“ auslöschen, fehlte etwas in den Unterlagen, die er eingereicht hatte, oder war er etwa nicht krank genug? Parkinson, Aids, Krebs – war das zu wenig für „Dignitas“?

Das Problem, sagte die Frau am Telefon, ist die Heimlichkeit. Denn die verstoße gegen ein Prinzip von „Dignitas“. Dieses Prinzip bedeute nämlich, dass man das Sterben zurückholen wolle in die Gemeinschaft der Familie, der Freunde, der Bekannten. Die Menschen erlebten ihre letzten Stunden heute kaum je mehr zu Hause, sondern meist mehr oder weniger einsam in den Sterbezimmern der Krankenhäuser, in Alten- und Pflegeheimen. „Dignitas“ schätze es deshalb sehr, wenn die Menschen mit Begleitung zu ihnen kämen. Damit es ein letztes Abschiednehmen gebe. Mittlerweile brächten neun von zehn Mitgliedern Angehörige zum Sterben mit.

Die Frau am Telefon war noch nicht fertig. Auch von denen, die nicht mit in die Schweiz reisen könnten, solle sich Tanner verabschieden. Er möge sich den Schock vorstellen, den die Freunde erlitten, wenn sie unvorbereitet urplötzlich von seinem Tod erführen. Das könne er doch nicht zulassen, das könne nicht in seinem Sinn sein. Er möge noch einmal darüber nachdenken. Im Übrigen, sagte die Frau, sei sie jederzeit für ihn erreichbar.

Es blieb nicht das einzige Telefongespräch, das Tanner mit der Frau von „Dignitas“ führte, immer wieder telefonierten sie in den folgenden Tagen miteinander, und Tanner änderte nach und nach seine Meinung. „Sie hat mich bekehrt“, sagt er, „wirklich, es wäre grauenhaft für die Freunde gewesen, wenn ich mich aus dem Leben – und von ihnen – fortgestohlen hätte.“ Dass er das vorher gar nicht gesehen hatte! Und Tanner verstand bald auch, dass das mit der Heimlichkeit keineswegs eine Freundlichkeit den Freunden gegenüber gewesen war, sondern bloße Feigheit, Selbstschutz. Damit er sich nicht auseinandersetzen musste über seinen Entschluss, mit den Freunden und auch nicht mit der Frage: Was tue ich denen an? Wie verkraften die das?

Tanner freute sich über seine Bekehrung. Obwohl er nun vor der bangen Frage stand, wie er seinen Entschluss den Freunden beibringen sollte, fühlte er eine Art von Befreiung. Von nun an war es nichts Geheimes mehr, was er plante, und hatte damit auch den Ruch des Ungehörigen, des Zwielichtigen, Sündhaften, ja Kriminellen verloren. Ohnehin merkte er, dass sich sein Zustand insgesamt verbessert hatte, seitdem der Brief mit dem „grünen Licht“ angekommen war. Er spürte das besonders in den Nächten, die zuvor kein Ende nehmen wollten, die ihn schlaflos im Bett verzweifeln ließen, die Schmerzen quälten ihn stärker als am Tag, die ängstlichen Gedanken kreiselten durch seinen Kopf, kein Entkommen hatten diese Nächte, nirgendwo fand Tanner einen Ausgang. Nicht einmal Rohypnol half, das schwere Schlafmittel, das auf seinem Nachtkästchen stand. Zwei Stunden, allerhöchstens, betäubte ihn die Tablette, kaum jemals mehr, dann war es schon wieder vorbei mit dem Schlaf, die Schmerzen kehrten wieder und die schweren Gedanken auch.

Seit dem Brief vom 4. Dezember war das anders geworden. Nicht dass die Nächte jetzt gute Nächte geworden wären und der Schlaf ein guter Schlaf, aber immerhin, es gelang ihm nun einzuschlafen, und für einige wenige Stunden blieb ihm der Schlaf auch treu. Irgendetwas hatte ihn ruhiger gemacht, gelassener.

