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NILS EICHBERG, 42

Für Architekten begann die Krise im Jahr 2000. Der Senat strich wegen der prekären Finanzlage die Städtebauförderung, das Geschäftsklima verschlechterte sich, Altbausanierung wurde zu einem schlechten Geschäft: darauf hatte ich mich spezialisiert. Mit einem Partner saß ich seit 1997 als selbstständiger Architekt in einem Büro in Schöneberg, davor arbeitete ich fünf Jahre in einem Stadtplanungsbüro. Ich versuchte, uns mit einer Fortbildung zum Sachverständigen für Bodenwerte, besser zu positionieren. Wir richteten eine Website ein, aber es half kaum. Langsam sprach sich herum, dass die Preise fielen. Wer mit den Bauherren geschickt verhandelte, erhielt Leistungen umsonst, für die früher bezahlt wurde. Bis 2002 zog sich das hin – dann habe ich für mich eine Konsequenz gezogen. Entweder wollte ich die gleiche Arbeit, aber an einem anderen Ort machen oder am selben Ort eine andere Arbeit. Wir lösten das Büro auf. Ich sah das als Chance, mal das zu machen, wovon ich lange Zeit geträumt hatte: Ich begann, Drehbücher zu schreiben. Vom Arbeitsamt bezog ich kein Geld, da ich nicht in die Mühle der Bürokratie geraten wollte. Ich lebte von Reserven und von meiner Frau, die berufstätig war.

Zum Glück musste ich mein Leben nicht umstellen, da ich immer vorsichtig mit Geld umgegangen war und relativ bedürfnislos lebe. Zuerst besuchte ich Autorenseminare. Dann entwickelte ich Konzepte mit jeweils unterschiedlichen Partnern: eine Kinderserie, einen Thriller und zwei Komödien. Realisiert wurde kein Projekt. Ich hatte die Arbeit unterschätzt. Neben einer gewissen handwerklichen Begabung fehlte mir einfach die Zeit, Kontakte aufzubauen. Daraufhin habe ich neu nachgedacht. Ich wechselte den Ort und ging im September 2003 nach Moskau. Dort erlebte ich eine typische BoomtownAtmosphäre. Wir versuchten Drittwohnsitze für Manager von Energiekonzernen zu planen, luxuriöse Bungalows am Stadtrand. Aber das Lohnniveau als angestellter Architekt war derart niedrig, dass ich mich selbstständig machen wollte. Der Versuch scheiterte – und ich kehrte letztes Jahr nach Berlin zurück. Ich erhielt überraschend ein Angebot von einem befreundeten Szenenbildner: als Architekt beim Film, der die Bauten konzipiert und Entwürfe von Filmsets umsetzt. Mein erster Auftrag war ein Image-Film für RTL, dann kam das Angebot an der TV-Produktion von „Die Sturmflut“ zu arbeiten, darauf sofort der Auftrag für den ZDF-Film „Dresden“ über die Bombardierung 1945. Dafür sitze ich momentan in Köln, natürlich als freier Mitarbeiter. Ich bin jetzt größerem Druck ausgesetzt.

Mein langfristiges Ziel ist es, Stoffe zu entwickeln. Ich sehe optimistisch in die Zukunft, werde zunehmend gelassener. In meinem Leben hat es immer Brüche gegeben. Das wird nicht der letzte sein.

Protokolle: Ulf Lippitz

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