Zeitung Heute : Nächste Station: Oberlinden

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Ich fahre jeden Morgen mit der Trambahn vier Stationen bis zu der Schule, die ich zurzeit besuche. In der Regel bin ich nicht besonders gut drauf. Ich glaube, kein Mensch ist besonders gut drauf, wenn er in die Schule fährt. Ich mache gerade mit 21 Jahren den Hauptschulabschluss nach. Kein besonderes Ruhmesblatt, aber über meine Schulkarriere möchte ich jetzt nicht sprechen.

Die Trambahn, mit der ich fahre, ist rot-weiß, das ist die ältere Bauart. Die neue ist blau oder silbern. Nicht so wichtig. Mein Waggon ist immer tierisch voll. Ich kriege nie einen Sitzplatz und stehe auf der hinteren Plattform. Von diesem Aussichtspunkt aus habe ich einen schönen Blick auf die Tür, die sich öffnet und schließt. Und auf die Menschen, die aus der Ferne herbeieilen und unter allen Umständen noch mitwollen. Ich stelle mir vor, ich wäre in einer Art Rettungsboot, das die letzte Möglichkeit bietet, zu überleben. Meine Fahrt geht los an der Schwabentorbrücke. An der Schwabentorbrücke sind es meistens nur Schüler, die einsteigen wollen. Man sieht ihnen an, dass sie bis zur allerletzten Minute im Bett geblieben sind. Jetzt zappeln die bunten Schulranzen und Rucksäcke auf ihren Rücken. Ranzen. Ein wunderschönes Wort. Passt zu Unterrichtsbeginn, Klausur, mündliche Sechs.

An der Station Oberlinden rennen die Geschäftsmänner. Würdig gekleidet, teilweise mit Hut und schwarzen Koffern. Sie zappeln nicht beim Rennen, sie laufen mehr wie Hürdenspringer. Mit einer Hand halten sie vorn ihre Mäntel zu, weil sie zu Hause keine Zeit mehr gehabt haben, die Knöpfe zu schließen. Ihre Gesichter sind wütend. Man hat das Gefühl, es steht viel auf dem Spiel, wenn sie es nicht schaffen. Vergangene Woche wurde einer von der Tür eingezwickt. Sie ist dann wieder aufgegangen. Dann fiel er hinaus. Und die Trambahn fuhr weiter. Früher, sagte eine Frau, wäre das nicht möglich gewesen, weil da jeder Waggon einen Schaffner hatte, der auf so etwas Acht gab.

Die nächste Station ist Bertholdsbrunnen. Da wollen die meisten rein, auch Frauen mit Kinderwägen. Man weiß nicht genau, warum sie gerade diese Bahn zu dieser Zeit erwischen müssen. Die Mütter sind ganz aufgelöst. Aber den Kindern scheint es zu gefallen, wenn sie im Volltempo über das Kopfsteinpflaster geschoben werden. Sie brüllen dann erst, wenn sie drin sind. Von draußen hört man sie ja nicht, wenn sie zurückbleiben müssen. Jetzt sind wir mitten in der Stadt. Die Läden haben noch nicht auf, aber an der nächsten Haltestelle Stadttheater stehen schon viele mit Einkaufstaschen. Sie müssen offensichtlich nicht ins Büro, aber sie haben es trotzdem furchtbar eilig. Ich frage mich, wohin die Leute alle wollen oder müssen. Einer sieht so aus, als müsste er zum Zahnarzt (geschwollene Backe). Eine andere muss vielleicht einen Krankenbesuch machen, weil sie schon am frühen Morgen Blumen dabeihat. Die Frau neben mir fragt mich, ob sie in der richtigen Trambahn zum Arbeitsamt ist. Sie sieht irgendwie tapfer aus. Sie hat ihre Haare mit einer fröhlichen, bunten Spange hochgesteckt. Sehe ich auch tapfer aus? Ich habe meine Haare nicht hochgesteckt, nicht einmal richtig frisiert. Zähneputzen habe ich gerade noch geschafft. Ich gehöre nämlich auch zu denen, die in letzter Sekunde ihre Bahn erwischen. Wenn man sie erwischt hat, freut man sich dann, wenn andere sie nicht mehr erwischen? Darüber mag ich so früh am Morgen jetzt nicht nachdenken. Ich steige am Hauptbahnhof aus. Unterrichtsbeginn, Klausur, mündliche Note hoffentlich nicht Sechs.

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