Zeitung Heute : Nahost: Brot und Bomben

Andrea Nüsse

Steil erheben sich die Bergwände. Auf der einen Seite grauer Fels bis zum Gipfel des Ebal, keine Pflanze wächst hier. Gegenüber ragt ebenso steil der Berg Gerizim über die judäische Wüste. Im Kessel dazwischen liegt eingeschlossen Nablus, die größte Stadt im Westjordanland. Sobald man in der Stadt den Blick erhebt, prallt er auf eine dieser Felswände. Haben die Berge im Norden und Süden Nablus über Jahrhunderte vor Überfällen bewahrt und zu einem Hort des Widerstands gegen Eroberungen gemacht, so werden sie jetzt im Konflikt mit Israel zur Falle. Denn alle Ausfahrtstraßen sind seit 15 Monaten fast ununterbrochen. Einige sind zerstört, andere von der israelischen Armee abgeriegelt. Palästinensische Bewohner des Westjordanlands dürfen sie nicht benutzen. Mit israelischem Pass und Autokennzeichen dagegen braust man in 45 Minuten ins 63 Kilometer entfernte Jerusalem. Die meisten Bewohner von Nablus dagegen können die Stadt nur über Schleichwege durch die Berge verlassen.

Von den Bergen aus kann die israelische Armee Nablus leicht kontrollieren. Doch am Dienstagmorgen haben die Panzer ihre Stellungen rund um die Stadt verlassen und sind für wenige Stunden in die autonome palästinensische Stadt eingerollt. Die Menschen verschanzten sich in ihren Häusern, die Geschäfte blieben geschlossen.

Sie lauschten. Die israelische Armee zerstörte nach eigenen Angaben ein Labor der islamistischen Organisation Hamas, in dem Bomben hergestellt worden sein sollen. Im Fernsehen waren Bilder von Leichen in einer ausgebrannten Wohnung zu sehen. Die Israelis sagen, vier Hamas-Mitglieder seien bei Kämpfen in der Stadt getötet worden, die Palästinenser sagen, die Männer seien von einem israelischen Kommando bei der Erstürmung des Gebäudes ermordet worden. Dann zogen die Panzer wieder ab.

Sie hinterließen eine schockierte Stadt, deren Wut sich nun gegen die eigene Führung richtete: Eine aufgebrachte Menschenmenge zog zum Gefängnis in der Stadtmitte und verlangte die Freilassung der dort inhaftierten 15 Hamas-Mitglieder. Der Gouverneur der Stadt, Mahmoud Aloul, hatte sie Mitte Dezember festsetzen lassen, nachdem Palästinenserpräsident Arafat ein härteres Vorgehen gegen die militante Organisation angeordnet hatte. Doch nach dem Tod der vier Hamas-Aktivisten am frühen Morgen konnte Aloul diese Entscheidung nicht mehr aufrecht erhalten. Der diensthabende Offizier zog, von etwa 5000 teilweise bewaffneten Hamas-Anhängern bedrängt, schließlich einen angeblichen Befehl Jassir Arafats aus der Tasche, der die Freilassung von Nidal Abu Arus anordnete. Sein Bruder war beim Angriff der israelischen Armee am Morgen getötet worden.

Als die israelische Armee in die Stadt eindrang, kochte der aufgestaute Zorn der Bewohner über. Sie leiden seit mehr als einem Jahr unter der Abriegelungspolitik der Israelis. Geschäftsleute können ihre Waren nur über Schleichwege in die Stadt bringen. Radios, Taschenlampen und Gasöfen werden auf Esel geladen, denn Autos können das unwegsame Gelände nicht passieren. Die Wirtschaft des regionalen Handelszentrums, das auf seine Kunden und Zulieferer im Umland angewiesen ist, liegt am Boden.

Seit Jahrzehnten hat Nablus den Ruf, ein Hort der Rebellion zu sein. Bereits unter dem britischen Mandat war die Stadt ein Zentrum des Kampfes gegen die jüdische Einwanderung. Auch Jassir Arafat hat nach 1967 von hier aus Netzwerke des Widerstandes aufgebaut. Und heute ist Nablus eine Hochburg der Islamisten.

Hochburg der Märtyrer

"Hamas war noch nie so stark wie heute", sagt Mohammed Ghazal und nippt an seinem Tee. Der freundliche Mann mit den zartroten Wangen und dem grauen Vollbart ist Professor für Ingenieurswesen an der Najah-Universität in Nabus. Und einer der lokalen Führer der islamisch-fundamentalistischen Hamas. In dem kleinen Café neben dem Haupteingang zur Universität ist es ruhig. Die weißen Plastikstühle im oberen Stockwerk, das Frauen und Familien vorbehalten bleibt, sind leer. Die Studenten haben ihre Prüfungen am Tag zuvor beendet. Der Professor lässt einen zweiten Löffel Zucker in seinen Tee rieseln und sagt dann, den Erfolg seiner Organisation könne man daran ablesen, dass Tausende von Menschen zu ihren Veranstaltungen kämen. Zur Beerdigung ihres von den Israelis ermordeten Führers Jamal Mansour seien hunderttausend Menschen gekommen.

Auch die Najah-Universität, an der Ghazal unterrichtet, ist fest in der Hand der Islamisten. Angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs der Stadt ist man fast überrascht, einen so gepflegten Campus vorzufinden. Die teilweise neuen Gebäude aus hellem Stein sind um eine Plaza herum gebaut, auf der Sitzplätze und Treppen zum Verweilen einladen. Bei den Wahlen zum Studentenparlament im vergangenen November hat der islamische Block, bestehend aus Hamas und Islamischem Dschihad, 60 Prozent der Stimmen bekommen. Damit haben die Islamisten die Vertreter der Fatah von Jassir Arafat an der größten Universität des Westjordanlandes weit überflügelt.

Ala Ahmed Khalid Hamidan, Präsident des Studentenrates und Hamas-Mitglied, weiß, warum: Die Menschen hätten angesichts der israelischen Angriffe und Schikanen den Glauben in den Friedensprozess verloren und sähen im Widerstand, für den die Hamas steht, die einzige Lösung. Der 27-jährige Englisch-Student mit Vollbart, schwarzer Hose und schwarzem Blouson über dem karierten Hemd sitzt in seinem Büro in der Universität. Das Fenster ist trotz der Winterkälte weit geöffnet. Das Büro wirkt merkwürdig unbewohnt: Ein leerer Schreibtisch steht darin, auf dem mehrere Mobiltelefone liegen, ansonsten gibt es nur einige Plastikstühle. Der einzige Schmuck ist ein kleines Poster der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem, das in einer Ecke der ansonsten leeren Pinwand hängt. "Die Studenten haben gesehen, wie engagiert unsere Vertreter in den früheren Studentenparlamenten gearbeitet haben", sagt Hamidan. So hat der islamistische Block die Erhöhung der Studiengebühren verhindert, außerdem organisiert er einen Boykott israelischer Waren. Die Hamas-Vertreter hatten im Herbst bei kleinen Händlern und Unternehmen Spenden gesammelt und 1000 Lebensmittelkörbe im Wert von umgerechnet 30 Dollar an bedürftige Studenten verteilt, unabhängig von ihren politischen Überzeugungen. Außerdem hilft die Hamas bei der Suche nach einer Unterkunft oder einem gebrauchten Gasofen. Das bestätigt auch die Universitätsleitung.

Doch neben dem politischen und sozialen Engagement der Hamas, sagt Hamidan, gebe es noch einen anderen Grund für die Popularität der Islamisten: "Wir stellen die meisten Märtyrer an der Universität." Das spreche sich herum und verschaffe große Glaubwürdigkeit. Zehn der 18 Studenten, die von der israelischen Armee seit Beginn der zweiten Intifada getötet wurden, seien Mitglieder der Hamas oder der Islamischen Dschihad gewesen. Drei Studenten seien von den Israelis ermordet worden, vier bei Selbstmordanschlägen gestorben. Auch der Attentäter, der am 12. Dezember das Feuer auf einen Bus nahe der Siedlung Immanuel eröffnete und acht Siedler erschoss, kam von der Najah-Universität. Es heißt, er tat es, um seinen Bruder, den israelische Soldaten vor seinen Augen erschossen hatten, zu rächen.

Von solchen Selbstmordanschlägen weiß Hamidan vorher angeblich nichts. "Wir sind immer überrascht, wenn wir von einer Tat hören." Man kenne die Mitglieder des militärischen Flügels der Hamas nicht - aus Sicherheitsgründen. Höchstens die engsten Freunde wüssten vielleicht Bescheid. Keiner sei glücklich über die Selbstmordanschläge auf israelische Zivilisten, sagt Hamidan zumindest gegenüber der westlichen Journalistin. Aber die Anschläge seien eben nur Reaktionen auf ihr großes Leids, fügt er dann noch hinzu. Dennoch glaubt er, dass die militärischen Aktionen ihr Ziel erreichen werden. Das Ziel - da habe man Zugeständnisse an die Realität machen müssen - sei das Ende der Besatzung in den 1967 von Israel eroberten Gebieten. Die Israelis hätten zu viel zu verlieren und würden daher irgendwann dem militärischen Druck nachgeben, sagt Hamidan.

Der Kampf als einziger Ausweg

Darf man dem lokalen Hamas-Führer Mohammed Ghazal glauben, gibt es eine strikte Trennung zwischen dem politischen und militärischen Flügel der Hamas, zumindest auf den unteren Ebenen. Darüber scheint Ghazal nicht sehr glücklich: "Es sollte da eine größere Kooperation geben", der politische Flügel solle den militärischen kontrollieren. Warum ist er, Akademiker, der in Russland und in den USA gelebt hat, dann trotzdem in dieser radikalen Bewegung? Hamas, sagt Ghazal, vereine seine politischen und religiösen Überzeugungen von alllen Gruppen am besten. "Wir haben 20 Jahre lang, von 1967 bis 1987 freundlich nach unseren Rechten gefragt - Israel hat uns nichts gegeben." Terroranschläge aus jenen Tagen verschweigt er geflissentlich. "Die Israelis lassen uns keinen anderen Ausweg als zu kämpfen."

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