Zeitung Heute : Nadel streifen

Zu seinem Repertoire gehören: große Gefühle, Komik, Drama, Katastrophen. Der Weihnachtsbaum ist der dankbarste Statist im Film. Eine Würdigung.

Früher haben sie die Tanne zum Fest noch gemeinsam geschleppt, Harry vorn, Sally hinten. Diesmal versucht sie es allein, lässt den Baum beim Bezahlen umkippen, umarmt ihn, will ihn, vor dem Bauch, wegwuchten, stolpert über die Zweige, zerrt schließlich das grüne Monstrum resigniert hinter sich her.

Eine Schlüsselszene aus der Komödie „Harry und Sally“, nicht ganz so berühmt wie Meg Ryans Seufzen, Stöhnen, Schreien in „Katz’s Delicatessen“, aber fürs Zueinanderfinden der Titelhelden kaum weniger essenziell: Der Weihnachtsbaum wird zur Metapher für die unerträgliche Schwere des Seins, die man am leichtesten zu zweit bewältigt.

Die symbolische Aufwertung eines simplen Nadelgehölzes hat in den letzten Wochen des Jahres Hochkonjunktur. Die klassischen Weihnachtsfilme bilden ein eigenes, familiengerechtes Genre, Jahr für Jahr durch neue Variationen des immer gleichen Themas ergänzt, in dieser Saison durch die Komödien „Die Gebrüder Weihnachtsmann“ und „This Christmas“. Der Unterhaltungsindustrie dienen solche Filme als zuverlässige Werkzeuge, um den vor den Festtagen sprunghaft ansteigenden Familiensinn, das Bedürfnis nach Liebe, Gemütlichkeit und Harmonie an der Kinokasse abzuschöpfen.

Das legt eine Grundsüße ihrer Produkte nahe, spricht aber noch nicht grundsätzlich gegen sie. Gern heißen solche meist sanft komischen bis klamaukigen Filme „Buddy, der Weihnachtself“ oder „Oh je, du Fröhliche“. Und wenngleich es in ihnen nicht immer so ein Prachtexemplar gibt wie in dem Animationsfilm „Der Polarexpress“, wo ein XXL-Christbaum die Stadt des Weihnachtsmanns überragt, ist das mit Kugeln und Kerzen geschmückte Requisit doch das unentbehrliche Zentrum, um das solche Geschichten kreisen.

Eine besondere Rolle spielen Verfilmungen von Charles Dickens’ „A Christmas Carol“ um den hartherzigen, zuletzt bekehrten Ebenezer Scrooge. Die erste entstand 1901 als Kurzfilm, die neueste breitet Robert Zemeckis als 3-D-Version vor, dazwischen gibt es dutzende Varianten, sogar eine im Wilden Westen, mit Jack Palance als Revolverheld Scrooge, und auch eine Mickymaus-Version.

Bereits hier deutet sich eine Auflösung der Genregrenzen an, eine Ausdehnung des Weihnachtsthemas über den klassischen Lamettafilm hinaus. Damit einher geht eine Funktionsausweitung des Christbaums, der, ursprünglich nur jahreszeitliche gebundene Dekoration, den jeweiligen Anforderungen unterworfen wird, anzutreffen in fast allen Genres. So muss der Kinogänger zu jeder Jahreszeit mit Weihnachtsbäumen rechnen.

Nehmen wir nur den Kriegsfilm: Im April 1959 lief „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ an. Die Soldaten, die sich darin am Heiligabend in einer schneeverwehten Mulde zur Andacht versammelten, hatten keinen der Weihnachtsbäume abbekommen, die tatsächlich 1942 nach Stalingrad geflogen worden. Ein Holzgestell mit sieben Kerzen wurde zum Baumersatz, als Begleitmusik gab es allenfalls die Stalinorgel. Improvisieren mussten auch Tyrone Power Jr. und Micheline Presle in „Der Held von Mindanao“, Fritz Langs Film über Japans Invasion auf den Philippinen: Sie begingen Weihnachten mit Maschinenpistole und Mimosenbäumchen.

Mit „Stille Nacht“ auf den Lippen und einem lichtergeschmückten Bäumchen in der Hand entstieg Benno Fürmann in „Merry Christmas“ dem Schützengraben, Christian Carions Film über die Verbrüderung an der Westfront 1914. Einen Baum mit allem drum und dran konnte sich Hauptmann Brückner (Arno Paulsen) in Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ noch 1942 leisten und schmückte ihn mit Hingabe, während er – „Eliminieren!“ – ein Massaker an polnischen Zivilisten befahl. Drei Jahre später sollte Hildegard Knef in ihrer Berliner Ruinenwohnung wieder einen Baum, nun Symbol des Friedens, schmücken – im Gegensatz der parallelen Szenen erfasste Staudte die ganze Zerrissenheit der deutschen Seele.

Ist der Baum hier Tatort, vermag er ebenso leicht die Rolle des Opfers zu übernehmen. Bei der Weihnachtsfeier im Nakatomi-Tower, zu Beginn des Action-Klassikers „Stirb langsam“, durften noch alle den offiziellen Konzernbaum bewundern, gegen Ende reißt eine Explosion ihn um. Zuvor musste schon ein Tischbäumchen dran glauben, im „friendly fire“ von Bruce Willis’ Maschinenpistole zerfetzt. Sogar Bond, James Bond, machte ähnlich unliebsame Erfahrungen. In seinem sechsten Abenteuer „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ wird der Agent ausgerechnet am Heiligabend enttarnt und niedergeschlagen. Als er benommen aufwacht, fällt sein erster Blick auf einen mit Goldgirlanden dekorierten Baum. Nicht mal ein Schurke wie Blofeld – „Fröhliche Weihnachten, 007“ – möchte darauf verzichten.

Katastrophen, so scheint es, ziehen dieses Requisit fast magisch an, eine aus Sicht der Regisseure sehr günstige Kombination. In „Der weiße Hai IV – Die Abrechnung“ findet der Zusammenstoß zwischen Zivilisation und unberechenbarer Natur seine bildhafte Entsprechung im Kontrast zwischen der idyllischen Bescherung unterm Baum und dem erbarmungslosen Kampf auf dem Meer. Auch „Die Höllenfahrt der Poseidon“ ist typisch für dieses Genre: Eine Riesenwelle lässt ein Passagierschiff kentern und den Weihnachtsbaum im Ballsaal umstürzen. Zur Leiter umfunktioniert, dient er Rev. Frank Scott (Gene Hackman) und seinen Schützlingen als Fluchtweg, die übrigen Schiffbrüchigen, die nicht an den Baum glauben, ertrinken.

Im Fantasygenre reichen die Beispiele von dem mit Totenköpfen und Skeletten geschmückten Horrorbaum in „Die Addams Family“ bis zu einer von Fledermäusen bewohnten Tanne in Tim Burtons „Nightmare before Christmas“. Die beiden Letzteren ragen bereits in die Komödie hinüber, die eigentliche Domäne des Weihnachtsbaums. Nur bei einem Chaospaar wie Laurel und Hardy kann der vergebliche Versuch, in Kalifornien Tannen zu verkaufen, in einer Zerstörungsorgie enden.

Doch was sind weihnachtliche Filmspäße wie „Kevin – Allein zu Haus“ oder Ernst Lubitschs „Rendezvous nach Ladenschluss“ gegen die großen Schicksalsdramen und Gesellschaftstragödien, die Klassiker der Filmgeschichte. Gegen Filme wie David Leans „Doktor Schiwago“, worin Geraldine Chaplin ahnungslos den Familienbaum schmückt, dessen Wurzeln längst verdorrt sind. Oder Stanley Kubricks letztes Werk „Eyes Wide Shut“, in dem Tom Cruise durch ein mit Weihnachtsbäumen geradezu überschwemmtes Manhattan irrt, bedrohlich wirkenden, in kaltem Blau und Rot strahlenden Wegmarken im Labyrinth der Seele.

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