Wie Tanner geht es offenbar vielen. Das Bewusstsein, mit dem „grünen Licht“ von „Dignitas“ einen Notausgang geöffnet zu haben, die Möglichkeit, das Leben zu beenden, sollten die Schmerzen unerträglich werden, führt oftmals zu einer psychischen Entlastung und einer Verbesserung des Krankheitszustands. Eine Studie einer Münchner Fachhochschule vom August 2005 kommt zu dem Ergebnis, dass 70,7 Prozent aller Personen, die das „grüne Licht“ erhalten haben, sich nie wieder bei „Dignitas“ melden. Nur in 13,3 Prozent der untersuchten Fälle wurde das Rezept für das tödliche Natrium-Pentobarbital ausgestellt.

(...) Noch sechzig Tage. Das habe er gerade ausgerechnet, sagt Tanner. Noch genau sechzig Tage bis zum 19. Februar.

Er tut sich heute schwerer mit dem Gehen als bisher, er kommt nur unsicher voran, die Hände zittern stark. Er hat Schmerzen, man kann es an seinem Gesicht sehen. Die Schmerzen haben sich eingegraben in seine Mundwinkel. Es sind jetzt besonders die Schmerzen im Bauch. Es fängt schon wieder so an wie im Sommer 2006, damals vor den schrecklichen drei Operationen. Die Uhr auf dem Sideboard schlägt. Sie schlägt ihren Dreißig-Minuten-Rhythmus.

Sechzig Tage sind 86 400 Minuten. Nachdem die Uhr geschlagen hat, sind es noch 86 370 Minuten.

Tanner sitzt sehr aufrecht an seinem Wohnzimmertisch, kerzengerade, man sieht, wie ihn die Haltung anstrengt. Aber es ist für ihn die einzig mögliche. Er reißt sich zusammen, konzentriert sich auf das Gespräch, kontrolliert sich. Anders kann er es nicht, hat es nie gelernt.

Tanner öffnet die Tür, die von der Fensterfront des Wohnzimmers hinaus auf den großen Balkon führt. Er zeigt hinunter auf die Straße vor dem Haus. Ein bulliger, schwarzer Range Rover ist da geparkt. Vor ein paar Monaten erst hat er ihn sich gekauft. Nur so zum Spaß, zum Spaß für die letzte Zeit. Tanner mag Autos. Früher hatte er schon einmal einen Range Rover, damals war er blau.

Ohne Auto ginge es gar nicht. Tanner braucht es zum Einkaufen. Zehn Minuten zu Fuß sind es bis zum nächsten Supermarkt. „Schaffe ich nicht mehr“, sagt er. Also nimmt er das Auto. Aber was muss er schon einkaufen? Die paar Joghurts, die er isst. Vielleicht mal ein Stück Kuchen, Mineralwasser. Er kauft die Flaschen einzeln. Einen Kasten könnte er nicht tragen. Mehr braucht er nicht. Außer hie und da einen Schluck Sekt. „Haben Sie Lust?“, fragt Tanner, er öffnet den Kühlschrank, nimmt die Flasche, bringt zwei Sektgläser. Beim Einschenken lässt er sich helfen. Das Zittern ist unvermindert stark. „Zum Wohl“, sagt er, „auf ein langes Leben.“ Und er lacht dabei ein dünnes, schräges Lachen, bei dem man nicht weiß, ob es seinem makaberen Scherz gilt oder ob er sich ein bisschen lustig macht über seinen Besucher, den solche Späße schaudern machen. Die Uhr schlägt.

(...) Draußen ist es dunkel geworden. Im Wohnzimmer auch. Tanner hat nur eine kleine Lampe angemacht. „Es stört Sie doch nicht, wenn es dunkel ist.“ Sein Gesicht zeigt jetzt Spuren von Erschöpfung. Er hat lange geredet, es hat ihn mitgenommen. In drei Tagen ist Weihnachten.

Noch 52 Tage.

Tanner ist erstaunlich gefasst. Und scheint mit sich heute im Reinen zu sein. Er wirkt entspannt, beinahe zufrieden. Vielleicht liegt das daran, dass diese Träume aufgehört haben, die Träume, die ihm keine Ruhe ließen, die unablässig um diesen 19. Februar kreisten: War es die richtige Entscheidung? War sie nicht voreilig? Ist es nicht viel zu früh? Die Träume sind verschwunden, und Tanner ist sich seiner Sache sicher.

Sicherer denn je. Die Schmerzen im Bauch haben noch einmal zugenommen.

Vielleicht ist Tanners Gelassenheit auch damit zu erklären, dass er gerade etwas hinter sich gebracht hat, das ihn lange Zeit beunruhigt hatte. Die Weihnachtstage.

