Zeitung Heute : Nachrichten

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Sie sind ein bisschen zu vernünftig für richtige Drogen, aber doch deutlich zu cool für Apfelsaft: Die Jungs aus Friedrichshain lehnen am Tresen und nuscheln: „Einen Club-Mate bitte.“ Dann bekommen sie vom Barmann eine geöffnete Flasche herübergeschoben, deren Etikett einen grinsenden Cowboy mit schaukelnden Ohrringen zeigt. Später werden sie ihren Freunden stolz erzählen: „Ein alkoholfreier Abend in der Woche muss schon sein.“

Sie finden sich eine Spur zu dick und haben die Ingwer-Phase hinter sich gelassen: Die Mädchen in Friedrichshain bereiten sich den Mate-Tee heimlich in der heimischen Wohnküche zu. Sie hängen ein grün gefülltes Tee-Ei in die Kanne und machen ein sehr tapferes Gesicht. „Mate dämpft den Appetit, enthält Vitamin C und regt die Verdauung an!“ So hallt die strenge Stimme der Fitness- und Wellnesslehrerin in den Mädchenohren nach. Dass der Mate-Geschmack gerne mit aufgekochtem Zigarettentabak verglichen wird, macht das Unterfangen für sie nur noch seriöser. Für die Mädchen plakatierte die Kleider-Kette „Mango“ ganz Berlin mit einer Schönheit, die sich auf dem Boden räkelte, die halbgeöffneten Lippen nur wenige Zentimeter vom Mate-Gefäß entfernt. „Mit Mate passt mir auch Größe 32“, denken ehrfürchtig die Mädchen.

Mate – ein Getränk für einsame Kämpfer. Egal, ob der Kampf an der Bar oder auf der Waage ausgetragen wird.

Doch woher kommt überhaupt das Kraut, das für die einen Mittelweg zwischen Flaschenbier und Apfelsaft natürtrüb ist, für die anderen appetithemmendes Bestrafungs-Ritual? Mate stammt aus der Sprache der Guarani-Indianer und bedeutet ausgehöhlter Flaschenkürbis. Dorthinein füllte das Indianer-Volk die getrockneten und zerkleinerten Blätter des Stechpalmengewächses, das die Fitnesslehrerinnen von heute so sehr lieben. Dann gossen die Guarani Wasser darüber, steckten einen Trinkhalm hinein und ließen den Kürbis kreisen wie eine Friedenspfeife.

„Teufelsgebräu!“ riefen die christlichen Missionare bei diesem Anblick und wollten den „Heidentrunk“ verbieten. Doch der Geist im Flaschenkürbis erwies sich listiger als sie. „Ihr könnt sie mit dem Stechpalmengehäcksel bezahlen, ja, sogar zum Taufbecken locken“, raunte er ihnen zu. „Na, wenn das so ist – dann soll das Teufelsgebräu ab sofort Jesuitentee heißen!“ Und schon rannten die Missionare zu ihren Schubkarren, um die Pflanze zu kultivieren. Und der Flaschenkürbis erlebte einen ungeahnten Aufschwung.

Während die liebe Verwandtschaft in Europa vornehm am frisch importierten chinesischen Porzellan nippte, begann das hohle Gemüse nun in den Familien der Einwanderer und Konquistadoren zu spuken. Ohne dass es dafür eine Erklärung gab, hüpfte das Ding von einer europäischen Hand in die nächste, man führte es an die Lippen, saugte das warme und bittere Stechpalmen-Blut aus dem Trinkhalm, goss neues Wasser darüber und gab es weiter…

Weil die feine Herrschaft vom alten Kontinent nicht glauben sollte, dass die Schatten der Anden den Abenteurern den Verstand verstellt hätten, bemühte man sich, dem Kürbis ein würdiges Antlitz zu verleihen. Irgendwie musste man ja rechtfertigen, dass man ihm dem chinesischen Teeservice den Vorzug gab. So wurde der Kürbis versilbert oder auf kleine Füßchen gestellt. Den Trinkhalm verzierte man mit edlen Steinen, setzte unten ein Sieb ein und verlieh ihm die elegante Linie eines Zigarillos.

400 Jahre später: Das Volk der Guarani ist beinahe ausgerottet, doch ihr Mate kreist durch ganz Paraguay, Uruguay und Argentinien. Landarbeiter und Manager, Turnschuh und Stöckelschuh, Schulkinder und Greise, Militärs und Demonstranten, alle zelebrieren täglich den alten Indianer-Brauch.

Noch immer benutzt man dafür nackte oder verkleidete Kürbisse, die bis unter den Rand mit den Teeblättern gefüllt und mit wenig Wasser aufgegossen werden, noch immer trinkt man den Sud durch den Trinkhalm, noch immer wird der Mate wie eine Friedenspfeife herumgereicht.

Streng genommen kann man die gehackten Stechpalmenblätter allein nicht als Mate bezeichnen. In Argentinien werden sie schlicht yerba, Kraut, genannt. Mate ist eine Dreifaltigkeit: der Kürbis, das Kraut und der Trinkhalm. Sämtliche Gerätschaften werden überall hin mitgenommen: ins stille Kämmerlein, zur Arbeit, auf das Motorrad. In deutschen Tankstellen bekommt man nur dünnen Kaffee, in argentinischen hängen große Wassertanks, aus denen umsonst oder gegen eine kleine Spende für ein Kinderhilfswerk heißes Wasser für den Mate gezapft werden darf. Dieses Wasser hat die optimale Temperatur von 80 Grad.

So wie Goethe den Charakter eines Mädchens an ihrem Umgang mit den lieben Blumen erkennen wollte, so schätzen Argentinier ihre Mitmenschen beim Herstellen des Mate ein: Lauwarm? Heiß? Süß? Fade?

Je nach Region und Geschmack wird das yerba oft auch mit Minzblättern, Apfelsinenschalen, Zitronen- oder Orangensaft gemischt. Wie auch immer man es würzt: Der bittere Nebengeschmack bleibt. „Warum“, so zermartert sich manche Fitness-Schülerin den Kopf, „trinken die Argentinierinnen Mate, obwohl sie mit diesen spanischen Hosengrößen auf die Welt gekommen sind? Warum stopfen sie nicht was Besseres in ihren Kürbis?“

Sie trinken ihn, weil er viele Mineralien und Vitamine enthält, und weil das Koffein darin so gebunden ist, dass es wach, aber nicht zittrig macht.

Und: Es ist der Tropfen Bitterkeit, der dem Leben die Würze gibt.

Durch ein Pfeifchen geschlürft und mit anderen geteilt, kann er zum Genuss werden. So sollten deutsche Fitness-Lehrerinnen, sofern ihr Herzmuskel noch mit einem Rest von Barmherzigkeit ausgestattet ist, von den Indianern lernen und zu den Teeblättern das restliche Mate-Gerät gleich mitempfehlen.

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