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Armut lässt sich nicht in Zahlen messen. Denn manchmal ist es nicht das Geld, das fehlt. Drei Frauen zwischen Angst und Hoffnung.

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Von Constanze von Bullion Hier also wohnt sie, die neue Armut. Zwischen sonnengelb gestrichenen Wänden und safranfarbenen Seidenblumen, in einem Wohnzimmer mit sorgsam ausgewählten Holzmöbeln und in einer blitzblank polierten Einbauküche. Ulrike Grunwald liebt Ordnung. Und sie mag die Farbe Orange. Weshalb sie neben allerlei apfelsinenfarbenem Nippes einen winzigen Goldfisch einquartiert hat in ihrem Kosmos, der sonnig wirken könnte und wohl sortiert. Wären da nicht diese Gedanken, die ihr die Stirn in Falten legen und sie umtreiben, Tag und Nacht.

Ulrike Grunwald ist 45 Jahre alt und arbeitslose Juristin, sie heißt in Wirklichkeit anders und lebt in einer ZweiZimmer-Wohnung in Prenzlauer Berg. Die teilt sie mit ihrem Sohn, dem Fisch und der leisen Panik, dass diese kleine Welt bald untergehen könnte. Bis Dezember hat sie 1024 Euro Arbeitslosenhilfe bezogen, davon blieben ihr rund 700 Euro zum Leben, das reichte. Jetzt hat sie nach Abzug aller Fixkosten 408 Euro. Theoretisch, denn tatsächlich hat Ulrike Grunwald längst angefangen, schwarz zu arbeiten.

Arm zu sein in Deutschland, das erfordert Ausdauer und ein dickes Fell, will man nicht irre werden von all den Wirtschaftsprognosen, die nur in eine Richtung zu weisen scheinen. 39 Prozent der Arbeitslosen sind von Armut bedroht, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung neulich herausgefunden. 1993 waren es zehn Prozent weniger. Fast jede vierte Einwandererfamilie gilt als arm, hat also weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung. Immer mehr Frauen leben von der Stütze, und wenn sie Mütter sind und allein, steht die Chance abzurutschen fast 50 zu 50.

Armut in einer reichen Industrienation, das ist aber nicht nur ein Phänomen, das sich in Zahlen und Statistiken messen lässt. Zwischen der bezifferbaren Armut und der gefühlten Armut können Welten liegen, zwischen realem Verzicht und der Angst davor ein halbes Leben. Und manchmal ist es nicht das Geld, das fehlt, sondern die Sicherheit, mit all der Unsicherheit umzugehen.

Da ist zum Beispiel Ulrike Grunwald, die fürchtet, mit ihrem Auto sich selbst zu verlieren.

Da ist Jennifer Klose, die von ein paar hundert Euro lebt und damit zufriedener ist denn je.

Oder Sebiha Sadic, der es nicht nur an Geld fehlt, sondern manchmal auch an Hilfe, um aus dem Wenigen etwas mehr zu machen.

Es ist ein kalter Frühlingstag und Berlin wacht langsam auf aus seiner Winterstarre. In Prenzlauer Berg sitzen die ersten Leute in den Straßencafés, doch Ulrike Grunwald scheint das alles nicht wahrzunehmen. Minutenlang sitzt sie jetzt schon an ihrem Küchentisch, die Augen fest geschlossen, die Stimme seltsam weit weg, eine Hand knetet die Stirn. „Das frisst mich auf“, sagt sie.

Ulrike Grunwald ist eine energische Frau, die gern erzählt und viel nachgedacht hat über ihr Leben, das sie immer kräftig durchgeschüttelt hat. Das war schon früher so, in der DDR, wo sie Psychologie studiert hat und von der Uni flog, „aus Leistungsgründen“, wie sie sagt. Sie hat Strafgefangene betreut und zwei Kinder großgezogen, Jura studiert, war einmal verheiratet. Die Wende, persönliche Krisen und die ABM-Jobs hat sie überstanden. Jetzt droht sie zusammenzuklappen.

„Die sparen sich den Steuerberater, die Bürokraft und den Monteur“, sagt sie, „die brauchen mich dringend, aber sie stellen mich nicht ein.“ Die, das sind die Leiter einer Tanzschule, in der Ulrike Grunwald das Büro schmeißt. Sie macht das für acht Euro die Stunde, ohne Steuerkarte. Manchmal träumt sie davon, da mal auf den Tisch zu hauen. Sie tut es nicht, „weil mein emotionales Kostüm das nicht zulässt“. Also verdingt sie sich zusätzlich bei einer Baufirma, auch schwarz, nachts macht sie Freunden die Steuererklärung. Früher hat sie das für eine Flasche Wein getan, jetzt nimmt sie lieber ein paar Euro. Sie braucht das bisschen Geld.

Ulrike Grunwald muss ihr Auto verkaufen, denn seit Hartz IV in Kraft ist, reicht es nicht mehr für den Sprit. Die Versicherung, den ADAC und den DSL-Anschluss für den Computer hat sie gekündigt. Sie ist aus dem Mieterverein raus und die Schuhe müssen eben halten. Mit dem Auto, sagt sie, geht die Freiheit und irgendwie auch ihr Selbstwertgefühl. Sie kann jetzt nicht mehr spontan raus aufs Land. Früher hat sie oft zum Picknick geladen oder zu großzügigen Abendessen. Jetzt wartet sie nicht mehr auf Einladungen. „Die Zahl der Freunde hat sich rapide verringert“, sagt sie.

Statt Gesellschaft hat sie Ängste. Vor den Kommentaren über die vielen Kurven im Lebenslauf, die sie bei Bewerbungen hört. Vor neuer Schwarzarbeit, die sie annehmen muss, um klarzukommen. Vor dem Verlust der Wohnung und dem Tag, an dem beide Kinder weg sind und die letzten Kartoffeln. „Das tatsächliche Älterwerden ist das eine“, sagt sie leise. „Die Umstände sind das andere.“

In seinem Buch „Happiness“ hat der britische Ökonom Richard Layard versucht herauszufinden, was die Menschen glücklich macht. Er kam zum Ergebnis, dass finanzielle Sicherheit und soziale Gerechtigkeit zwar gute Laune machen, aber nicht allein. Reich zu sein mache nur Spaß, wenn man ein bisschen reicher ist als die Nachbarn und Kollegen. Und auch Armut sei relativ, sagen Glücksforscher. Denn wem die Gesellschaft die Chance verspricht, aufzusteigen und weiter zu kommen, der sei auch mit wenig Geld optimistisch.

Jennifer Klose ist so ein Frauentyp, der ein bisschen scheu wirkt auf den ersten Blick und ziemlich gelassen auf den zweiten. Eben hat sie die Haustür ihrer Kreuzberger Wohnung aufgezogen, jetzt steht sie zwischen leeren Umzugskartons, Kisten voller Werkzeug und zerknülltem Papier im Flur. Jennifer trägt unter dem Rock eine Jeans und über den Strümpfen ein Paar Flipflops, sie ist 27 Jahre alt.

Seit ein paar Wochen lebt sie jetzt mit ihrer Schwester zusammen, Stuckaltbau. Sie wohnt in einem Zimmer, das aus einer Matratze, einem Tisch und einem Leintuch vorm Fenster besteht. Auf dem abgenutzten Parkett im Wohnzimmer haben sich eigenwillige Möbel und Lampen vom Flohmarkt angesammelt. Nichts ist teuer hier und alles geschmackvoll, eine improvisierte Welt, an der täglich weitergebastelt wird.

Jennifer Klose holt ein paar Bücher aus dem Regal, und eine bräunliche Pappschachtel mit Städtewappen auf dem Deckel. „So was findet man natürlich nicht jeden Tag“, sagt sie und streicht über das spröde Papier, das sie von einer alten Spielkiste abgelöst und es einer nachgebauten Schachtel aufgezogen hat. Jennifer Klose wird Buchbinderin, sie ist im zweiten Lehrjahr, und wenn man sie reden hört, ahnt man bald, dass sich da jemand gefunden hat.

„Seit ich diese Ausbildung mache, habe ich das Gefühl, endlich angekommen zu sein“, sagt sie. Sie braucht sich jetzt keine Ausreden mehr auszudenken, warum sie immer noch keinen Beruf hat. Jennifer hat nach dem Abitur lange gejobbt, wollte Fotodesign studieren und hat sich für Anglistik eingeschrieben, aber eigentlich gefiel ihr Kulturwissenschaft. Irgendwann war sie Mitte 20 und hatte noch immer keine Ahnung, wohin sie wollte. Vielleicht hat sie die Umwege gebraucht, sagt sie, um das Richtige zu finden.

Sie redet nicht oft über Geld, und sie denkt auch nicht gern darüber nach. Aber sie tut es jetzt immer öfter. Um die 600 Euro kann sie jeden Monat ausgeben. 320 Euro gehen für die Miete drauf, bleiben knapp 300 zum Leben. Von den Eltern hat sie nichts zu erwarten, die Mutter ist in Rente und der Kontakt zum Vater abgerissen. Auf Wohngeld und Ausbildungsbeihilfe kann sie nicht zählen, die sind elternabhängig, und die Eltern sind nicht arm.