Wie verbringt man sein letztes Weihnachtsfest?

„Allein“, sagt Tanner, „ich wollte unbedingt allein sein.“

(...) Und Tanner fragte sich an diesem einsamen Weihnachtsabend, ob nicht doch etwas dran sein könnte an der Vorstellung von einem Leben nach dem Tod, ob es etwa möglich wäre, dass er Vater und Mutter nach jenem 19. Februar wiedersehen würde. Es war nicht das erste Mal, dass dieser Gedanke in ihm auftauchte, aber zumeist hatte er ihn schnell und kräftig verscheucht und meist sogar verlacht. Er war nie ein religiöser Mensch gewesen. Aber mittlerweile kehrte die diffuse Vorstellung immer wieder, es könne etwas geben nach dem Sterben. Tanner fand die Vorstellung verführerisch, und an diesem Abend vertrieb er sie nicht, sondern gewährte ihr Zugang, und es war wiederum ein wohliges Gefühl. Der Tod schien ihm jetzt wie eine doppelte Verheißung: die Befreiung von den Schmerzen und die Rückkehr zu den Eltern.

(...) Der Weg ist steil am Anfang. Später wird er flacher, führt in sanften Kehren einen Hang hinauf, manchmal sind dazwischen ein paar Treppenstufen. Tanner versucht, zügig zu gehen. Er muss trotzdem immer wieder stehen bleiben, den unsicheren Beinen einen sicheren Halt suchen. So weit ist er schon lange nicht mehr gegangen. Aber dann rafft er sich wieder auf, setzt seine Schritte zielstrebig. Der Weg muss sein.

Weil sich Tanner in den Kopf gesetzt hat, dass für seinen Tod alles vorbereitet sein muss. Alles. Deshalb ist er jetzt auf dem Friedhof.

Es ist ein besonderer Friedhof, ein wenig außerhalb der Stadt, ein privater Friedhof. Hier soll es anders zugehen als bei gewöhnlichen Beerdigungen, würdiger, persönlicher, keine Massenabfertigung, keine in Reih’ und Glied ausgerichteten Norm-Gräber, keine Friedhofsordnung mit Verbotsschildern, keine genau begrenzten Öffnungszeiten, keine Automaten für Grablichter. Das könnte der richtige Ort sein, dachte Tanner.

Er hat sich überhaupt ein paar Gedanken gemacht über diesen Ort. Am Anfang wollte er nämlich überhaupt keinen haben. Vielleicht sollte er es so machen wie seine Eltern, die vor ihrem Tod verfügt hatten, dass sie anonym bestattet werden wollten. Oder die Asche ins Meer streuen, Ulrich Tanner, spurlos verschwunden.

Es war jene Frau von „Dignitas“, mit der er so oft telefoniert hatte, die ihn auf andere Gedanken brachte. Sie hatte ihm ja schon davon abgeraten, sich still und leise aus dem Staub zu machen, einfach nach Zürich zum Sterben zu fahren, ohne irgendjemanden zu benachrichtigen. Sein Tod, hatte sie gesagt, gehe nicht nur ihn allein etwas an, schließlich habe er doch sein Leben mit vielen geteilt, und der Tod gehöre auch zum Leben. Als Tanner das begriffen hatte, änderte er auch seine Meinung über die Bestattung. Nun wollte er einen Ort schaffen für seine Freunde, an dem sie sich seiner erinnern konnten.

Darum ist Tanner jetzt an diesem nasskalten Januartag hier und sucht seinen Grabplatz aus.

(...) Nach einer Weile bleibt Tanner stehen. Er deutet auf eine Stelle, da vorne bei den Fichten, da auf der Anhöhe, ein guter Platz, etwas abgeschieden, aber nicht zu weit entfernt vom Gehweg. Hier könne er sich sein Grab gut vorstellen. Ein besonderer Platz, etwas erhöht, ein wenig exponiert sogar, nicht zu dunkel, aber durchaus geborgen. Der werde seinen Freunden bestimmt gefallen. Und auf die komme es ja an, für ihn selbst sei es natürlich vollkommen gleichgültig, wo seine Asche ihre letzte Stätte finde. Er wolle gleich morgen mit der Friedhofsverwaltung sprechen und alles festmachen. Das Einzige, was an diesem Platz noch fehle, sei eben eine Eibe, der Lieblingsbaum. Vielleicht könne man ja eine pflanzen an der Grabstelle, er wisse natürlich nicht, ob das hier überhaupt erlaubt sei.

Nicht wenig makaber, was Sie da reden, Tanner, Sie sind auf dem Friedhof und suchen einen Platz für Ihr Grab. Wie halten Sie das aus? Was geht Ihnen durch den Kopf? Das kann kein Mensch ertragen. Warum brechen Sie nicht zusammen?

„Wer so oft zusammengebrochen ist, der bricht nicht mehr zusammen“, antwortet er.

(...) Noch vierzehn Tage bis zum 19. Februar.

Der schwarze Range Rover steht nicht mehr vor dem Haus. Tanner hat ihn verkauft. Jetzt fährt er einen silbernen Opel. Es ist ein Leihwagen. Für die letzten vierzehn Tage. Tanner hat angefangen, die allerletzten Dinge zu regeln.

„In vierzehn Tagen bin ich tot.“ Er schaut auf die Uhr, die auf dem Sideboard steht.

(...) Noch zehn Tage.

„Er ist wieder da“, sagt Tanner, „ich spüre es ganz genau.“ Er meint den Darmkrebs. Der gleiche Schmerz wie vor eineinhalb Jahren. Gerade war er auf der Toilette. Blut, viel Blut. Tanner hat Angst. Nur noch zehn Tage – aber wird er es bis dahin schaffen? Er hat wieder dieses Schmerzgesicht, diesen Schmerzmund. Dabei kann er einiges vertragen, was Schmerzen angeht. Aber heute fällt es ihm schwer. „Verdammt nochmal“, sagt er, und er wird das in den nächsten Stunden immer wieder sagen, „alle haben mir eingeredet, ich solle noch warten, ich würde die Reise in die Schweiz viel zu früh machen – und jetzt bin ich vielleicht zu spät dran.“

Tanner ist ungeduldig, „dabei habe ich sonst eine Eselsgeduld“. Aber die Zeit vergeht einfach nicht. Oft liegt er auf seiner Couch im Wohnzimmer und wartet darauf, dass die Uhr ihre halben Stunden schlägt. Er wartet und wartet. Die Zeit steht still. Er versucht dann zu lesen, einen der Brunetti-Krimis von Donna Leon hat er gerade angefangen. Früher hat er diese Romane verschlungen, jetzt ist er schon nach zwei Seiten zu müde dazu. Er liest und versteht nicht, was er liest. Er kann sich nicht mehr konzentrieren. Manchmal nickt er kurz ein, aber meistens liegt er wach. „Ich vegetiere nur noch dahin.“ Die zehn Tage sind ihm viel zu lang.

Die zehn Tage sind aber auch viel zu kurz. Unheimlich kurz geradezu. Denn manchmal sitzt Tanner da und denkt, es ist vorbei, gleich ist es vorbei, verdammt nochmal, dieses ganze, ganze Leben ist in zehn Tagen vorbei. Dann fließen ihm Tränen aus den Augen, er sieht sich in seiner Wohnung um, und dann kommen die Tränen wie Sturzbäche. Er hat sich immer so gefreut an seiner Wohnung, konnte stundenlang dasitzen und die Bilder ansehen, die Möbel, die Dekorationsfrüchte, die Lilien, und er hat die Beruhigung gespürt, die ihm dieser Raum schenkte. Und jetzt soll es damit zu Ende sein, in zehn Tagen, einfach zu Ende?

Neulich hat er einen Traum gehabt. Er war schon in Zürich in diesem Traum, es war der Abend vor seinem geplanten Tod. Um 19 Uhr sollte er bei dem Arzt sein, der ihm das Natrium-Pentobarbital verschreiben würde. Aber Tanner fand diesen Arzt nicht, er irrte durch die Straßen von Zürich, verlief sich in der Stadt, in der er doch aufgewachsen war, verlor die Orientierung. Alles schien ihm so fremd, als hätte er es noch nie gesehen. Und er geriet in den Sog einer schrecklichen Panik: Der Arzt wartet, er kann ihn doch nicht warten lassen. Was, um Himmels willen, würde passieren, wenn er den Weg nicht fände? Sein ganzer Plan, der Tanner-Plan, den er nun seit eineinhalb Jahren verfolgte, wäre zunichte. Durch eine Kleinigkeit bloß, durch eine Dummheit. Alles hatte er richtig gemacht, Monat für Monat, Tag für Tag, und jetzt diese plötzliche Verwirrung. Ein Albtraum. Tanner wachte entsetzt auf.

