Zeitung Heute : Nachrichten

-

Es ist viel von Eiern die Rede an diesem Abend. Über der Tribüne riecht die Luft nach Gras. Unten, auf dem Rasen, kämpfen Boca Juniors und Deportivo Cuenca in einem Gruppenspiel um die Copa Libertadores. Boca hat den Titel fünf Mal gewonnen. Es sieht nicht gut aus für die Ecuadorianer.

Con los huevos del equipo,

con los huevos de la hinchada,

dale Boca, que vamos a ganar.

Die Menge verfolgt kein Spiel der Weltklasse, während sie in der Boca-Fankurve, La Doce, hodenhaltigen Mut von ihrer Mannschaft fordert, wie einst Oliver Kahn von seinen Bayern. La Doce, der zwölfte Mann, gilt als eine der übelsten Hinchadas (Fangemeinden) des lateinamerikanischen Fußballs, aber das erzählt Juan Pablo erst später, beim Bier aus braunen Literflaschen, im Traditionslokal El Obrero.

Zuvor hat Juan Pablo einen Bogen der Verzweiflung um die fünfzehnhundertköpfige Schlange am Eingang zum Boca-Stadion geschlagen, La Bombonera, das wie ein Raumschiff über die niedrigen Dächer des Viertels ragt. Er hat den Polizisten am weniger belagerten Eingang für Clubmitglieder klar gemacht, dass unsere beobachtende Teilnahme am Spiel von zentraler Bedeutung für die Zukunft des deutschen Journalismus ist. Der Polizist war misstrauisch. Es folgte ein kurzes Verhör:

– Wie heißt die Hauptstadt von Deutschland?

– Eh, Berlin?

- Na gut.

Juan Pablo hat sich an Verkaufsschalterfenstern von der Größe eines Fußballtrikots gegen Menschen durchgesetzt, die ihre Tickets später im Laufschritt küssten, während sie auf die nächste Sicherheitskontrolle zurannten. Ich habe im Anschluss an mehrere Leibesvisitationen überzeugend demonstriert, dass ein Lippenfettstift nicht zur Waffe taugt. Die Pferde der berittenen Polizei scheuten.

Wir waren gar nicht mutig. Oder von einem investigativen Impetus getrieben. Eigentlich wollten wir sichere Plätze. Alle liefen, rannten, stießen. Eher zufällig gerieten wir in ein Drehkreuz. Als wir den obersten Treppenabsatz erreicht hatten und der Rückweg versperrt war, murmelte Juan Pablo „La Doce“, dazu etwas von „Mafia“, „Gesuchten auf der Flucht“ und „Vorsicht“. Jetzt lacht er. Juan Pablo lacht oft, wenn er nervös ist.

River Plate, qué puto que sos.

River Plate, ihr Schwuchteln. River Plate, Bocas Erzfeind. Am Tribünenrand, mit dem Rücken zum Spielfeld, geben die Chefs der Hinchada den Inhalt der Sprechgesänge vor wie Dirigenten in feuchter Trikotage. Zwischen blau-gelben Kappen, Schals und argentinischen Fahnen blitzt das goldene Metall von Trompeten und Posaunenhälsen, von Trommeln und Becken, von ...ach, von einem ganzen Orchester, das über die Kurve verteilt die Lieder begleitet. Die Tribüne zittert ein bisschen, wenn sie zur Musik auch noch springen.

– Warum singen sie das, Juan Pablo? Sie

spielen doch gar nicht gegen River

Plate?

- Das ist wie bei den Kommunisten. Der

Klassenfeind ist allgegenwärtig.

Tatsache. River, compadre, la concha de tu madre. Das ist zu gemein, um es zu besetzen. Aber es bedeutet etwas Hässliches, das mit Müttern zu tun hat. Zur Halbzeit steht es 3:0 für die Boca Juniors.

Natürlich ist La Boca mehr als nur Fußball. Aber nicht viel mehr. Als junge Arbeiter in Buenos Aires 1882 die Unabhängige Republik La Boca ausriefen, fehlte jedenfalls noch ein knappes Vierteljahrhundert bis zu jenem mythischen 3. April 1905, an dem vier Einwandererkinder einen Fußball-Club gründeten, der das schmuddelige Hafenviertel der argentinischen Hauptstadt später weltberühmt machen sollte. Die Unabhängigkeit währte nur kurz, obwohl ein Schild an der Grenze zu San Telmo den Status nach wie vor behauptet.

La Boca war von Anfang an ein italienisches Klümpchen im argentinischen Schmelztiegel, das sich einfach nicht auflösen wollte. Einwanderer aus Genua stellten die deutliche Mehrheit am Hafen des Riachuelo, dem ersten von Buenos Aires. Die Arbeiter, Fischer, Handwerker und Händler bauten ihre Häuser auf hohe Bürgersteige, um sich vor Hochwasser zu schützen, aus Wellblech und Holzplanken, die die Schiffe im Hafen als Strandgut zurückließen. Es ist kein Zufall, dass in La Boca 1904 mit Alfredo Palacios der erste sozialistische Abgeordnete Lateinamerikas gewählt wurde. Das Viertel war damals voll von armseligen Mietskasernen und Hilfskomitees, von linken Gruppen, Grüppchen und Vereinen. Genauso wenig zufällig ist, dass wir über die Politik zurück zum Ballsport kommen. Die Wege sind kurz in La Boca.