Dass sie selbst bald Pleite gehen könnte, darüber macht sich Jennifer Klose nur heimlich Sorgen. Sicher, sagt sie, die Miete ist eigentlich zu hoch und die Vorräte auf dem Konto schmelzen dahin. Sie geht nicht ins Kino, spart sich Einkaufsbummel, Urlaube und den Telefonanschluss. Aufs Handy aber verzichtet sie nicht, und wenn man sie fragt, was sie mal verdienen wird, zuckt sie die Schultern, sie weiß es nicht.

Neun Euro 50 die Stunde, brutto im ersten Gesellenjahr, heißt es bei der Innung, wo keiner leugnet, dass Buchbinder mit Floristen und Friseuren ganz unten auf der Einkommensskala angesiedelt sind. In einer Zone also, in der schnell zur Armutsfalle werden kann, was als kreatives Experiment begonnen hat.

Jennifer Klose wischt solche Einwände vom Tisch, und wenn man sie fragt, ob sie mal Rente kriegen wird, lacht sie. „Über Arbeitslosigkeit habe ich noch nie nachgedacht“, sagt sie, und mit pessimistischen Wirtschaftsprognosen mag sie sich gar nicht erst beschäftigen. „Ich war schon öfter fast bei Null.“

Man ist so arm wie man sich fühlt, und was Ulrike Grunwald, die arbeitslose Juristin vom Prenzlauer Berg in Panik versetzt, das ist für die Buchbinderin Jennifer Klose nur eine Fußnote auf dem Weg zur Selbstverwirklichung. Aber es ist nicht nur eine Frage des Alters, der Perspektiven und der Mentalität, ob man sich für arm hält oder nicht. Bedürftig kann auch werden, wer nicht an Bildung und Wissen rankommt.

Sebiha Sadic gibt sich wirklich Mühe, mit ihren vier Kindern, mit der Wohnung und mit der Stadt da draußen. Sie lebt in einem Neuköllner Hinterhaus, in einer Wohnung, die wirkt, als hätte ein Sturm alle überflüssigen Besitztümer hinausgefegt. Hier gibt es ein Sofa, einen Tisch und einen Fernseher. Aber kein persönliches Bild, kein Spielzeug. Die Tapeten lösen sich von der Wand, sechs Personen atmen hier auf 80 Quadratmetern und hinterlassen immer neue Wäscheberge.

Natürlich hat sie Wünsche, die sie sich nicht erfüllen kann, sagt Sebiha Sadic, die nie einen Beruf hatte und mit 17 das erste Kind bekam. Das Stockbett ist kaputt und wird es bleiben, ihr ältester Sohn ist zwölf und braucht einen Computer. Dem zweiten muss sie Kleidung kaufen und ihre jüngste Tochter wächst aus dem Babybett raus. Sie kann auf eine schicke Wohnung verzichten, sagt Sebiha Sadic, und statt Bücher haben ihre Kinder einen Fernseher mit Playstation. Eines aber will sie nicht zulassen: dass die vier ins Abseits geraten, bildungsmäßig und überhaupt.

Sebiha Sadic ist gebürtige Berlinerin, sie spricht fließend Deutsch, anders als ihr Mann. Den hat sie in der Türkei kennen gelernt, ein entfernter Cousin, der ihr nach Deutschland folgte. Damals gab es noch Arbeit, jetzt gibt es nur noch Geld vom Amt. Etwa 2000 Euro bekommt die Familie vom Staat, inklusive Kindergeld. Der Vater verdient 120 Euro als Pizzafahrer dazu, es reicht hinten und vorne nicht, sagt Sebiha Sadic. Das Konto ist gepfändet, wegen eines Kredits, den sie für die Einrichtung ihrer ersten Wohnung aufgenommen hatten, und dieser alten Versandhausschulden.

Einen Luxus aber leistet sie sich jetzt: Nachhilfestunden für ihren Sohn. Der ist in der dritten Klasse, und dass er mit elf Jahren weder lesen noch rechnen konnte, hat seine Mutter lange nicht bemerkt. „Ich war schockiert“, sagt sie. „Jetzt soll er in die Sonderschule gehen und ich sage: Nein.“ Sie hat eine andere Schule gesucht und eine nettere Lehrerin. Jetzt klappt es, sagt sie. „Man kann schon was verstehen, wenn er liest.“ Ihre Kinder sollen „reinkommen in die Gesellschaft“, sagt Sadic.

Sie hat jetzt manchmal Angst, dass der Staat sich abwendet von solchen wie ihnen. Und sie befürchtet, kein gutes Vorbild zu sein. „Wenn die Kinder jetzt sehen, wie ihre Eltern leben, wie sollen sie selbst mal eine Familie gründen“, fragt sie sich. Dann steht sie auf und sagt etwas auf Türkisch zu ihrem Sohn. Er soll Öl holen fürs Mittagessen. Es gibt Pommes heute und Coca-Cola.

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