Er hat eine Erklärung dafür. Der Traum bedeute, dass er immer noch Angst davor habe, das mit dem 19. Februar könne nicht klappen, dass etwas Unvorhersehbares dazwischen komme, dass er die Schmerzen nicht mehr aushalte und ins Krankenhaus müsse. Oder dass – er habe von dieser Angst noch zu niemandem etwas gesagt – dass dieses besagte Natrium-Pentobarbital bei ihm womöglich gar nicht wirken würde. Er vertrage doch so viele Medikamente nicht, sei bekanntlich gegen manche sogar resistent. Nicht auszudenken, wenn der Todestrunk bei ihm nicht zum Tode führe. Natürlich sei diese Angst höchstwahrscheinlich unbegründet. „Ich bin unruhig, ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Dabei habe ich eigentlich gedacht, in diesen letzten Tagen werde eine große Ruhe einkehren, eine große Klarheit. Weil jetzt eben alles geregelt ist, es gibt keine Überraschungen mehr, der Weg ist vorgezeichnet. Und jetzt diese Unruhe. Ich verstehe das nicht.“

Tanner macht oft Pausen beim Reden, die Stimme ist nicht nur müde, sie hat einen klagenden, kläglichen Ton, und seine Augen schauen krank und matt aus dem Gesicht. Es ist ein Stück Verzweiflung in ihm, kein kleines Stück. Es ist ihm alles zu viel jetzt, man merkt es an den Sprechpausen. Sie werden immer länger, draußen ist es wieder dunkel geworden. Manchmal redet Tanner so leise, dass er kaum zu verstehen ist, ein Flüstern eher. „Eigentlich kann ich nicht mehr. Ich kann schon lange nicht mehr, längst nicht mehr. Ich habe nur immer versucht, das vor Ihnen zu verbergen.“

Tanner starrt in die Dunkelheit.

Er hat aufgehört zu sprechen. Fünf Minuten, zehn Minuten, er sagt kein Wort mehr.

Tanner, wir können Schluss machen für heute. War lange genug.

„Ja“, sagt er, „Schluss machen, das wäre gut.“

Nur eins wolle er noch sagen. Ein zweites Mal würde er es nicht mehr so machen. Er habe mit seiner ursprünglichen Idee wohl doch nicht falsch gelegen: einfach weggehen, niemandem etwas davon sagen. Das habe er jetzt davon, dass er dem Rat von „Dignitas“ gefolgt sei: Andauernd riefen die Leute an, kämen vorbei, wollten wissen, wie es ihm gehe, ob er etwas benötige, ob sie helfen könnten. Andauernd müsse er sich mit ihnen und ihren Fragen auseinandersetzen. Das gehe über seine Kräfte, eigentlich schon lange. Aber jetzt sei es endgültig zu viel. Er wolle nicht mehr, er wolle niemanden mehr sehen.

(...) In drei Tagen, am Sonntag um elf Uhr beginnt die Reise nach Zürich. Gerald wird ihn begleiten, wie geplant, und Max auch. Damit Gerald nicht allein zurückfahren muss. „Sie können mitfahren, wenn Sie wollen“, sagt Tanner.

(...) Es ist 11.10 Uhr, Sonntag der 17. Februar 2008, als Ulrich Tanners letzte Reise beginnt, die Reise nach Zürich. Er hat auf dem Beifahrersitz Platz genommen, Gerald sitzt am Steuer, auf der Rückbank sind Max und der Besucher. Gerald nimmt die linksrheinische Autobahn.

Tanner erzählt vom Abend davor, dem letzten Abend mit seinen Freunden. Es habe ein dreigängiges Menü gegeben: Fetakäse im Blätterteig mit Pinienkernen, dann Rinderfiletstreifen in Sahnesoße und zum Schluss heiße Himbeeren mit Eis. Köstlich, wirklich. Dennoch sei der Abend merkwürdig gewesen, nein, kein guter Abend, wie auch? Alle hätten geweint, und er habe eigentlich die ganze Zeit neben sich gestanden, wie ein Beobachter seiner selbst, wie eine zweite Person. So sei es oft gewesen in den vergangenen Wochen, er habe ja schon davon erzählt, aber diesmal sei dieses Gefühl so intensiv gewesen wie noch nie. Das müsse wohl so sein, diese Abspaltung. Anders sei eine solche Situation ja gar nicht auszuhalten. Tanner hat den stillen Beobachter gespielt an diesem Abend, obwohl er eigentlich im Mittelpunkt stand. Er ist auch nicht allzu lange geblieben. Und die Nacht hat er gut geschlafen. Erstaunlich gut.

„Geht es noch mit dem Sitzen“, fragt Gerald seinen Freund, „soll ich anhalten, willst du dir die Beine vertreten?“ Tanner will es nicht, er will vorankommen. „Aber wir haben Zeit“, sagt Gerald.

Tanner scheint keine zu haben. Er fährt zu dem Ort, an dem er sterben wird, und es kann ihm offenbar gar nicht schnell genug gehen. Kein Zaudern, kein Hinauszögern des Endgültigen. Will er alles so schnell wie möglich hinter sich bringen? Hat dieses Sterben inzwischen etwas Magnetisches bekommen, eine Anziehungskraft, der sich einer nicht mehr entziehen kann, der monatelang darauf hin gelebt hat? Keiner kann es sich vorstellen, der sich nicht in dieser Lage befindet. Tanner hat freimütig Auskunft gegeben über seine Gefühle, seine Ängste, seine Hoffnungen, all die letzten Monate, er hat sich nicht versteckt, hat sein Herz geöffnet. Aber seine allertiefsten Gründe hat er nicht offenbart, warum es ihn so mächtig, so eilig in den Tod treibt. Vielleicht kennt er sie selbst gar nicht genau.

(...) Kurz vor 18 Uhr ist die Schweizer Grenze erreicht, Basel. Gerald hat jetzt auch das Autoradio abgestellt, nichts dringt mehr in die Stille. Es beginnt dunkel zu werden, der Verkehr nimmt zu, Zürich ist in der Nähe. In der Stadt kennt sich Tanner aus, er gibt Anweisungen, rechts liegt der Bahnhof, jetzt gerade noch zweimal links um die Ecke, das Hotel ist erreicht.

Montagnachmittag, Zürich, Hotelzimmer. Tanner sitzt auf dem Bett, er hat den blauen Pullover angezogen. Er will ihn auch morgen tragen beim Sterben. Blau, seine Farbe. Blau wie die Nüchternheit, mit der er in den Tod geht.

Er ist heute wie verwandelt. Alle Unruhe ist von ihm abgefallen, er wirkt ernst, aber gelöst. Er steht nicht mehr neben sich selbst, die beiden Personen, von denen er immer sprach in den vergangenen Wochen und noch gestern auf der Reise, haben sich zu einer zusammengefügt. Es sei sogar so etwas wie Heiterkeit in ihm, sagt er.

(...) Tanner steht auf von seinem Hotelbett. Es ist Zeit, er muss jetzt zu seinem Arzttermin. Morgen am Nachmittag werde Gerald gewiss anrufen und erzählen, wie alles gewesen sei. Der Besucher habe ja deutlich gesagt, dass er beim Sterben nicht dabei sein wolle. Weil das Sterben nichts Öffentliches sein dürfe.

Tanner breitet seine Arme aus.

Adieu, Tanner.

Am 15. März 2008, einem Samstag, wurde Tanners Urne beigesetzt. Ein warmer Frühlingstag, dreißig Freunde waren auf den Friedhof bei Köln gekommen. Auf der Anhöhe, die Tanner als seinen Grabplatz ausgesucht hatte, stand unter Fichten eine Skulptur aus weißem Sandstein. In den Sockel war eingraviert: Ulrich Tanner, 1956–2008. Rechts und links der Skulptur waren zwei kleine Eiben gepflanzt.



Dieser Text ist ein stark gekürzter Auszug aus Wolfgang Prosingers Buch: Tanner geht. Sterbehilfe – ein Mann plant seinen Tod, Fischer Verlag, 176 Seiten, 16,90 Euro, das am Dienstag erscheint.

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