Bevor das Viertel zum Synonym für Fußball wurde – in den Jahren 1945 bis 1947 ging der Verein in 37 aufeinander folgenden Spielen als Sieger vom Platz und stand im Ruf, auf dem eigenen Rasen unverwundbar zu sein – prangerten Anarchisten in ihrer Publikation „La Protesta“ die Popularisierung der aus Großbritannien importierten Bewegungsplage an. Sie erkannten darin „die bösartige Verdummung durch wiederholtes Treten eines runden Objekts“ und erklärten daher den Fußball zusammen mit der katholischen Messe zu den „übelsten Drogen der Massen“.

Es sollte Jahrzehnte dauern, bis einem Menschen die Aussöhnung von Fußball und Sozialismus gelang. „Ja, ich habe mich mit dem Papst gestritten“, berichtete Diego Maradona nach seinem Treffen mit Johannes Paul II. „Er hat mir erzählt, dass sich die Kirche um die armen Kinder sorgt. Und ich habe zu ihm gesagt: Mann, dann verkauf doch mal dein goldenes Dach hier! Tu was! Sonst glaubt dir das alles kein Mensch – wo du früher auch noch Torwart warst.“

Diego Armando Maradona stammt nicht aus La Boca, sondern aus Villa Fiorita, einem Elendsviertel von Buenos Aires. Trotzdem ist er so etwas wie der Adoptivsohn des Viertels, der berühmteste Spieler jedenfalls, den Boca Juniors, Buenos Aires und Argentinien je gehabt hat. Ein Balkon im Stadion ist für ihn und seine Familie reserviert. Vermutlich waren mehr Zuschauer im Stadion, als die 60245, die offiziell reinpassen, als La Diez, die Zehn, Diego Maradona am 9.November 2001 seinen Abschied in der Bombonera feierte, die eigentlich „Estadio Alberto José Armando“ heißt. Fans tragen sein Profil und seine Unterschrift auf alle möglichen Körperteile tätowiert durchs Leben. Als Maradona im Krankenhaus lag, boten seine Jünger im Internet Gelübde für seine Genesung an: nie wieder eine Kneipe zu betreten, ein Jahr auf Sex zu verzichten, River beizutreten, ein River-Trikot zu tragen, das Wort River in jedem Satz zu benutzen oder drei Wochen lang nicht aufs Klo zu gehen. „Es ist einfach: Entweder man ist Maradonianer oder man ist kein Maradonianer, da gibt es nichts weiter zu diskutieren“, sagt Juan Pablo. Dann sagt er, dass Maradona Gott ist.

Abgesehen vom Fußball gibt es in La Boca noch eine kurze quietschbunte Straße, die Caminito heißt, so benannt zu Ehren des Autors Juan de Dios Filiberto, der den bekannten gleichnamigen Tango geschrieben hat. Wer ihn nicht kennt, hört ihn hier fünf Mal in 30 Minuten, über Lautsprecher, von Straßenmusikern, vorgetragen von Männern mit Seidenschal und Hut. Wo bis 1954 ein Seitengleis der Bahntrasse General Roca abbog, stehen heute Sperrholzplatten am Eingang zur Fußgängerzone, die Tangoszenen zeigen. Paare können ihre Köpfe durch die dafür vorgesehenen Löcher stecken und für einen Peso Bilder von sich machen lassen, die anderen Menschen peinlich wären. Von hinten sehen die Platten aus wie Torwände.

Tango ist das andere große Thema von La Boca. Er stammt aus den Spelunken am Hafen, wo Zuhälter und Prostituierte Tanz und Musik den anstößigen Charme verliehen, mit dem ihre mittelständischen Nachahmer heute in den Milongas im Zentrum kokettieren. Pomadisierte Tänzer schieben stark geschminkte Tänzerinnen über das Kopfsteinpflaster von Caminito, posieren gegen Trinkgeld für Fotos, während eine Kindercombo mit Percussionsinstrumenten um die Ecke biegt. Natürlich hat einer der Jungs ein Boca-Trikot an. In den Souvenirshops verkaufen sie T-Shirts, auf denen Che Guevara ein Barett mit der Aufschrift „Diego Maradona“ trägt. Von Panorama-Balkonen lehnen Touristen und halten auf die berühmte Eisenbrücke Nicolas Avellaneda, das Wahrzeichen von La Boca. Ein Tor, eigentlich.

Muchas veces fui preso

y muchas veces lloré por vos

yo a Boca lo quiero

lo llevo adentro del corazón.

(Ich habe oft im Knast gesessen, ich habe oft um dich geweint. Ich liebe Boca, und ich trage es in meinem Herzen.)

