Zeitung Heute : Nachrichten

-

Geplant

Weltherrschaft in Stein

Gebaut

Der große Bahnhof

7

Rund 50 000 Häuser sollten der Triumphstraße des Nazireiches weichen, die Hitlers Architekt Albert Speer plante. Eine sieben Kilometer lange Schneise wollte er in Nord-Süd-Richtung durch Berlin schlagen, vom Lehrter Bahnhof bis zu einem großen Südbahnhof im Bereich des heutigen S-Bahnhofs Papestraße. Als nördlichen Abschluss und Blickfang plante Speer das größte Bauwerk der Welt: 315 Meter im Quadrat groß, mit einer Kuppel von 290 Metern Höhe. Ein Naziadler mit einer Weltkugel in den Krallen hätte sie gekrönt. Zum Vergleich: Das Café im Fernsehturm-Restaurant befindet sich 200 Meter über Straßenniveau. Auf dem Foto rechts erkennt man vor dem Hallenbau in der Mitte die Spitze der historischen Reichstagskuppel, die als Wahrzeichen ebenso an Bedeutung verloren hätte wie das Brandenburger Tor (im Vordergrund).

Seit 1938 liefen die Vorbereitungen für den Bau. Man begann mit dem Abriss des alten Alsenviertels im Spreebogen, dort ansässige Botschaften mussten ins Tiergartenviertel umziehen, und die Siegessäule wurde vom Reichstag an den Großen Stern umgesetzt. 1950 sollte alles fertig sein, Berlin dann in „Germania“ umgetauft werden, ein Schicksal, das der Stadt erspart blieb.

Die Länge der inzwischen fertig gestellten oberirdischen Bahnhofsglasdächer des einstigen Lehrter- und künftigen Zentralbahnhofs entspricht ungefähr dem geplanten Durchmesser der Speer’schen Kuppelhalle. Gemessen daran nimmt sich der gläserne Riesenbahnhof am Spreebogen zierlich aus. Größe ist eben ein relativer Begriff. Und dass in Berlin nur wenig von dem gebaut wird, was geplant ist, hat auch sein Gutes. Da bleibt immer noch Platz für die Fantasien kommender Generationen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben