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Teakholzmöbel, Keramikgeschirr, praktische

Alltagsgeräte, fröhlich-bunte Kissen und rustikale Holzhäuschen – zu skandinavischem Design hat wohl jeder so seine Assoziationen. Die nordische Gemütlichkeit ist sprichwörtlich. Genauso wie das Faible der 22 Millionen Skandinavier für alles Schlichte und Praktische. Im Norden, wo die

Sommer kurz und die Winter entsprechend lang sind, hat „gutes Design“ so etwas wie einen

demokratischen Anspruch: Nicht zuletzt, weil

Industriedesign dort seit jeher ein staatlich

geförderter Wirtschaftsfaktor ist.

„Das, was wir jeden Tag nutzen, sollte auch in

jeder Hinsicht unseren Lebensbedingungen

entsprechen.“ Mit diesem kleinen Bonmot brachte der große finnische Modernist Alvar Alto (1898- 1976) die Designhaltung seiner Landsleute

treffend zum Ausdruck. Skandinavische Alltagsprodukte sind selten primär ästhetisierend,

sondern stehen meist im Einklang mit ihrer Umgebung, den Bedürfnissen ihrer Benutzer, den

verwendeten Materialien und bewährten Handwerkstraditionen. Das gilt für die Architektur

gleichermaßen wie für das Industriedesign. Statt poppiger Verspieltheit und wilden Formexzessen regiert in Skandinavien eine unelitär durchdachte Schlichtheit.

Für diesen humanen Funktionalismus wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das Label „Skandinavisches Design“ erfunden, das zu einem wahren

Exportschlager avancierte. Nach einer kurzen

Begeisterungspause in den siebziger und achtziger Jahren, als mit der Postmoderne eine künstlerisch experimentelle Designmode aufkam, steht das

skandinavische Gestaltungs-Know-how heute

international bestens da. Aufstrebende Jungdesigner – vor allem aus Finnland, Schweden und Dänemark – führen mit viel Elan und Kreativität den großen Skandinavien-Mythos weiter.

Und nicht nur das schwedische Möbelhaus Ikea

stattet mit seinen gleichermaßen modernen wie

bezahlbaren Möbeln Wohnungen von Russland bis Amerika aus. Auch die Klassiker der skandinavischen Moderne erleben derzeit ein fulminantes

Revival. Diverse Ikonen aus den dreißiger,

vierziger und fünfziger Jahren werden inzwischen als edle Reeditionen neu produziert. Zu den gefragtesten Designern gehört wohl der 1914

geborene Däne Hans J. Wegner. Ein Großteil der Möbelentwürfe dieses genialen „Stuhlfetischisten“, der am liebsten Handwerker geworden wäre, produziert die dänische Möbelschmiede Carl Hansen. So etwa den wunderbaren dreibeinigen Holzsessel „CH07“ von 1966. Ein anderer Klassiker von Hans J. Wegner ist der

geschmeidig geformte Holzstuhl

„PP 503“ von 1950. Auf diesem legendären Stuhl, den der Designer „den Runden“ taufte, fand 1960 die nicht weniger legendäre Fernsehdebatte zwischen den Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy und Richard Nixon statt.

Eine der berühmtesten Designikonen Skandinaviens, die in kaum einem

Museum der Welt fehlt, ist die Glasvase „Savoy“ (siehe Produktseiten). Diese extravagant geformte Vase, die der Finne Alvar Aalto für die Pariser Weltausstellung von 1937 entwarf, feierte im letzten Jahr unter großem

Applaus ihren siebzigsten Geburtstag. Alvar Aalto, der vor allem mit

seinen Bauten Architekturgeschichte schrieb, entwarf aus revolutionär

geformtem Holz auch eine Vielzahl von Möbeln – viele von ihnen als

Inventar für seine Bauten. Gefertigt werden sie noch heute vom finnischen Hersteller Artek, den Alvar Aalto einst mitbegründete.

Natürlich sind auch in Skandinavien nationale Unterschiede zu machen. So sind die Norweger und Isländer weniger für ihr Design bekannt.

Doch ähnlich wie Dänemark und Finnland hat auch Schweden eine sehr

eigene Designsprache. Berühmt sind hier vor allem die Teakholzmöbel. Die lange Zeit verschrienen Entwürfe, die sozusagen noch den biederen Muff der fünfziger Jahre ausstrahlen, erleben derzeit als cooles Vintage-Mobiliar ein Comeback. Zu nennen ist hier etwa der Designer Yngve Ekström (1913- 1988) und sein berühmter „Lamin“-Easychair aus den Fünfzigern (www.swedese.se). Wer sich für die skandinavischen Schätze vergangener Tage

interessiert und Originale bevorzugt, wird in der J.L. Dalgaard Gallery (www.jdalgaard.dk), bei Dansk Mobelkunst (www.dmk.dk) oder bei der schwedischen Jackson Design AB in Stockholm (www.jacksons.se) fündig.

Doch so dominant und prägend die Vergangenheit in Skandinavien auch ist – es muss nicht immer der „Ameisenstuhl“ des dänischen Architekten Arne

Jacobsen oder die berühmte Hängelampe „Schneeball“ von Poul Henningsen sein. Auch die neue

Designszene hat etwas zu bieten. Zu den Newcomern zählt der Finne Harri Koskinen. Seine „Block Lamp“, eine Glasskulptur, die an einen pflastersteingroßen Eiswürfel erinnert, ist schon jetzt fast ein Klassiker. Und aus Dänemark kommt die aufstrebende Designerin Louise Campell. Neben modernen Möbeln und Leuchten gestaltet sie auch

die Inneneinrichtung von Büros, etwa das des

dänischen Kulturministers – und zwar in

gewagtem Himmelblau und zartem Babyrosa.

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