Zeitung Heute : Nachruf auf eine Journalistin

Christoph von Marschall

Es war Liebe auf den ersten Blick. Die Umstände waren ja auch faszinierend. Ein unbekanntes Land im Aufbruch, die Menschen in ansteckender Euphorie - das war Edith Hellers Begegnung mit Polen im Sommer 1981. Eine Brieffreundin hatte sie eingeladen. Und so erlebte die 20-Jährige den großen Sommer der Solidarnos¿c: freudetrunkene Menschen, durchfeierte Nächte, romantische Träume von Freiheit und ein bisschen Wohlstand - trotz Kommunismus. Auch an ein Land kann man sein Herz hängen, zumal in Ausnahmesituationen, die man später "historisch" nennen wird.

Dass auch dieser polnische Aufbruch zur Selbstbestimmung noch einmal scheiterte, dass die Arbeiterpartei am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht verhängte, um die Macht zu retten, hat Edith Heller nicht beirren können. Polen ließ sie nun nicht mehr los, auch wenn sie zunächst in Freiburg Germanistik und Politikwissenschaft studierte und als Freie Mitarbeiterin für die "Badische Zeitung" schrieb. 1983/84 studierte sie an der Katholischen Universität Lublin (KUL) und untersuchte die Bedeutung des Briefwechsels der polnischen und deutschen Bischöfe von 1965 für die Aussöhnung. Für diese Arbeit, 1992 veröffentlicht unter dem Titel "Macht, Kirche, Politik", erhielt sie den Förderpreis der Hans-Jäckh-Stiftung in Heilbronn für Völkerverständigung.

Studieren jenseits des Eisernen Vorhangs sollte keine Einbahnstraße sein: Zurück in Freiburg gründete Edith Heller mit anderen Studenten eine Hilfsorganisation, um polnischen Kommilitonen einen Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen: Einige Stipendiaten dieser Gemeinschaft zur Förderung von Studienaufenthalten polnischer Studenten in der Bundesrepublik (GFPS) gehören heute zu Warschaus Spitzendiplomaten.

1988 ging Edith Heller wieder nach Polen, um den sich abzeichnenden Machtwechsel zu studieren. Das Tempo der politischen Veränderung durch den Runden Tisch riss sie mit, bald war sie mehr Journalistin als politologische Analytikerin. Von 1991 an war sie die Korrespondentin des Tagesspiegel, schilderte das polnische Wirtschaftswunder, die Mühen des Systemwechsels wie die sozialen Härten für die Bevölkerung, die zwischenzeitliche Rückkehr der reformierten Linken an die Macht, die sie schmerzte, und den erneuten Wahlsieg des Solidarnosc-Lagers. Sie sah ihre Aufgabe darin, den Deutschen das polnische Denken nahe zu bringen - in ruhigem, aber werbendem Ton. Doch wenn sie neuen deutschen Hochmut zu entdecken meinte, konnte sie leidenschaftlich kämpfen.

Welche Anziehungskraft Polen auf sie ausübte, das kann man an den Spannungsbögen ablesen, die sich für ihre politischen Einstellungen ergaben. Die junge Deutsche, die für sich Distanz zum Katholizismus beanspruchte, war fasziniert von der politischen Veränderungskraft, die von Polens traditioneller Kirche ausging. In Deutschland galten ihre Sympathien sozialdemokratischen Werten und der europäischen Integration, in Polen dem Solidarnosc-Lager - auch wenn dort die reformorientierten Liberalen um Leszek Balcerowicz die Minderheit bildeten und die nationalkonservativen Kräfte dominierten.

Polen ist ihre Heimat geworden. Dort fand sie ihre persönliche Liebe, baute sich ein Haus. Am Sonntag ist Edith Heller im Alter von nur 39 Jahren gestorben. Sie hinterlässt drei Kinder, das jüngste gerade drei Wochen alt.

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