Zeitung Heute : Närrische Parade am Meer

Günter Schenk

Gleich zu Hunderten tobt Alf durch die Stadt, das fernsehbekannte Zottel-Kerlchen. Lauter lustige Gesellen, einer ausgelassener als der andere. Irgendwo rempeln sich ein paar Burschen im Fellkleid an. Junge Männer mit kiloschweren Glocken auf dem Rücken. Munter marschiert Donald Duck durch die Gasse nebenan, im Schlepptau ein Harem voller Mickey-Mäuse. Dahinter schleicht der Osterhase, lassen zwei Dutzend Weihnachtsmänner Konfetti regnen. Verkehrte Welt in Kroatien, Rijeka feiert Karneval.

Hunderttausende säumen beim größten Maskenzug Kroatiens die Straßen. Geben einer bunten Parade Geleit, die am Fastnachtssonntag knapp zehntausend Narren aus allen Teilen des Landes vereint, dazu kostümierte Gruppen aus ganz Europa. Aus einem italienischen Dörfchen ist der Knödelkönig gekommen. Ein Karnevalsprinz, für den die Zeit vor Aschermittwoch vor allem zum Schlemmen da ist. Aus Polen sind ein paar Dutzend Männer in Fetzenkleidern angereist, eine muntere Truppe, die sonst zum Jahreswechsel durch die Tatra streift. Verwegene Burschen aus dem benachbarten Slowenien ziehen einen Pflug durch die Straßen, ein jahrhundertealter Fastnachtsbrauch, der an die christlichen Wurzeln des Festes erinnert.

Dame im weißen Galakleid

An Rijekas österreichisch-ungarische Vergangenheit gemahnt die Dame im weißen Galakleid. Kaiserin Maria Theresia, deren lebendige Kopie mit Beifall empfangen wird. In Zivil naht schließlich ein Trauerzug, begleiten Männer und Frauen einen Papp-Sarg, in dem die personifizierte Fastnacht ruht. Eine Strohpuppe erinnert an die Vergänglichkeit des Lebens und damit auch eines Festes, das in Rijeka zu seiner eigenen Form gefunden hat: ein multikultureller Kunst-Karneval, der vom Wandel einer Gesellschaft profitiert, deren kulturelles Erscheinungsbild über Jahrzehnte staatlich vorgeschrieben war.

Im neuen Karneval an der Kvarner Bucht zeigt sich das neue Selbstbewusstsein der Kroaten. Jahr für Jahr stecken die Bürger mehr Geld in ihre Kostümierung, die kaum noch etwas gemein hat mit den Fetzen und Lumpen, in denen man einst an den Tagen vor Aschermittwoch von Haus zu Haus zog. Rijekas närrische Parade gehört heute zu den größten Europas. Aus kleinen Stadtteilumzügen ist in knapp zwei Jahrzehnten Kroatiens wichtigste närrische Demonstration geworden. Was Franzosen, Italiener und Malteser in Nizza, Viareggio und La Valetta vorgemacht haben, den Karneval als touristische Attraktion der Wintersaison zu vermarkten, hat die Kroaten nicht ruhen lassen.

Auch die Kvarner Touristik-Manager, die ein Großteil der Devisen für das Land erwirtschaften müssen, organisieren inzwischen erfolgreich Kostümfeste und bunte Fastnachtszüge. Vom närrisch-lauten Trubel um die Kvarner Bucht profitiert vor allem das längst bekannte Opatija, das sich den Karnevals-Gästen mit vielen Pensionen und Hotels als Übernachtungsstandort anbietet.

Auch Opatija organisiert seinen Saal- und Straßenkarneval nach internationalem Muster. Eine Woche vor Rijeka freilich, um sich keine Konkurrenz zu machen. Dann kommen viele Maskengruppen aus dem bergigen Hinterland herunter ans Meer. Die "Zvoncari" vor allem, Burschen im Fellkleid und großen Glocken am Gürtel. Trinkfeste Gesellen, die wie die Wilden durch die Straßen toben. Zur Freude der Urlauber, die in der Kvarner Bucht dem kalten Winter zu entfliehen suchen.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts hatten Ärzte hier die hohe Aerosol-Konzentration in der Luft entdeckt und die Region zum Kuren empfohlen. Durchschnittstemperaturen von knapp zehn Grad Celsius machten den Küstenstreifen schnell zum winterlichen Ferienquartier für Europas Schickeria. Als Pendant zu Nizza, das mit ähnlichen Klimapfunden wucherte. Zu den ersten Stammgästen gehörte die kaiserlich-königliche Familie aus Wien. Aber auch Preußens Wilhelm II. und die Monarchen aus Italien, Rumänien oder Schweden machten immer wieder gern in Opatija Station.

Für Europas gekrönte Häupter wurde die alte Fischersiedlung mit dem Benediktinerkloster schnell zur Top-Adresse. In ihrem Gefolge kamen schließlich auch die Künstler. Gustav Mahler, der hier an seinen Symphonien arbeitete, Puccini oder Franz Lehar, der sich von den abendlichen Vergnügungen zu Operetten inspirieren ließ. Der Tenor Benjamino Gigli heilte in Opatija seine Stimmbänder. Und die große amerikanische Ballerina Isadora Duncan ließ sich von den im Wind schwingenden Palmen am Strand zum Tanz animieren.

Der mondäne Glanz von einst ist heute noch spürbar, auch wenn es hinter vielen Fassaden bröckelt. Zur Belebung des Geschäftes kommen die Fastnachtswochen gerade recht. Amerikas Nachrichtensender CNN, erzählt man in Rijeka stolz, habe den Karneval rund um die Kvarner Bucht bereits als einen der größten in Europa eingestuft. Damit das so bleibt, stecken die Tourismus-Planer jährlich mehr Geld in ihr Fest, das zur Hälfte von der Stadt finanziert wird. Ausländische Gruppen erhalten Kost und Logis, dazu einen Zuschuss zu den Reisekosten. Die Aussicht auf einen Auftritt im Fernsehen, das das Spektakel überträgt, lockt zudem viele Akteure aus dem bergigen Hinterland und den vorgelagerten Adria-Inseln nach Rijeka.

Unüberhörbar aber sind auch die politischen Töne, die Aktionen der vielen kleinen Narren, die sich über die schleppende Privatisierung ärgern oder über die zu hohen Preise, die der wirtschaftliche Wandel mit sich bringt. Karneval in Kroatien ist längst auch Meinungsbörse, Forum einer zunehmend demokratischen Gesellschaft, die mehr und mehr an Selbstbewusstsein gewinnt. Auch Opatijas Karnevals-Organisatoren bekamen dies jetzt zu spüren, als sich die ersten Karnevalsgruppen aus dem Hinterland weigerten, zur närrischen Parade ans Meer zu fahren. "Warum kommen sie mit den Touristen nicht zu uns in die Berge", beschieden sie den Urlaubs-Planern am Meer, "wir tanzen nicht gern auf Asphalt".

In diesem Jahr wird der Karneval in Rijeka zwischen dem 1. und 10. Februar gefeiert.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben