Zeitung Heute : Nachrichten

-

STEFAN BUHL, 38

Früher wollte ich einen kleinen Raum, in dem mich niemand stört und ich allein werkeln kann. Heute tue ich genau das Gegenteil: Ich stehe hinter dem Tresen meiner Suppenbar und habe jeden Tag Kontakt zu Menschen. Hätte ich niemals vermutet. Nach dem DatentechnikStudium habe ich Mitte der 90er angefangen, als Bauleiter zu arbeiten. Ich bin da einfach durch Freunde reingerutscht. Erst habe ich das nebenberuflich gemacht, ab 1998 war ich als selbstständiger Bauleiter für eine Firma tätig. Ich musste Leistungen messen – also wie hoch beispielsweise die gebauten Wände waren – , erstellte Zwischenrechnungen, kontrollierte die Qualität und setzte am Ende eine Schlussrechnung auf. Die zeichnete der Architekt ab. Als ich anfing, war das mit einem Nicken getan, als ich aufhörte ging das nur noch über Anwälte. Der Bauboom war vorbei, die Fördermittel gestrichen und die Banken investierten nicht mehr in Immobilien. Ich spekuliere mal, um 2000 herum schienen Aktien eine bessere Gewinnmöglichkeit zu sein. Zu der Zeit begann das Geschäft unlukrativ zu werden. Die Preise gingen in den Keller. Andere Bieter erstellten Angebote, die teilweise unter dem Materialwert lagen. Am Ende stritt sich jeder mit jedem um Geld, ich ahnte, dass es mit dem Job bald vorbei sein würde. Also beschloss ich, mir ein zweites Standbein aufzubauen. Meine Freundin kam auf die Idee, einen Hot-Dog- und Suppenladen im Boxhagener Kiez zu eröffnen. Von Ersparnissen mietete ich ein Lokal an, ging nach der Arbeit dorthin und schuftete bis Mitternacht, um es umzubauen. Ich machte den gesamten Innenausbau, legte die Fliesen, baute den Tresen. Da kamen mir die Erfahrungen vom Bau zugute. Im Oktober 2002 eröffnete ich den Imbiss Hot Dog Soup an der Grünberger Straße 69. Zuerst arbeitete ich tagsüber auf der Baustelle, abends stand ich hinter dem Tresen. Das war anstrengend. Jeder Cent floss in den Laden, ich musste den Gürtel enger schnallen, konnte nicht mehr ausgehen, arbeitete sieben Tage die Woche. Nach fünf Monaten überwarf ich mich mit meinem Chef, ich nahm einfach meine Jacke, ging und kehrte nie zurück. Mein Alltag änderte sich: Ich wärmte um halb elf die Suppen auf, putzte den Laden und öffnete ihn Punkt zwölf. Um 18 Uhr löste mich jemand ab. Viele Monate ging das so, bis wir uns etabliert hatten und Teilzeitkräfte einstellten. Heute bin ich von anfangs 70 auf 35 Stunden in der Woche runter, verdiene genauso viel damit und brauche nur fünf Tage arbeiten.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben