Nachruf zum Tod von Helmut Rahn : Der Wundermann von Bern

Sie nannten ihn „Boss“: Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 schoss er das Siegestor der Deutschen – nun ist der Fußballer Helmut Rahn gestorben.

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Also – es war so. Ich war am Ball, lief in der Mitte ein paar Schritte, sehe die vielen Ungarn im Strafraum, nehme die Pille auf die Schippe von links nach rechts, und wieder auf links. Und da sehe ich, wie der Grosics am Rutschen ist. Ich halte also drauf, und durch. Na ja – den Rest kennt ihr ja…“ So hat er es erzählt, Helmut Rahn, immer wieder, sein Tor, das 3:2 vom 4. Juli 1954, das Tor der Deutschen. Kurz nach halb sechs hatte Rahn im Wankdorf-Stadion von Bern draufgehalten, und als der Ball hinter dem ungarischen Torhüter Grosics im Netz lag und als das Spiel aus war – „Auuuus, auuuus, auuuus, auuuus, das Spiel ist auuus, Deutschland ist Weltmeister“, hatte der Radioreporter Herbert Zimmermann durch den Äther geschrien –, da war das wie ein Befreiungsschlag für eine ganze Nation. Neun Jahre nach dem Krieg waren die Deutschen noch die Aussätzigen der Menschheit. Bis Helmut Rahn die Pille auf die Schippe nahm.

Ein Tor als Befreiung aus der inneren Kriegsgefangenschaft. Soziologen haben sich mit diesem Tor, mit dieser Fußball-Weltmeisterschaft befasst und eine direkte Linie gezogen von Rahns Treffer zum Wirtschaftswunder, vom deutschen Sieg nach 0:2-Rückstand zur deutschen Wiedereingliederung in die Weltgemeinschaft. Professor Walter Jens hat noch vor wenigen Jahren ein Resümee der neueren deutschen Geschichte gezogen, in der es nach seiner vielleicht etwas übertriebenen Auffassung nur zwei wichtige Ereignisse gegeben habe: den Fall der Berliner Mauer und den Sieg von Bern. „Nicht aufgeben – es lohnt sich zu kämpfen“, war die Botschaft, die die Elf um Helmut Rahn, Fritz Walter und Toni Turek gesendet hatte. Noch vor zwei Jahren publizierte die koreanische Autofirma Daewoo in einer Anzeige ein Foto, auf dem die Helden von Bern abgebildet waren, mit dem Zusatz: „Es lohnt sich zu kämpfen – Daewoo.“ Und bald kommt ein Film von Sönke Wortmann ins Kino: „Das Wunder von Bern“. Fritz Walter, der Kapitän der Mannschaft, war zusammen mit Trainer Sepp Herberger das Hirn dieses Mythos’, Helmut Rahn der Körper, der ihn umsetzte. „Boss“ riefen ihn seine Mannschaftskameraden.

Helmut Rahn wurde Held, wurde Legende und zerbrach fast daran. Rahn ließ sich feiern, abends in den Kneipen seiner Heimatstadt Essen, wo er seine Geschichte erzählte und Pils trank, zu viele Pils. Irgendwann hielt ihn die Polizei an auf der Heimfahrt und sperrte ihn anschließend wegen Alkohol am Steuer ein. Zur Weltmeisterschaft 1958 holte ihn Sepp Herberger noch einmal in die Mannschaft, den besten Rechtsaußen, der je für Deutschland spielte, und den Mann, der die gute Laune verströmte, den Spaß und die Freuden der Unvernunft. Rahn spielte eine gute WM, aber der Elan war verschwunden und mit ihm die Unbekümmertheit. Fritz Walter, mit dem er in der Nationalmannschaft immer das Zimmer teilte, hatte den alten Rahn als „kraftstrotzenden und selbstbewussten Boss mit dem unerschöpflichen Vorrat an Blödsinn und Übermut“ beschrieben, der Rahn der beginnenden 60er Jahre aber war müde geworden an seiner eigenen Geschichte.

1959 wechselte Rahn von Rot-Weiß Essen zum 1. FC Köln, fühlte sich dort einsam, fand kaum Freunde, dann zog es ihn 1962 nach Enschede in den Niederlanden, auch da wurde er nicht glücklich. Nur einmal noch jubelte Rahn auf dem Fußballplatz, das war, als er ein Jahr nach seinem Holland-Ausflug in der neu gegründeten Bundesliga für den Meidericher SV auflief und mit dem in der Meisterschaft unerwartet Zweiter wurde. Eine Achillessehnenoperation beendete 1964 seine Karriere.

Helmut Rahn zog sich zurück, zusammen mit seiner Frau, seinen beiden Söhnen, er wollte nicht mehr erzählen, wie es war damals in Bern, er wollte seine Ruhe und Rosen schneiden im Kleingarten. Zu den regelmäßigen Treffen der Mannschaftskameraden von Bern kam er nur selten, irgendwann mied er sie ganz. Nicht einmal Bundeskanzler Kohl konnte ihn in die Öffentlichkeit schieben. Der reiste 1994 zum WM-Auftaktspiel der deutschen Mannschaft nach Chicago, mit dabei Ehrengäste, nur einer sagte ab: Helmut Rahn.

Helmut Rahn war Rechtsaußen. Außenstürmer sind Solisten im Mannschaftsgefüge, Dribbelkönige, oft unberechenbar, und manche sind außerhalb des Platzes einsam und wehrlos. Reinhard Libuda, der Schalker, war so einer, der sich im Leben verdribbelte und zerbrach am schlechten Ruf. Auch Helmut Rahns Ruf hatte gelitten, auch wenn er nur Legende war, eine schlechte Legende. 1994 wurde in Essen ein Theaterstück uraufgeführt, es war Rahn gewidmet und es hieß „Manni Ramm I“, die Geschichte eines alkoholabhängigen Typen, der zu Grunde geht. Der wirkliche Helmut Rahn betrieb mit seinem Bruder einen Autohandel, wanderte durch die Heide und engagierte sich in der Kirchengemeinde von Essen-Frohnhausen. Die wenigen Vertrauten, die er zuließ, berichten, dass sie ihn, den angeblichen Trinker, in 20 Jahren nicht ein Bier haben heben sehen.

Als Fritz Walter im Juni 2002 starb, meldetet sich Helmut Rahn noch mal zu Wort: „Der Friedrich, das war der Feinste. Jetzt, wo der Friedrich tot ist, schaffe ich das auch nicht mehr, ich bin nämlich gar nicht so ein harter Hund, wie alle meinen, sondern manchmal ganz weich.“ Helmut Rahn starb in der Nacht zum Donnerstag im Alter von 73 Jahren in seiner Essener Wohnung nach langer schwerer Krankheit. Ein Zufall sicher nur und doch auch eine merkwürdige Verbindung des Schicksals: Am Donnerstag starb auch Lothar Emmerich mit 61 Jahren in der Lungenklinik von Hemer, auch der zu Lebzeiten ein Unikum, ein Außenstürmer, der seine Tore mit links machte.

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