Zeitung Heute : Nahost-Konflikt: Mister Palestine

Andrea Nüsse

Die Fassade ist geblieben. Die gleichen hervorstehenden Augen, die dicke, etwas herunterhängende Unterlippe, die allerdings immer mehr zittert, der gleiche Stoppelbart. Auf dem Kopf die weiß-schwarze Keffieh, die in Form einer Landkarte Palästinas an einer Seite herunterhängt, dazu die grüne Militäruniform. So kennt man Arafat, den Palästinenserführer, so stand er am Mittwoch auf der Treppe zum Eingang des Elysée-Palasts, um dem französischen Präsidenten Jacques Chirac die Hand zu schütteln.

Wer Arafat in diesen Tagen beobachtet, der kann nicht anders als dabei an ein Zitat des amerikanischen Außenministers Colin Powell zu denken: "The guy is lost" soll er unter dem Eindruck eines Telefonats mit Arafat gesagt haben, ein Zitat aus einem Gespräch mit Kanzler Schröder, das peinlicherweise irgendwo zwischen Washington und Berlin seinen Weg in die Öffentlichkeit fand. Hat Arafat "völlig den Bezug zur Realität verloren", wie Powell meint? Den äußeren Anzeichen nach ist die Frage schwer zu beantworten, denn der 71-Jährige hat sich hinter seiner unveränderten Fassade stets gewandelt, viele verschiedene Rollen gespielt. Nur so viel ist klar: Von seinem Ziel, einen palästinensischen Staat zu gründen, ist er nach dem Zusammenbruch des Friedensprozesses und acht Monaten blutiger Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Israelis denkbar weit entfernt.

Welche Rolle aus seinem reichen Repertoire spielt er heute? Die israelische Regierung meint, die Antwort zu kennen: Arafat sei nach einem taktischen Ausflug in die Sphäre der Diplomatie zurückgekehrt zu seinen Ursprüngen. Arafat, der ewige Terrorist. Grund genug, ihn und seine Vertrauten persönlich ins Visier zu nehmen.

Der Sicherheitschef der Westbank, Jibreen Rajoub, war vor wenigen Tagen im Wartezimmer eines Krankenhauses zu sehen: Er musste sich eine Verletzung an der Hand behandeln lassen, nachdem die israelische Armee sein Haus beschossen hatte. Vorher hatte es den Sicherheitschef des Gaza-Streifens, Mohammad Dahlan, getroffen: Kaum hatte er sich von seinen israelischen Gesprächspartnern verabschiedet, mit denen er im Haus des US-Botschafters Martin Indyk über die Wiederaufnahme der Sicherheitskooperation gesprochen hatte, wurde sein Wagen minutenlang von israelischen Soldaten beschossen. Arafat selbst wurde bisher nicht angegriffen, doch in Israel diskutiert man über eine weitere Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit: Am vergangenen Samstag hat Israel noch einmal grünes Licht für die Reise nach Kairo zum Treffen der Arabischen Liga gegeben - ob man Arafat auch wieder nach Gaza heimkehren lassen wollte, war lange unklar. Auch dass es möglich sei, Arafat nach Tunis zu deportieren, ließ man die Öffentlichkeit durch gezielte Indiskretionen wissen.

Arafat aber, der Kämpfer und Taktiker, den wegen seines Muts sogar seine Kritiker respektieren, lässt sich nicht einschüchtern. In den 60er Jahren hat er viele Fatah-Kommandos bei Infiltrierungen nach Israel persönlich angeführt. Als die Palästinenser 1982 aus Beirut vertrieben wurden und der damalige Verteidigungsminister Ariel Scharon ihm nach dem Leben trachtete, blieb er bis zum Schluss und zog erst mit seinen letzten Soldaten nach Tunis ab. Gerade in aussichtslosen militärischen Situationen hat Arafat einige seiner größten Triumphe gefeiert. In der Schlacht um das Dorf Karameh im März 1968 hat er sich mit seinen Fatah-Kämpfern einem Angriff der israelischen Armee gestellt - gegen den Rat der jordanischen Regierung und anderer Palästinensergruppen. 28 Israelis wurden getötet, und die israelische Armee verließ - vom Widerstand überrascht - fluchtartig das Kampffeld. Die palästinensischen Verluste waren zwar ungleich größer, doch das Auftreten von Arafats Truppe beeindruckte die Palästinenser so sehr, dass fortan Freiwillige in die Fatah-Lager in Jordanien strömten. Arafat wurde der unangefochtene "Mister Palestine".

Inzwischen ist Arafat ein alter Mann geworden, vielleicht ist seine große Zeit vorbei, aber verteidigen muss er seine Autorität im palästinensischen Lager nicht mehr. Er ist der politische Führer der Palästinenser, der Einzige, der alle Fraktionen zusammenhalten und für eine Mehrheit des Volkes sprechen kann. Seine Position scheint durch die unnachgiebige Haltung gegenüber Israel sogar gestärkt. Auch die Hamas, die sich mit dem Selbstmordanschlag im Einkaufszentrum von Netanja vergangene Woche zurückgemeldet hat, bedroht seine Führung nicht - die Hamas ist zufrieden, weil Arafat sie gewähren lässt. Und er denkt nicht daran, ihre Aktionen zu unterbinden, solange Israel die Palästinenser so sehr bedrängt. Zwar lehnt er die Verantwortung für die Anschläge ab, aber etwas von der blinden Entschlossenheit der Attentäter soll ruhig auch ihm zugeschrieben werden.

Arafat spürt, dass der Zorn seiner Landsleute mit jeder neuen Straßensperre, mit jedem israelischen Bombenangriff wächst. Deshalb lässt er allen Fraktionen freien Lauf, und so entsteht der Eindruck, er habe die Zügel nicht mehr in der Hand. Gerade dass er es schafft, alle politischen Strömungen im eigenen Lager aufzunehmen, hat ihn jedoch über Jahrzehnte zum unangefochtenen Führer politisch stark zerstrittener Gruppen gemacht. Arafat wird nur versuchen, diesen Zorn zu bändigen, wenn er davon überzeugt ist, dass ihm dies auch gelingen wird. Eine Rückkehr zu Verhandlungen im Rahmen des Osloer Friedensprozesses kann Arafat seinen Gefolgsleuten nur verkaufen, wenn er belegt, dass Israel es diesmal ernst meint. Falls Israel einem totalen Siedlungsstopp zustimmt und die Verhandlungen wieder aufnehmen will, könne das Arafat gelingen; da sind sich Informationsminister Jassir Abed Rabbo und andere Vertraute sicher.

Wenn sich Arafat derzeit mehr auf die Fatah stützt als auf seine Autonomiebehörde, dann ist das auch ein Ergebnis der israelischen Politik: Wegen der ständigen Straßensperrungen kommen die Angestellten der Behörde nicht mehr zur Arbeit, die politischen Gremien können nicht zusammentreten, und wegen der wirtschaftlichen Strangulierung der palästinensischen Gebiete gibt es kaum etwas zu verwalten.

Der von Israel herbeigeführte Zusammenbruch der Autonomiebehörde kann Arafats Autorität nichts anhaben: Er ist gleichzeitig Führer der Fatah und Vorsitzender des Exekutivkomitees der PLO. In diesen Rollen hat er jetzt Zuflucht gefunden - sie haben ihm im Zweifel in der Vergangenheit auch mehr Respekt eingebracht als sein oft klägliches Auftreten als Quasi-Staatsoberhaupt. In der Fatah und der PLO kann er auf Leute zurückgreifen, die keinen Schreibtisch brauchen und Flugblätter notfalls mit der Hand abschreiben.

Auch Arafat selbst führt ein improvisiertes Leben. Aus Sicherheitsgründen wechselt er nach wie vor oft das Domizil, übernachtet bei Freunden und in ständig wechselnden Unterkünften, wo er, wie es heißt, regelmäßig bis spät in die Nacht arbeitet. Seine Frau lebt in dem schicken Pariser Vorort Neuilly in einer abgeschotteten Villa; zuletzt präsentierte sie sich der Weltöffentlichkeit am Bügelbrett, wie sie Arafats Keffieh plättete. Als sie in einem Interview mit einer ägyptischen Zeitschrift sagte: "Ich hasse die Israelis", wurde das auch ihrem Mann zur Last gelegt.

Immer wieder wird über Arafats Gesundheitszustand spekuliert. Möglicherweise um den Gerüchten vorzubeugen, fliegt er alle paar Wochen mit einem jordanischen Militärhubschrauber nach Amman, wo er sich von seinem Hausarzt untersuchen lässt. Das Ergebnis ist regelmäßig eine knappe, immer gleich lautende Mitteilung: Dem Palästinenserpräsidenten geht es gut. Die Fernsehbilder zeugen von einer anderen Wahrheit: Arafat bleibt nicht mehr endlos viel Zeit. Dennoch scheint er davon überzeugt, dass die Uhr nicht gegen ihn läuft: Je länger und aggressiver Israel gegen palästinensische Zivilisten vorgeht, desto mehr Druck wird international auf Israel ausgeübt. Der Mitchell-Report über die Ursachen der Gewalt im Nahen Osten, der ein Ende des Siedlungsbaus in den Autonomiegebieten fordert und dessen Umsetzung Arafat in Paris verlangte, scheint das zu bestätigen.

Aber Arafat kann sich auch verschätzen, wie er in seinem Leben so oft die internationalen Reaktionen falsch eingestuft hat: Damals in Jordanien, als er die Entschlossenheit König Husseins und anderer arabischer Regime unterschätzt hatte, notfalls mit Gewalt gegen revolutionäre Palästinensergruppen vorzugehen. Am Ende starben Zehntausende Palästinenser. Oder zuletzt im Golfkrieg, als er sich unter dem Druck der eigenen Bevölkerung auf Seiten Saddam Husseins schlug. Das hätte Arafat beinahe mit einem Bankrott der PLO bezahlt, Tausende Palästinenser wurden aus den Golfstaaten vertrieben.

Vielleicht geht es Arafat einfach ähnlich wie vielen Palästinensern: Er hat das Gefühl, dass er nichts zu verlieren hat. Man sieht es ihm nicht an. Einen unsagbar traurigen Ausdruck hatte sein Gesicht schon immer.

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