Früher gab es oft Tote, wenn Boca Juniors im Lokalderby gegen River Plate spielte. Die Fankurve zu betreten, war für Außenstehende damals wirklich gefährlich. Aber es ist ruhiger geworden in der Doce, seit im Stadion kein Alkohol mehr verkauft wird, die Kontrollen am Eingang verschärft worden sind und die Chefs der Hinchada mit autoritärem Gestus für Ordnung in den eigenen Reihen sorgen. Es war keine Frage der Vernunft, sondern eine des Überlebens. Während der Halbzeitpause lächeln ein paar Jungs rüber und wirken schüchtern dabei. Aber vielleicht heißt das nicht viel.

– La Boca? Da geh ich nicht mit.

– Ich auch nicht.

Es waren zwei argentinische Bekannte, die einen gemeinsamen Besuch in La Boca kategorisch ablehnten, Männer, geboren in Buenos Aires, Porteños. Um den Touristenstrom zum Caminito nicht zu unterbrechen, bewachen Polizisten rund um die Uhr den Häuserblock, an den die bunte Straße angrenzt, ein kleiner Fleck kommerzialisierten Wellblechidylls. Eine Ecke weiter hat Juan, ein Taxifahrer, neulich drei Brasilianer aufgesammelt. Hinter ihnen her rannten fünf Argentinier. Die Touristen schafften es noch rechtzeitig in den Wagen, mit Brieftaschen, Kameras und Armbanduhren.

Dass in La Boca das meiste mit Fußball und Tango, mit der Bombonera und Caminito zu tun hat, liegt vor allem daran, dass der Rest des Viertels für viele unbetretbar geworden ist. Zum faktischen Sicherheitsrisiko treten die Vorurteile, die sich in den Köpfen der anderen Porteños über die Bewohner von La Boca gebildet haben.

La Boca se inundó

y a todos los de Boca

la mierda los tapó.

Der Sprechchor, der die Boca-Fans in eine Fäkalflut singt, stammt zwar von der River Plate-Hinchada, aber er hat auch damit zu tun, wie das übrige Buenos Aires auf das Hafenviertel blickt. Dabei liegt es an diesem Nachmittg mit seinen baumbestandenen Kopfsteinpflasterstraßen so friedlich da wie das schicke Stadtviertel Palermo.

Kein Taxi wartet in der Nähe des Stadions, als das Spiel vorbei ist und die Begegnung mit dem Halbzeitergebnis geendet hat. Wir haben den Fahrer, der uns gebracht hat, nicht gefragt, ob er uns abholen würde. „Wie? Ihr wollt da hin? Ihr wollt wirklich da hin?“ Der Fahrer schüttelte den Kopf. „Was wollt ihr bei den beschissenen Schwarzen, negros de mierda?“ Es bezog sich auf die Haarfarbe der Fans, nicht auf ihre Haut, aber das macht es nicht besser. „Ich werd mich erst mal duschen müssen, wenn ich hier rauskomme“, sagte der Fahrer und ließ uns in drei Blocks Entfernung zur Menge aussteigen, die vor den Toren des Stadions im Abglanz des Flutlichts Schlange stand.

Es ist Mittwoch. Kein Feiern in den Gassen. Ein paar Jugendliche biegen links ein, wo wir rechts abbiegen müssen. Die Straße ist menschenleer. Kein Verkehr. Keine Autos. Keine Passanten. Juan Pablo läuft schneller als sonst. Wir sprechen nicht. Die nächste links. Wir sagen einander nicht, dass wir erleichtert sind, als wir das gelbe Licht sehen, das aus dem Lokal aufs Pflaster fällt, wo zwei Kinder gegen eine leere Blechdose kicken. El Obrero gehört zu den wenigen Kneipen, die von der Mittelschicht in Beschlag genommen worden sind. An den Wänden ersetzen alte Boca-Poster Tapeten. Eine Seite ist für die signierten Porträts berühmter Spieler reserviert, die hier gesessen und getrunken haben. Maradona, natürlich, Valderama, Pelé. Wir bestellen zwei Milanesas und eine Flasche Quilmes.

Zwischen denen, die hierher kommen, um ein Stück La Boca zu erleben, das ein vernünftiges Verhältnis zwischen Authentizität und Sicherheit garantiert, sitzen Männer beim letzten Feierabendbier an ihren Tischen, in Anzügen, mit offenen Hemdkragen, vielleicht Söhne von Eltern, deren Wunsch es war, dass es ihre Kinder mal besser haben sollen als sie.

Im Obrero erzählt Juan Pablo von den Toten im Stadion, von Schüssen, die quer durch die Bombonera sausten, von totalitären Fanclubstrukturen und davon, dass es heißt, einige der Spieler zahlten den Chefs der Hinchada Geld dafür, dass sie die Menge ihren Namen schreien lassen. Juan Pablo ist Journalist. Er stammt aus Chile. „Von deinen argentinischen Freunden hätte dich niemand mit zu diesem Spiel genommen“, sagt Juan Pablo und grinst. Dann streiten wir darüber, ob es daran liegt, dass die Argentinier wissen warum, oder daran, dass sie keine Eier haben.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben