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ILHAMI TERZI, 35

Die Schauspielerei war ein Traum für mich. Ich habe nach sechs Jahren in der Gastronomie die Berliner Schule für Schauspiel besucht, war 1997 ein Jahr fest an der Schaubühne engagiert, dann zwei Jahre am Stadttheater Magdeburg, bevor alles anders wurde. Dabei hatte ich gerade meinen ersten Film abgedreht – eine MiniRolle, als Sohn eines türkischen Mafiabosses. Der Film hieß „Buffalo Soldiers“, meine Szene spielte ich mit Joaquin Phoenix. Das war 2000, als die Euphorie um den Neuen Markt grassierte: Ich erinnere mich, wie Kollegen in den Probepausen hinaus liefen, ihre Bank-Berater anriefen und Wertpapierorder durchgaben. Ich wurde davon auch angesteckt. Zuerst habe ich gewonnen, dann weiter gemacht. Zu der Zeit floss auch viel Geld in die Film-Produktion. Die Werbeerlöse bei den TV-Sendern stiegen, dadurch die Budgets für Fernsehfilme und die Schauspieler-Gagen. Es herrschte ein Boom. Um daran teilzuhaben, gründete ich Mitte 2000 mit anderen arbeitslosen Schauspielern eine Agentur. So wollten wir uns besser vermarkten, aus der Frustration der Stadttheater-Provinz herauskommen. Aber nach anderthalb Jahren merkte ich, dass es mir außer einem enormen Zeit- und Geldaufwand nichts einbrachte. Außerdem rutschten die Aktienwerte in den Keller. Ich hatte Schulden, musste mich arbeitslos melden und bezog Geld vom Staat. Zwei Jahre lang erhielt ich kein Angebot weder für Theater noch für Film, ich telefonierte jeden Tag Stunden mit Agenturen, ließ Demo-Bänder schneiden und schrieb Bewerbungen – es passierte nichts. Ich sah keine Perspektive mehr, besaß kaum noch Geld, an Shopping oder Ausgehen war nicht mehr zu denken. Da ich aber ein geselliger Typ bin, fehlte mir das. So beschloss ich Anfang 2003 eine Party für Freunde zu organisieren, mietete einen Raum an und verschickte Einladungen. Es kamen 200 Leute. Ich organisierte noch eine Party, zur dritten kamen bereits 400 Menschen. Plötzlich fand ich mich als Club-Organisator wieder, ich saß am Computer, schrieb Einladungen, organisierte DJs und traf mich mit Bar-Personal. Seit 2004 veranstalte ich die Party kommerziell, jeden ersten Freitag im Monat auf dem Gelände des Pfefferbergs. Unsere Preise sind vernünftig, die DJ’s haben einen guten Ruf. Es hat mich überrascht, wie schnell sich Good Life als Marke etabliert hat. Das Theater vermisse ich kein bisschen, eine Filmrolle wäre schön – aber im Moment denke ich darüber nach, eine Bar aufzumachen. Die Glücksmomente, die ich bei der Schauspielerei selten spürte, kommen jetzt auf jeder Party, wenn ich sehe, wie die Leute sich amüsieren. Ich habe Glück gehabt.

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