Zeitung Heute : Näher am Osten als am Westen

SIGMAR GLEISER

Was die Entwicklungen des Arbeitsmarktes für qualifiziertes Personal im vergangenen 1.Quartal betrifft, steht Berlin den neuen Ländern merklich näher als den alten.Besonders hervorzuheben sind die Tendenzen in den einzelnen Branchen: Während im Westen von Januar bis März im Vergleich zur Vorjahresperiode in allen Branchen mehr Stellen angeboten wurden, ging in Berlin - ähnlich wie im Osten - in einer ganzen Reihe von Wirtschaftszweigen das Angebot zurück.Dieses Fazit ergibt sich aus den Recherchen des Hamburger Printmedienanalysten EMC, der Stellenanzeigen in Zeitungen auswertet.

So wurde in Berlin in zahlreichen Segmenten des Handels, des Baugewerbes, der Immobiliengesellschaften sowie der Konsumgüter-, Nahrungs- und Genußmittelindustrie weniger Personal gesucht.Selbst ein so wichtiger Dienstleister wie die Versicherungswirtschaft bot an der Spree weniger Stellen an als ein Jahr zuvor, während sie im Westen deutlich mehr Personal suchte.

Aber auch in den Bereichen, in denen für Berlin ein Wachstum auf dem Stellenmarkt zu beobachten ist, gab es markante Unterschiede.So lag in einem der bedeutendsten Expansionsbereiche der Wirtschaft, der DV-Beratungs- und Softwarebranche, das Stellenangebot gemessen am Gesamtangebot des Fach- und Führungskräftemarktes im Westen bei über 16 Prozent, im Osten bei nur 6,5 Prozent und in Berlin bei mittleren 9,5 Prozent.In absoluten Zahlen wird der Unterschied noch deutlicher.So kamen im ersten Quartal 1998 im Westen aus dieser Branche über 10 000 Stellen auf den Markt, im Osten waren es 800, wovon 455 noch auf Berlin entfielen.

Das heißt, in einem der innovativsten und zukunftsorientiertesten Kernbereiche des deutschen und internationalen Dienstleistungssektors droht den neuen Ländern hier eine Randposition.Aber auch in Berlin herrscht längst keine vergleichbare und wünschenswerte Dynamik wie in den alten Ländern.

Ganz anders - von der ökonomischen Seite her allerdings wieder ähnlich - stellte sich das Stellengeschehen des öffentlichen Dienstes dar.Fast ein Fünftel des in Ostdeutschland ausgeschriebenen Stellenangebotes bezog sich auf den öffentlichen Dienst, 17 Prozent waren es immerhin in Berlin, aber nur etwas über elf Prozent in Westdeutschland.Der steuerfinanzierte öffentliche Sektor hat somit in Berlin und in Ostdeutschland ein erheblich höheres Gewicht als im übrigen Teil des Landes.Das hat auch Konsequenzen für die gesuchten Fachrichtungen.Anteilig werden in Berlin und den neuen Ländern beinahe doppelt so viele Juristen gesucht wie im übrigen Bundesgebiet.Bei den Informatikern und DV-Spezialisten beweist sich wiederum mit einem anteilig etwa doppelt so hohen Angebot die Priorität der westlichen Länder: 23 Prozent hier, knapp zehn Prozent im Osten, 12,5 Prozent in Berlin.

Ein weiterer gravierender Unterschied zeigte sich im Vertrieb.In den östlichen Ländern und Berlin wurde hier deutlich mehr Personal gesucht als im Westen.Insbesondere die Pharmaindustrie, die Kreditwirtschaft, die Versicherungen, die Immobiliengesellschaften, die Druck- und Verlags- sowie die Elektroindustrie suchten im Vertrieb die meisten Kräfte, um in einem offensichtlich noch nicht gesättigten Markt ihre Erzeugnisse zu präsentieren.

Das Angebot für akademisch qualifizierte Kräfte wuchs im ersten Quartal 1998 gegenüber dem Vorjahresquartal im Osten um 30 Prozent und in Berlin um 38 Prozent - aber im Westen um 64 Prozent.Auf dem gesamten Fach- und Führungskräftemarkt für Printmedien lag der Anteil der Akademiker mit 68 Prozent im Westen am höchsten, in Berlin mit 60 Prozent ein gutes Stück darunter und bildete mit 54 Prozent in den neuen Ländern das Schlußlicht.Positiv formuliert heißt das aber auch, daß Nichtakademiker zwischen Ostsee und Thüringer Wald größere Chancen haben als in Berlin und in den alten Ländern.

Auf der anderen Seite ist aber in ganz Deutschland zu erkennen, daß trotz aller regionalen Unterschiede und zum Teil anders lautender Äußerungen Bildung in der Weise belohnt wird: gut qualifizierte Bewerber haben bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt!

Der Autor ist Fachbereichsleiter bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Frankfurt am Main.

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